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Impfung : Der Streit um den Pieks

Über das Für und Wider der Impfungen gibt es bei Ärzten verschiedene Ansichten Bild: dpa

Viele Eltern haben Zweifel, welche Impfungen für ihr Kind wirklich gut sind. Sie finden Bestätigung bei Skeptikern wie dem Kinderarzt Martin Hirte. Deren Kritik halten die Fachleute der Impfkommission aber für gefährlich.

          Das Baby, das in der Tragetasche auf dem Fußboden schläft, ist eigentlich überfällig. Es ist drei Monate alt. Gestern war seine Mutter mit ihm bei der Kinderärztin zur Vorsorgeuntersuchung U4: Wiegen, messen, Reflexe und Reaktionen prüfen. Im Idealfall wäre es bei dieser Gelegenheit schon zum zweiten Mal geimpft worden. Aber das ist nicht passiert.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Stattdessen sitzt die junge Frau in einem Korbsessel im Sprechzimmer von Martin Hirte. Auf ihren Knien liegen ein dickes blaues Taschenbuch, ein Textmarker, ein Stift. Eigentlich wollte auch ihr Mann zur Impfberatung bei dem Münchner Homöopathen mitkommen, der 2001 das blaue Buch mit dem Titel „Impfen Pro & Contra“ geschrieben hat. 80 Euro zahlt das Paar für eine halbe Stunde mit dem Arzt, den impfskeptische Väter und Mütter als Orientierungshilfe schätzen. Im Herbst ist die 17. Auflage seines Ratgebers erschienen.

          Gegen Krankheiten Immunisieren

          Aber die Frau sagt: „Mein Mann liegt flach.“ Ihrem Neugeborenen zuliebe haben die Eltern sich vor drei Monaten gegen einen ganzen Strauß an Krankheiten impfen lassen. Seitdem, sagt die Mutter, seien sie ständig angeschlagen. Und selbst wenn niemand wisse, ob die erhöhte Infektanfälligkeit tatsächlich eine Folge der Immunisierungen sei - die Frau blickt zu ihrem schlafenden Sohn in der Tragetasche und sagt: „Ich will ihm das nicht antun.“

          Die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut in Berlin (Stiko) empfiehlt, Babys in den ersten vier Lebensmonaten dreimal gegen verschiedene Krankheiten zu immunisieren: Tetanus, Diphtherie, Kinderlähmung, Keuchhusten, Haemophilus influenzae Typ B (Hib), Hepatitis B, Pneumokokken. Nach dem ersten Geburtstag kommen der Schutz gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken sowie gegen Meningokokken hinzu. „Die Impfkommission empfiehlt ja leider fast alles, was auf dem Markt ist“, sagt Hirte zu der jungen Frau. Dann folgen Sätze wie: „Das Wichtige ist für mich der Impfzeitpunkt.“ Oder: „Das Für und Wider abzuwägen ist schwierig.“ Oder: „Ich überlasse die Entscheidung den Eltern.“

          Die Stiko ist so etwas wie der Gralshüter richtigen Impfens. Der Bundesgerichtshof hat dem Gremium aus 17 Experten im Jahr 2000 bescheinigt, dass seine Entscheidungen den wissenschaftlichen Standard abbilden. Das aber ändert nichts daran, dass die „latente Skepsis“ Impfungen gegenüber wächst, wie auch der Stiko-Vorsitzende Jan Leidel beobachtet. Ein Luxus-Phänomen: Wer sein Leben von Seuchen bedroht sieht, nimmt gewisse Risiken in Kauf, um sich zu schützen. In einem Land jedoch, wo niemand mehr an Pocken stirbt oder Kinderlähmung bekommt, weil Impfungen diesen Erregern den Garaus gemacht haben, verschiebt sich die Wahrnehmung. Plötzlich rücken seltene Nebenwirkungen der Immunisierung ins Rampenlicht, und man meint, die Wahl zu haben. Dabei gedeiht dieses Gefühl nur dank des Schutzschirms, den die geimpfte Mehrheitsbevölkerung auch über dem Abweichler aufspannt: Meist ist das Ansteckungsrisiko nur wegen der sogenannten Herdimmunität gering.

