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Hörschäden : Ein störendes Geräusch mit einem anderen bekämpfen

  • -Aktualisiert am

Die positiven Aspekte des Hörens wieder entdecken Bild: dpa

Immer mehr Menschen leiden unter Hörschäden - und viele wissen nicht, daß ein Hörgerät allein nicht die Lösung ist. Im "Ohr- und Hörinstitut" soll den Patienten vor allem ihre Angst genommen werden.

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          Immer mehr Menschen leiden unter Hörschäden - und viele wissen nicht, daß ein Hörgerät allein nicht die Lösung ist. Man wagt in Fachkreisen gar nicht zu sagen, wie viele Hörgeräte in Nachttischschubladen verschwinden, statt getragen zu werden. Viele Schwerhörige sind frustriert, weil man ihnen den Umgang mit dem Hilfsmittel nicht richtig erklärt.

          "Es ist wie mit dem Bein, das sechs Wochen im Gips lag. Die Muskeln sind schwach, sie brauchen Training. Also muß man auch mit dem noch schwachen Bein wieder gehen, keinesfalls darf man weiter ruhen." So erklärt Gerhard Hesse seinen Patienten, daß sie nur dann besser hören werden, wenn sie ihr Gehör wieder benutzen, wenn sie es den Geräuschen aussetzen, für deren Empfang es bestimmt ist. Schließlich wurde ihr Hörsinn wegen der Schwerhörigkeit mitunter jahrelang geschont. Deshalb muß man ihn vorsichtig wieder aufbauen, trainieren wie einen Muskel.

          "Ohr- und Hörinstitut"

          Hesse leitet das erste "Ohr- und Hörinstitut" Deutschlands im hessischen Bad Arolsen. Vorbild für diese Einrichtung sind die "House Ear Institutes", die seit Jahren in den Vereinigten Staaten ambulant und stationär umfassende Diagnose- und Behandlungsverfahren bieten. Claudia Voigt, die als Hörtherapeutin in Bad Arolsen arbeitet, vermittelt den Patienten Strategien, wie man das Hörgerät am besten nutzt und Störgeräusche vermeidet.

          So sollte man sich zunächst in ruhiger Atmosphäre auf die menschliche Stimme einhören. Das gelingt ganz leicht, wenn man allein in einem Zimmer dem Nachrichtensprecher zuhört. Auch die eigene Stimme klingt mit dem Hörgerät anders, denn der Schwerhörige hat jenen Teil seiner Worte, der von außen und nicht über die Knochenleitungen im eigenen Kopf wahrgenommen wird, meist nicht mehr gehört.

          Deshalb reden Schwerhörige mit der Zeit immer lauter. Das gibt sich wieder, wenn sie gelernt haben, mit dem zunächst ungewohnten Klang der eigenen Stimme umzugehen. Es gibt viele Tricks, das Hörgerät richtig zu nutzen - zum Beispiel im Restaurant. Dort setzt man sich am besten mit dem Rücken zur Wand, das schirmt das Stimmengewirr ab.

          "Überhören" trainieren

          Nicht alle Patienten bekommen sofort das richtige Gerät. Viel zu wenige sind mit zwei Hörgeräten versorgt, wie es eigentlich sinnvoll wäre. Dadurch wird nicht nur die Tonqualität insgesamt verbessert, man versteht vor allem Unterhaltungen besser trotz störender Hintergrundgeräusche. Nur rund ein Zehntel aller Schwerhörigen sind mit einem Hörgerät versorgt. In der Regel führt nicht die Schwerhörigkeit zum Arzt, sondern unangenehme Ohrgeräusche, die mit einer Hörminderung einhergehen.

