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Horn von Afrika : „Das wirkt wie Kokain“

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Aufputschmittel für alle: Am Horn von Afrika gehört Khat zur Alltagskultur Bild: AP

Nach Dschibuti werden täglich rund 12.000 Tonnen Khat eingeflogen - und das ganz legal. Das grüne Kraut ist die Volksdroge am Horn von Afrika. Der Vertrieb ist praktisch staatlich geregelt und garantiert gewaltige Umsätze. Markus Frenzel hat den Handel in der Stadt beobachtet.

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          Nehmen wir Nürnberg, das würde von der Größe her passen. Man stelle sich also vor, dass in Nürnberg täglich ein Flugzeug landet und Tonnen von Ecstasy liefert. Genau so viel, dass ein Großteil der 500.000 Einwohner seinen Kick für den Tag bekommt. Ganz legal. Unvorstellbar? Nicht in Dschibuti. Geradezu generalstabsmäßig wird hier täglich eine Droge unters Volk gebracht, die man getrost als Bio-Ecstasy bezeichnen könnte. Khat heißt das Zeug. Ein grünes Kraut mit festen, ledrigen Blättern.

          In Dschibuti, der Stadtrepublik am Horn von Afrika, sieht man an jeder Ecke Hafenarbeiter oder Straßenverkäufer stehen, die den Mund mit Khat vollgestopft haben und kräftig darauf herumkauen. Niemand scheint sich daran zu stören, dass große Teile der Bevölkerung von den Blättern abhängig sind. Wie auch? Die Dealer werden von ganz oben protegiert, der Handel mit Khat ist praktisch staatlich geregelt. Die Frau des Präsidenten höchstpersönlich soll den Absatz organisieren, erzählen sich die Einheimischen. Und das scheint keine Phantasterei.

          Zwölf Tonnen Khat täglich

          Mittags, kurz vor 13 Uhr. Die Sonne brennt auf das mickerige Flughafengebäude von Dschibuti, es herrschen 42 Grad im Schatten. Auf dem staubigen Parkplatz vor dem einzigen Terminal stehen zwei Lastwagen: ein klappriger Benz, dahinter ein Vierachser mit Anhänger. Unruhe liegt in der Luft. Männer in langen Beinkleidern warten unter den wenigen Bäumen und spähen nervös in den Himmel. Polizisten drängen sich um das Gittertor vor der Landepiste, unter dem Arm leere Tragetaschen. Auf einmal starten die Motoren, die Fahrer scheinen ein Signal bekommen zu haben. Sicherheitsleute reißen das Tor zur Landepiste auf, die Laster rattern hinein.

          Eine Tonne des bitteren Krauts bringt 40.000 Dollar

          13:15 Uhr: Dröhnend stößt eine alte Vierpropellermaschine mit der Kennung „LZ-SFI“ auf den Flughafen herab und landet. „Nach der Khat-Lieferung können Sie Ihre Uhr stellen“, sagt Taleb, mein arabischer Begleiter, „jeden Tag um die Mittagszeit kommt das Flugzeug an.“ Eine Seitenklappe der Antonow geht auf, die Heckluke fährt herunter. In Windeseile entladen die Hilfskräfte, jetzt in professionellen Neonwesten, die Maschine. Ständig fliegen graue Säcke aus den Klappen. Zwölf Tonnen Khat sollen so täglich in Dschibuti anlanden.

          Khat ist die Volksdroge am Horn von Afrika

          Eine knappe Viertelstunde dauert das Spektakel. Dann ist der Flieger leer, dafür sind die beiden Laster bis unters Dach mit den Jutesäcken vollgestopft. Mehrere Männer kauern dazwischen oder halten sich am Gestänge fest. Durch das Flughafentor schlendern Polizisten hinaus, unter ihren Armen dickgefüllte Taschen. Andere verstecken ihre Schätze nicht einmal. Aus Plastiktüten quellen Büschel von Khat. Selbst ein hoher Offizier der Polizei, den Taleb erkennt, kommt mit seinem Jeep grinsend aus dem Gelände herausgefahren. „Djibouti Port“, steht hinten auf dem Ersatzrad, „at the crossroads of three continents.“

          Khat ist die Droge des Horns von Afrika, dieses staubigen Niemandslands zwischen Rotem Meer und Indischem Ozean. Khat steht auch hinter den vielen blutigen Kriegen der Region. Wenn eritreische Freiheitskämpfer in ihre Panzer stiegen oder somalische Warlords ihre Kämpfer anheizten, dann war meistens auch das aufputschende Kraut im Spiel. „Zwei Jahrzehnte Krieg haben Somalias Handel weitgehend zum Erliegen gebracht, doch das Chaht gelangt mit Leichtigkeit überallhin“, schreibt der amerikanische Autor Denis Johnson in seinen Erinnerungen an den somalischen Bürgerkrieg von 1993.

          Selbst Geistliche probieren das grüne Kraut

          Khat, manchmal auch Chaht oder Qat, Greenleaf oder Miraa genannt, ist eine Pflanze, die in den tropischen Teilen Ostafrikas und auf der Arabischen Halbinsel wächst. Die kleinen Zweige mit den begehrten Blättern werden von mehreren Meter hohen Bäumen geschnitten. Wirkstoff des Khat ist eine Substanz, die mit Amphetaminen verwandt ist, anregend wirkt und euphorisch macht. Seit Jahrhunderten wird die Pflanze in den Hochebenen Äthiopiens angebaut, von wo aus Dschibuti heute noch versorgt wird. „Das gibt es hier schon ewig“, erzählt Ali, der als Laufbursche in einer katholischen Mission arbeitet.

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