          „Ich gebe schon mal ein Antibiotikum, aber selten“

          Hirte betreibt seit 1990 eine homöopathische Kinderarztpraxis ein paar Schritte vom Münchner Marienplatz entfernt. Seine Patienten sind privat versichert, kommen mit Termin - und teilen ein Weltbild, das von der schulmedizinischen Lehrmeinung mitunter deutlich abweicht. „Ich gebe schon mal ein Antibiotikum, aber selten. Das ist für mich immer so ein bisschen eine Niederlage“, sagt der Achtundfünfzigjährige. Wenn Mütter ihm beichten, dass sie ein Fieberzäpfchen verabreicht haben, sagen sie „ausnahmsweise“ oder erklären, dass sich das Kind gegen Wadenwickel gewehrt habe. Denn Fiebersenkung, so Hirte, nutze weniger dem Kind als den Eltern und mache schwere Krankheitsverläufe wahrscheinlicher.

          Im Wartezimmer dominiert Holzspielzeug, im Sprechzimmer Klarheit: Parkett und der sichere Geschmack von Hirtes Frau. Auf dem Anrufbeantworter der Praxis findet sich für Notfälle auch die Privatnummer des Arztes. Hirte horcht ab, flirtet mit Babys und überredet einen schüchternen Fünfjährigen, für die Vorsorgeuntersuchung auf einem Bein zu hüpfen.

          Als Arzt und Autor empfindet Martin Hirte Impfungen als Zumutung

          Vor allem aber redet Hirte mit seinen Patienten, manchmal auch nur am Telefon. Wie hört sich der Husten an? Isst das Kind? Und die Laune? Homöopathen brauchen keine Diagnosen, sondern Symptome, die umso besser behandelt werden können, je eindeutiger sie sind. Wenn also ein Dreizehnjähriger mit feuerrotem Mittelohr berichtet, dass er beim Husten Blutgeschmack verspüre, ist Hirte sich seiner Sache sicher. Er verschreibt ein paar Kügelchen und sagt: „Wenn du in zwei Tagen nicht gesund bist, rufst du mich an und beschwerst dich.“ Bisweilen sagt er nur: „Da machen wir jetzt einfach mal nichts.“

          Spritze. Fertig.

          Ab und an wird auch geimpft. Rechtzeitig etwa bevor eine Familie nach Südafrika reist, werden die Töchter gegen Tetanus, Polio und Diphtherie immunisiert. Dann weist Hirte die Mutter an, ihrer Dreijährigen die Strumpfhose auszuziehen und sie auf den Arm zu nehmen. Spritze. Fertig. Einer anderen Mutter rät er dringend, ihren Fünfjährigen gegen Masern zu impfen, damit er seine vier Monate junge Schwester nicht anstecken kann. Wichtig sei auch, Erwachsene zu schützen, bei denen die Krankheit komplikationsreicher verlaufe. „Also impfe ich mein Kind für andere?“, fragt die Mutter. Hirte verneint. Der Junge selbst profitiere auch, Masern seien tatsächlich eine „krasse Krankheit“. Aber auch der Frage der gesellschaftlichen Verantwortung müsse sich jeder stellen.

          So wie Hirte auf Wunsch das komplette Impfprogramm der Stiko durchzieht, betreut der Arzt auch Jungen und Mädchen, die nicht einmal den von ihm persönlich favorisierten Schutz gegen Tetanus, Polio, Diphtherie und Masern haben. Diese Kinder, sagt er, seien oft sehr gesund. Noch nie, sagt er, habe das Nicht- oder Später-Impfen in seiner Praxis zu Nachteilen geführt. Kurz darauf hört er die drei Kinder einer schicken Münchnerin ab, die diesen Winter regelmäßig bei ihm im Wartezimmer sitzen. Seit die Ungeimpften im Herbst der Reihe nach Keuchhusten hatten, reagieren ihre Bronchen überempfindlich. Aber das, sagt Hirte, gehe vorbei.

          Für den Kinderarzt ist jede Impfung eine potentielle Zumutung für das Immunsystem, und je jünger Kinder sind, je weniger das komplexe Zusammenspiel der Abwehrkräfte ausgereift ist, umso größer die Belastung. Flächendeckende Impfprogramme könnten nicht nur bei der Entstehung von Allergien, sondern auch bei der Zunahme von Autoimmunerkrankungen eine Rolle spielen, sagt Hirte - wenn auch nicht als einziger Faktor. Seine größte Skepsis gilt dabei Aluminiumsalzen, die Totimpfstoffen zugesetzt werden, um die Antikörperbildung des Körpers überhaupt erst in Gang zu setzen. „Die Problematik des Aluminiums ist völlig unterbelichtet“, glaubt Hirte. „Das ist ein Stoff, der im Organismus nichts zu suchen hat.“

          Lehren aus der DDR ziehen

          Stiko-Mann Leidel hält solche Behauptungen für unverantwortlich: „Die Weltgesundheitsorganisation hat erst im vergangenen Sommer bekräftigt, dass diese Aluminium-Problematik nicht existiert.“ Es gebe weder Beweise, dass Impfungen Autoimmunerkrankungen auslösten, noch lasse sich die These vom erhöhten Allergierisiko untermauern, wie insbesondere die Erfahrungen in der DDR bezeugten, in der es sowohl eine Impfpflicht als auch besonders wenige Allergiker gegeben habe. Überhaupt kämen impfkritische Studien immer aus „derselben Ecke“ und würden gerne überbewertet, so Leidel.