          Genauso wie man das Hören üben muß, läßt sich auch das "Überhören" von Störgeräuschen trainieren. Ein Hilfsmittel sind Rauschgeräte, auch "Masker" oder "Noiser" genannt. Sie werden im Ohr getragen und erzeugen ständig ein Störgeräusch. Es mag zunächst verblüffen, ein störendes Geräusch mit einem zweiten bekämpfen zu wollen. Auf diese Weise lenkt man aber die Aufmerksamkeit um. Manchen Patienten gelingt es so, weniger auf den Tinnitus als auf das Störgeräusch zu achten. Sie erfahren, wie man die Aufmerksamkeit vom Tinnitus weglenkt.

          Psychotherapeutische Begleitung

          Das macht sich die Hörtherapie auch auf andere Weise zunutze. Erstes Ziel ist es nicht, das Ohrgeräusch um jeden Preis abzustellen, was ohnehin kaum gelingt. Viele Tinnituspatienten erleben, daß alltägliche Geräusche in ihrer Umgebung sie im Laufe der Jahre immer stärker belasten. Das Klappern des Geschirrs beim Spülen wird unerträglich, das Telefon der Kollegin wird zum Feind.

          Die Betroffenen haben Angst, sie könnten durch übermäßige Belastung ihrem Gehör noch mehr Schaden zufügen. Das Gegenteil ist richtig - die Vermeidung von Lärm läßt das Ohr immer empfindlicher werden. Zu den vordringlichen Aufgaben einer Hörbehandlung bei diesen Personen zählt es deshalb, ihnen die Ängste zu nehmen. Daher gehört eine psychotherapeutische Begleitung ebenfalls zum Konzept des Ohr- und Hörinstitutes.

          Gemeinsame Gruppenübungen

          Hörstörungen lassen auch die schönen Seiten des Hörens vergessen. In gemeinsamen Gruppenübungen horchen die Patienten auf Geräusche, die von einer CD vorgespielt werden. Doch noch wird ihnen einfach alles zum Störgeräusch. Daran kann auch der wunderschöne Raum, ein Barockzimmer im Witwensitz der Fürstinnen Waldeck-Pyrmont, in dem ein Teil des Institutes heute untergebracht ist, nichts ändern. Während das Sahneschlagen eines Mixers bei manchen Patienten wegen der assoziierten Gaumenfreuden positive Gefühle hervorruft, hören andere darin einen Staubsauger, der sie an lästige Pflichten erinnert.

          Fast alles erinnert sie an laute, unangenehme Geräusche auf einer Baustelle. Noch das Schließen eines Reißverschlusses hört sich an wie ein Bohrgeräusch beim Zahnarzt: Nicht das Ohr entscheidet, ob Geräusche als angenehm oder unangenehm erscheinen, sondern das Gehirn. Es filtert, wählt aus und bewertet die Qualität des Gehörten. Auch das versucht die Hörtherapie zu vermitteln. Die Patienten können die positiven Aspekte des Hörens wieder entdecken, indem sie lernen, sich trotz Ohrgeräusch an Musik oder Vogelstimmen zu erfreuen.

          Ganzheitliche Beschäftigung

          Welch vielfältige Nuancen der Gehörsinn bietet, wird oft erst klar, wenn man die Augen schließt, weil das Sehen das Vertrauen in den Gehörsinn stärkt. Im Hörtraining läßt sich das mit Blindführübungen und mit einem Hörtherapeuten erfahren, wenn nur Umgebungsgeräusche zur Orientierung genutzt werden.

          Hörtraining ist darum mehr als eine Übung für Gehörkranke. Es verweist auf all jene Funktionen, die das Hören in seiner Gesamtheit betreffen. Nicht zuletzt stellt sich mit dem Hören seit je auch die Machtfrage. Der Einflußreiche verschafft sich Gehör, der Mächtige verlangt Gehorsam, und niemand kann sich mehr unterwerfen, als der, der hörig ist. Die ganzheitliche Beschäftigung mit dem Gehörsinn schärft den Blick der Kranken dafür, daß in unserer Kulturgeschichte mit dem "Hören" immer schon mehr verbunden war, als zwei Ohren allein zu leisten vermögen.

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