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Schutz vor Viren : Wie gefährlich ist Dreck wirklich für Kinder?

  • -Aktualisiert am

Schnell die Hände waschen? Oder einfach weiterspielen? Bild: plainpicture/Cavan Images

Kinder haben ständig mit Bakterien und Viren zu tun, nicht nur, wenn sie im Matsch spielen. Wird ihr Immunsystem so wirklich gestärkt? Oder machen die Keime krank? Die zehn wichtigsten Fragen und Antworten.

          Genüsslich tunkt Eva ihre Reiswaffel in den Sand auf dem Spielplatz und beißt ein großes sandiges Stück ab. Danach wird die Reiswaffel noch ein paarmal paniert und aufgegessen. Zum Trinken gibt es Wasser von den Wasserspielen, die auf dem Spielplatz laufen. So kann ein Spielplatz-Kinder-Menü in der Stadt aussehen, wenn Eltern einmal kurz nicht hinschauen. Auch Gras und Blumen werden gerne einmal probiert. Jeder Erwachsene bekommt schon bei dem Gedanken an das schmutzige Wasser Magenschmerzen und findet auch Sand im Mund mitunter recht ekelhaft.

          Einige Eltern gehen allerdings entspannt mit dem Thema um, andere wiederum versuchen, ihr Kind vor dem Spielplatzdreck und heruntergefallenem Essen zu schützen, und sprühen alles mit Desinfektionsmittel ab. Da werden ständig Hände abgewischt und „Nicht in den Mund nehmen!“ gerufen, ein heruntergefallener Keks sofort in den nächsten Mülleimer geworfen und das Kind nach dem Ausflug auf den Spielplatz gebadet und gewaschen, damit es sauber ist. Doch wie sinnvoll ist das, und sind Keime nicht auch nützlich? Wie entspannt können Eltern mit Dreck umgehen, und wann ist es wichtig, aufzupassen?

          Professor Eckard Hamelmann von der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Kinderzentrum Bethel in Bielefeld, beantwortet die zehn wichtigsten Fragen zur Kinderhygiene.

          1. Ist Dreck grundsätzlich schädlich? Wie gefährlich sind Bakterien und Viren?

          Vor einer übertriebenen Sorge vor Keimen rät Hamelmann ab. Ein normales Leben auf dem Spielplatz oder im Wald sei erst einmal nicht gefährlich. In Dreck kann nämlich vieles stecken: Gutes und Schlechtes muss man hier unterscheiden. Es gibt laut Hamelmann harmlose Bakterien, die vom Körper wahrgenommen werden, aber zu keiner Krankheit führen, und dann gibt es Bakterien und Viren, die zu Krankheiten führen können, zum Teil auch zu gefährlichen.

          „Allerdings leben auf uns auch zehn Mal mehr Mikroben, als wir eigene Körperzellen haben“, erklärt Hamelmann. Und zu viel Sauberkeit schade eher, da unser Immunsystem im Kindesalter sonst nicht richtig eingeschaltet werde. „Allergien und Autoimmunerkrankungen wie Diabetes Typ 1 treten heute viel häufiger auf, als das früher noch der Fall war. Genetisch kann dies nicht begründet werden. Es sind Umweltfaktoren, die dazu beitragen“, sagt Hamelmann. Der Grund: Es fehle heute in der frühen Kindheit oft der Kontakt zu Mikroben und Pilzen, die unser Immunsystem anregen und regulieren.

          Ob kaltes oder warmes Wasser, ist egal, denn viele Keime erwischt man tatsächlich erst ab 60 Grad.

          2. Helfen Kindern viele Infektionen, um das Immunsystem aufzubauen?

          „Die Frage lässt sich nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten“, sagt Hamelmann. Es komme immer auf die Art und Weise der Infektion an und wer diese bekommt. Wenn sich ein Frühgeborenes ein für Erwachsene „harmloses“ Schnupfenvirus einfängt, kann dies bei ihm eine schwere Infektion der Luftwege auslösen, die im schlimmsten Fall bis zur Beatmung auf der Intensivstation führen könne. Zudem hat ein Frühgeborenes nach einer solchen Infektion ein deutlich höheres Risiko, Asthma zu entwickeln. Für dieses Kind ist diese Virusinfektion natürlich nicht gut.

          Positiv sei aber grundsätzlich, dass durch die Auseinandersetzung mit Keimen bei sonst gesunden Kindern eine Grundstimulation des Immunsystems erreicht wird, so dass das Immunsystem aufgebaut werden kann.

          3. Wie viel Schutz brauchen Neugeborene?

          Ein Segen der Zivilisation und echter medizinischer Fortschritt seien erst einmal die verbesserte Hygiene und die Verfügbarkeit von Antibiotika, so Hamelmann. Das habe unsere Überlebensrate enorm erhöht, und deswegen sind Säuglings- oder auch Müttersterblichkeit dramatisch zurückgegangen. „Da Neugeborene und Säuglinge in den ersten drei Monaten einen natürlichen Nestschutz haben und von der Mutter eine Basisausstattung an Abwehrkräften gegen die üblichen Krankheitserreger mitbekommen haben, müssen sich Eltern bei gesunden Babys nicht übertrieben verrückt machen“, sagt Hamelmann. Eltern müssen also zu Hause keine aktiven Desinfektionsmaßnahmen treffen und mit einem Desinfektionsmittel um das Baby herumwischen. Hamelmann rät aber, dass es sinnvoll sei, sich regelmäßig die Hände zu waschen, vor allem, wenn man von draußen hereinkommt. Wichtig sei natürlich die Durchführung der Standardimpfungen ab dem 3. Lebensmonat, so wie vom Robert-Koch-Institut empfohlen.

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