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Impfstoff gegen H1N1 wird entsorgt : Vom Heilmittel zum Restmüll

Da sich nicht einmal jeder zehnte Deutsche impfen ließ, sind noch bis zu 30 Millionen Impfdosen übrig Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

Seit die Weltgesundheitsorganisation die Schweinegrippe-Pandemie vor gut einem Jahr für beendet erklärt hat, war der Impfstoff nicht viel mehr als teurer Restmüll. Nun wird er verbrannt.

          Rund 15 Tonnen Schweinegrippe-Impfstoff wandern demnächst in eine deutsche Müllverbrennungsanlage. Zehn Dosen des Impfstoffs Pandemrix entsprechen jeweils fünf Milliliter. Angeliefert wird dieser Restmüll in den üblichen Durchstechfläschchen aus Glas und in seinen Verpackungen. Jeden Tag werden auf diese Weise irgendwo in Deutschland Altmedikamente verbrannt. Dass ganze Chargen eines Heilmittels allerdings in einem Feuerraum bei 1000 Grad vernichtet werden müssen, kommt selten vor. Die Kosten für die Entsorgung werden zwar kaum zu Buche schlagen – eine Tonne Müll in einer Verbrennungsanlage zu verfeuern kostet rund 100 Euro. Aber die ganze Angelegenheit „Schweinegrippeimpfstoff“ ist letztlich ein kostspieliges Unterfangen gewesen.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Das bevölkerungsreichste Bundesland zum Beispiel hat nach Ausrufung der Pandemie vor gut zwei Jahren 7,1 Millionen Dosen des Impfstoffs bestellt. Rund eine Million davon wurden abgerufen, ein großer Teil dürfte auch verimpft worden sein. Wenige Restbestände werden auch noch in einigen Arztpraxen oder auch Apotheken lagern und ebenfalls bald entsorgt werden. Die Kosten für die Schweinegrippe-Impfung selbst trugen die Krankenversicherungen. Mehr als sechs Millionen Dosen Pandemrix, hergestellt vom Unternehmen Glaxo-Smith-Kline, hat Nordrhein-Westfalen aber noch immer eingelagert – „dezentral“, wie es aus dem Landesgesundheitsministerium heißt. Wo genau die Länder ihre Pandemrix-Bestände aufbewahren, bleibt geheim.

          Kostenübernahme kommt nicht in Frage

          Die ursprüngliche Menge des Impfstoffs, mit der man gut jeden dritten Bürger des Landes mit seinen knapp 18 Millionen Einwohnern einmal hätte impfen können, hat 62 Millionen Euro gekostet. Alles in allem bleibt Düsseldorf nun auf gut 46,9 Millionen Euro sitzen – eingeschlossen darin sind die Beschaffung und die knapp zweijährige Lagerung des Impfstoffs, aber nicht die Entsorgung. „Wir rechnen trotzdem am Ende mit knapp 47 Millionen Euro“, sagt Ministeriumssprecherin Serap Celen.

          Sachsen-Anhalt mit seinen gerade mal 2,3 Millionen Einwohnern hat 1,02 Millionen Impfdosen bestellt. Immerhin 285.000 wurden verimpft. Mit einer Impfquote von rund zwölf Prozent lag Sachsen-Anhalt in Deutschland an der Spitze. Denn statt wie erhofft 30 Prozent haben sich weniger als zehn Prozent der Deutschen gegen die Schweinegrippe impfen lassen. Zur Zeit lagern noch 300.000 Impfdosen ein, wie der Ministeriumssprecher in Magdeburg berichtet. Das Land habe für den nicht genutzten Impfstoff rund sechs Millionen Euro aus der Landeskasse zahlen müssen. „Die Bemühungen der Länder, eine Kostenbeteiligung des Bundes zu erreichen, waren nicht erfolgreich.“ Zweimal stand das Thema auf der Tagesordnung der Gesundheitsministerkonferenz (GMK). Die GMK bat den Bund zudem um Prüfung, „wie die Impfstoff- und Arzneimittelversorgung in Deutschland in Krisenfällen künftig nachhaltig sichergestellt werden kann“. Das Ergebnis, auch unter dem neuen Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP), lautet, wie es aus Ministeriumskreisen heißt: Eine Kostenübernahme durch den Bund kommt nicht in Frage. Der Kommentar aus dem Ministerium in Düsseldorf dazu: „Alle Länder sind mit ihrem Ansinnen gegen die Wand gefahren.“

          Allerdings ist unstreitig, dass die Länder den Impfstoff bestellt haben. Sie müssen ihn also auch bezahlen. Der Bund hatte nur – aufbauend auf die Erfahrungen mit der Vogelgrippe – im Jahr 2005 Vorverträge mit Impfstoffherstellern abgeschlossen. Die Kapazitäten bei der Produktion sind nämlich begrenzt. Im Falle einer Influenza-Pandemie müssen die wenigen Unternehmen, die auf Impfstoffe spezialisiert sind, ihre Produktion erst so schnell wie möglich von der Herstellung des saisonalen Grippe-Impfstoffs umstellen. Bis dann der Wirkstoff gegen das bislang unbekannte neue pandemische Virus vorliegt, vergehen Wochen. Berlin sicherte immerhin eine Pandemieproduktion von 82 Millionen Dosen vertraglich ab. Die Länder bestellten dann aber nur 50 Millionen, unter der Maßgabe, dass 30 Prozent der Bevölkerung versorgt werden sollten – zunächst vor allem Polizisten, Feuerwehrleute, Ärzte und das Pflegepersonal in Krankenhäusern sowie chronisch Kranke.

          Haltbarkeitsdatum läuft ab

          Zwar drängte der Bund die Länder, mehr Dosen zu bestellen – denn zunächst gingen die zuständigen Bundesbehörden, das Paul-Ehrlich-Institut und das Robert-Koch-Institut, davon aus, dass jeder Patient zweimal geimpft werden müsse. Am Ende erwies sich der Impfstoff aber als so wirksam, dass eine einmalige Impfung ausreichte. Daraufhin einigten sich die Länder mit dem Pharmaunternehmen darauf, dass sie nur 34 Millionen Dosen Pandemrix abnehmen mussten. Statt 416,5 Millionen mussten sie nun noch 303,2 Millionen Euro dafür zahlen. Da sich aber nicht einmal jeder zehnte Deutsche impfen ließ, sind noch bis zu 30 Millionen Impfdosen übrig. Es wird also demnächst Sondermüll im Wert von insgesamt rund 250 Millionen Euro vernichtet.

          Entsorgt werden muss der Pandemieimpfstoff im Herbst endgültig. Schon vor ziemlich genau einem Jahr hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Pandemie für beendet erklärt, seither war der Impfstoff nicht viel mehr als teurer Restmüll. Die Hoffnung der Gesundheitsminister, das Heilmittel womöglich an hilfsbedürftige Staaten abgeben zu können, zerschlug sich. In wenigen Wochen läuft nun auch das Haltbarkeitsdatum des Impfstoffs ab. Darum haben die Länder Sachsen-Anhalt, das aktuell den Vorsitz einer Unterarbeitsgruppe der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden innehat, beauftragt, bei Firmen zur thermischen Entsorgung Angebote für die Entsorgung einzuholen. Über die Kosten für die Entsorgung will der Ministeriumssprecher in Magdeburg nicht spekulieren. Inoffiziell rechnen die Länder aber mit nicht mehr als 10.000 Euro, die auf die Länder aufgeteilt werden.

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