          Der Virologe, der viele Jahre das Kölner Gesundheitsamt geleitet hat, ist kein Hardliner. „Man kann sich über die Notwendigkeit der Impfung gegen Windpocken sicherlich vernünftig streiten“, sagt er beispielsweise. Ähnlich wie Hirte würde er es begrüßen, wenn die Einführung neuer Impfstoffe anders als bisher von Begleitstudien flankiert würde, die die Pharmaindustrie finanzieren müsste, ohne sie direkt zu verantworten.

          Dann aber sagt Leidel: Wer von der Stiko empfohlene Impfungen ablehne oder auf einen späteren Zeitpunkt verschiebe, der „nimmt in Kauf, dass Kinder auf der Strecke bleiben“. Der Kommissionsvorsitzende warnt: „Vom Ergebnis her sind Hirtes Ratschläge zum Teil gefährlich, weil vermeidbare Krankheiten mit vermeidbaren Folgen auftreten.“ Ein Beispiel: die Hirnhautentzündung Hib, die Säuglingen früher oft genug das Leben gekostet habe. „Wenn wir heute noch Todesfälle haben, dann handelt es sich in aller Regel um nicht oder zu spät geimpfte Kinder“, sagt Leidel.

          Fundamentales Misstrauen gegenüber der Pharmaindustrie

          Hirte, in einem gutbürgerlich-katholischen Elternhaus aufgewachsen und Vater von vier erwachsenen Kindern, hat seine Wurzeln in der Ökologiebewegung der achtziger Jahre. Sein Haus am Ammersee ist mit Schafwolle gedämmt, als Mitglied der örtlichen Eine-Welt-Gruppe veranstaltet er umweltpolitische Filmabende. Seine Kritik an der herrschenden Impfpraxis basiert unter anderem auf einem fundamentalen Misstrauen gegenüber der Pharmaindustrie. Er behauptet, viele Empfehlungen der Stiko ergingen auf der Grundlage interessegeleiteter Studien. Risiken und Nebenwirkungen würden unzureichend erfasst und erforscht. Hirte geht von jährlich 15 bis 20 anerkannten bleibenden Impfschäden aus, die er nur für die Spitze des Eisbergs hält. Stiko-Mann Leidel sagt hingegen: „Impfstoffe gehören zu den bei weitem sichersten Arzneimitteln, die wir überhaupt zur Verfügung haben.“ Für Hirte bleibt die Impfentscheidung trotzdem eine intuitive: Eltern müssten abwägen zwischen ihrer Angst vor teils schweren, teils seltenen Krankheiten mit möglichen Komplikationen sowie der Sorge, bei ihrem gesunden Baby durch eine Impfung Langzeitschäden zu riskieren.

          Dabei ist es eigentlich Zweck der Stiko, Eltern aus diesem Dilemma zu befreien. Leidel erklärt: Indem das Gremium die vorhandene Studienlage systematisch nach objektiven Kriterien analysiere und gewichte, gelange es zu fundierten Einschätzungen auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Ein Kinderarzt, der neben seinem Praxisbetrieb Bücher schreibe, könne diesen Anspruch nicht erfüllen. „Das hat mit Wissenschaft nicht viel zu tun, sondern eher mit Weltanschauung“, resümiert Leidel. Und: „Wenn jemand Unsicherheiten schürt und Menschen dadurch hindert, von den Segnungen des Impfens Gebrauch zu machen, dann ist das schlimm.“

          Die junge Frau im Sprechzimmer von Martin Hirte greift nach der Tragetasche mit dem schlafenden Baby. Sie hat beschlossen, ihren Sohn mit fünf Monaten gegen Hib impfen zu lassen und dann mit einem Jahr gegen Tetanus, Polio und Diphtherie - alles Weitere gegebenenfalls später. „Super“, sagt sie und steht auf. „Ungefähr so hatte ich mir das vorgestellt.“

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