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Horn von Afrika : „Das wirkt wie Kokain“

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Der Siebenunddreißigjährige hat einen Lebenslauf, wie er in seiner Zerrissenheit typisch ist für die Region. Schon als Jugendlicher heuerte er bei der Polizei an, wurde dann aber als Angehöriger des Issa-Stammes von den regierenden Afar entlassen. Aus Wut darüber ging Ali zu den Issa-Rebellen, fing sich im Bürgerkrieg einen Beinschuss und einen Treffer in der Schulter ein. Danach fand er mit viel Glück den Job in der Mission. Khat hat ihn in allen Phasen seines Lebens begleitet. „Mein Vater hatte es mir verboten, obwohl er selbst kaute“, erzählt Ali. „Aber alle um mich herum haben es probiert, dann habe ich natürlich auch angefangen.“ Vor einiger Zeit hat ihm sogar ein Pater Geld in die Hand gedrückt, um davon Khat zu kaufen. Der Geistliche war neugierig geworden, wollte aber nicht dabei erwischt werden. Sein Drogenexperiment führte der Pater lieber heimlich durch, obwohl der Konsum in Dschibuti legal ist.

Geld aus Khathandel finanziert Krieg gegen Westen

Allerdings nicht für jeden. Die deutschen Soldaten, die im Rahmen der Operation „Enduring Freedom“ vor der Küste Dschibutis kreuzen und regelmäßig einige Tage in der Stadt Landgang haben, müssten den Rausschmiss aus der Bundeswehr fürchten, würden sie die Blätter kauen. Denn für die Militärs gelten strenge Regeln im Einsatz, und Khat steht auf der Drogenliste - wie überhaupt in Deutschland. Auch in Frankreich gilt das Aufputsch-Kraut als illegale Substanz. Nur scheint das die französischen Legionäre wenig zu kümmern. „Wenn wir aus dem Kasernentor rausfahren, halten wir uns an die hiesigen Regeln“, hatte grinsend Anne-Céline Sergent verraten, deren Mann in Dschibuti stationiert ist. Und so hätten viele französische Soldaten das Kraut schon probiert, allerdings wenig Gefallen daran gefunden. Trotzdem haben sie im Französischen schon ein eigenes Verb für den Konsum kreiert. „Les Français ne khatent pas trop“, sagte Sergent: „Die Franzosen khatten nicht oft.“ Für die verwöhnten Geschmäcker sei die Pflanze einfach zu bitter.

Den Amerikanern stellt sich die Frage erst gar nicht. Hinter hohen Mauern haben sich mehrere Tausend GIs in Hafennähe verschanzt. Im Prinzip könnten sie die Droge nehmen, denn die Vereinigten Staaten gehören zu den wenigen westlichen Ländern, in denen die Substanz noch legal ist. Nur trauen sich die Soldaten aus Sicherheitsgründen nicht in die engen Gassen der Altstadt, wo die Händler ihre Läden haben. Außerdem haben hohe FBI-Agenten schon vor der Droge gewarnt und wollen die Pflanze schnellstmöglich verbieten lassen. Denn mit dem Khat-Handel finanzierten islamistische Terroristen ihren Kampf gegen den Westen.

40.000 Dollar pro Tonne

Tatsächlich lässt sich mit den Blättern viel Geld verdienen. Etwa 40.000 Dollar soll eine Tonne davon kosten, schätzten kürzlich kenianische Händler. So erklärt sich, warum Khat auch auf der anderen Seite des Roten Meeres hoch im Kurs steht: Im Jemen gebe es riesige Khat-Plantagen, berichtet Taleb, mein Begleiter, der sich in dem Land fünf Jahre als Elektriker durchgeschlagen hat. Seine Kollegen am Bau hätten ihn immer mit der Droge versorgt. „Die gaben es mir haufenweise“, erinnert er sich: „Da bleibt man wach, das wirkt wie Kokain.“ Ein Reporter der BBC will kürzlich herausgefunden haben, dass 40 Prozent der Wasserreserven des Landes in den Pflanzungen versickern. Wegen der durstigen Gewächse soll sogar die Wasserversorgung Sanaas bedroht sein.

Wir steigen wieder ins Auto, um dem Konvoi der Khat-Laster zu folgen. Kaum hat der Tross das Flughafengelände verlassen, säumen immer wieder kleine Gruppen von Menschen die Straße, schreien, recken die Hände gen Himmel. Die Helfer auf der Ladefläche werfen dann ein oder zwei Säcke herab, worauf die jungen Männer wie eine wilde Horde über das Gut herfallen und es in aller Schnelle zerpflücken. „Auf jedem Sack gibt es Zeichen“, erklärt Taleb, „die wissen genau, wer welche Menge bekommt.“

Die tägliche Drogenration

Als sich die beiden Laster trennen, folgen wir dem Benz. Nach wenigen Metern rumpelt das Gefährt in einen schäbigen Hof, Dutzende Menschen warten schon. Auch hier geht alles wieder ganz schnell: Nach wenigen Minuten sind die Laster leer, und die Säcke finden ihren Weg auf Mopeds und in uralten grün-weißen Taxis in alle Himmelsrichtungen. Eine Stunde später kann sich jeder Dschibutianer im Laden an der Ecke seine Khat-Ration für den Tag kaufen - zu Preisen zwischen umgerechnet drei bis sechs Euro je Bündel.

Einen Tag später am Flughafen: Am Eingang klebt ein großes Schild, auf dem ein durchgestrichenes Büschel abgebildet ist: kein Khat also, zumindest nicht in der Abflughalle. Drinnen schlurft als Erstes ein Arbeiter vorbei, kauend und mit vollgestopftem Mund. Die Khat-Zweige hält er noch in der Hand.

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