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Internet als Arzt : Google dir deine Krankheit

Noch wird er gebraucht: Ein Arzt untersucht einen Patienten. Bild: dapd

Es ist ein Volkssport geworden, bei Beschwerden ins Internet zu gehen. Das ändert das Verhältnis zwischen Arzt und Patient. Sind Mediziner irgendwann überflüssig?

          Der Nacken ist verspannt, oder es drückt im Bauch. Immer mehr Deutsche gehen dann nicht gleich zum Arzt, sondern schauen nach, ob ihnen das Internet weiterhilft. Die Suchmaschine Google zeigt sich allwissend und einfühlsam: Tippt man ins Eingabefeld „Nacken verspannt“, vervollständigt sie mit „Kopfschmerzen“, „Übungen“ oder „Übelkeit“, zu „Druckschmerz Bauch“ bietet sie „Blähungen“ und „schwanger“ an.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wer sich durch die Ergebnislisten klickt, landet auf Seiten von Krankenkassen, Vereinen, Pharmaunternehmen, Verlagen, Medizinern, Hobbyratgebern. Kann sein, dass dort Hilfe wartet. Kann aber auch sein, dass die Beschwerden sich nach der Lektüre schlimmer anfühlen als vorher. Jedenfalls dann, wenn der Nutzer zum Hypochonder neigt. Denn mit ziemlicher Sicherheit wird das Internet bei egal welchem Leiden wissen, dass es sich im schlimmsten Fall um einen Tumor handelt.

          Von den Deutschen suchen 38 Prozent bei Gesundheitsfragen Rat im Netz, fand die Bertelsmann Stiftung kürzlich heraus. Das sind zehn Prozentpunkte mehr als noch vor fünf Jahren. Laut einer Studie des privaten Versicherers Central sind die meistgesuchten Krankheiten Schilddrüsenvergrößerung und Diabetes. Ebenfalls unter den ersten zehn: Hämorrhoiden, Depression und Magersucht, also Leiden, über die viele nicht gerne sprechen, auch nicht mit dem Arzt. Je mehr das Krankheiten-Googeln zum Volkssport wird, desto stärker stellt sich für Politiker und Mediziner die Frage nach der Qualität des Angebots. Denn das ist in vielen Fällen richtig schlecht: lückenhafte oder veraltete Informationen, Widersprüche, Fehler. Manchmal dienen die Texte und Bilder vor allem dazu, für ein Medikament oder eine Heilmethode zu werben.

          Gutinformierte Patienten machen vieles einfacher

          Medizinische Literatur systematisch zu suchen, auszuwerten und zu bewerten ist teuer, denn dafür werden Fachleute gebraucht. Viele Anbieter von Ratgeberseiten können oder wollen sich das nicht leisten. Das Bundesgesundheitsministerium empfiehlt Bürgern die Seite des „Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“. Das Institut erfüllt den gesetzlichen Auftrag, die Öffentlichkeit über gesundheitliche Fragen aufzuklären, die Seite heißt www.gesundheitsinformationen.de. Wer im Netz nach gängigen Krankheiten sucht, findet solche Angebote, die Wert auf Recherche und Richtigkeit legen, aber selten unter den ersten Treffern.

          Die organisierte Ärzteschaft findet es grundsätzlich gut, wenn Patienten sich im Internet informieren. „Die Frage ist nur, wann sie es tun und wo sie suchen“, sagt Corinna Schaefer. Sie befasst sich in einem gemeinsamen Institut von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung mit dem Thema. In dem Institut - es heißt „Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin“ - hält man es für falsch, Symptome zu googeln. Aber sich nach einem Arztgespräch zu informieren sei nicht verkehrt. „Wenn Patienten richtige und gute Informationen haben, vereinfacht das vieles.“

          Genauso können Daten, die Patienten selbst mit Fitnessarmbändern aufgezeichnet haben, wertvoll für den Arzt sein. Manche Mediziner bemerken aber auch, dass ihre Patienten misstrauischer sind als früher. Sie haben im Wust des Netzes so viele Informationen gefunden, dass sie sich auf den Arzt nicht mehr verlassen wollen und lieber noch Termine bei einem zweiten, dritten, vierten machen. Der Arzt wird stärker zum Dienstleister, zu einer Informationsquelle neben anderen. Das Arzt-Patienten-Verhältnis wird loser, je mehr das Internet und die Elektronik sich einklinken.

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