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Aids-Kongress : Mehr Geld, mehr Sex, mehr Positive

HIV ist kein Todesurteil mehr: Frühe Erkennung ist und bleibt aber essentiell für die Lebenserwartung der Infizierten. Bild: dpa

Das Thema Heilung ist erst einmal vom Tisch. Doch die Therapie von HIV-Patienten ist mittlerweile so erfolgreich, dass man sich beim Aids-Kongress in Düsseldorf auf den Kampf gegen die Stigmatisierung einigt.

          Ein bisschen Provokation muss sein. „Wir wollen mehr Positive!“ heißt einer der „Mehr“-Slogan, der Aids-Hilfe NRW, die in diesem Jahr ihr 30. Bestehen feiert. Doch während sich Sätze wie „Wir wollen mehr Geld!“ oder „Wir wollen mehr Sex!“ sofort erschließen, setzt sich die Organisation aus Nordrhein-Westfalen natürlich nicht dafür ein, dass sich mehr Menschen mit HIV infizieren. Es geht vielmehr darum, dass Infizierte sich ihrer möglichen Ansteckung bewusst werden und testen lassen.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Für Menschen mit HIV ist es von größerem Nutzen, die antiretrovirale Therapie eher früher als später zu beginnen“, sagt Guido Schlimbach von der Aids-Hilfe NRW. Denn wer seine Medikamente regelmäßig nimmt, hält das Virus so in Schach, dass er es nicht mehr übertragen kann. Zudem könnte eine frühe Behandlung das Virus so zurückdrängen, dass der Infizierte vielleicht irgendwann auf Medikamente verzichten kann.

          Ob das so ist, wird auf dem Deutsch-Österreichischen Aids-Kongress in Düsseldorf seit Mittwoch diskutiert. „WISSENschaftZUKUNFT – Gemeinsam auf dem Weg zur Heilung“ lautet das Motto. Auch das ist eine leichte Provokation, denn der Weg bis zur Heilung ist nach den Worten des Kongresspräsidenten Dieter Häussinger, Infektiologe am Universitätsklinikum Düsseldorf, noch lang. Es gibt immer wieder Rückschläge, aus denen sich aber zum Teil vielversprechende Ansätze ergeben.

          Direkt nach der Infektion behandeln

          Vor zwei Jahren schrieb das „Mississippi-Baby“ Medizingeschichte. Das HIV-infizierte Mädchen war gleich nach der Geburt mit Aids-Medikamenten behandelt worden, dann aber monatelang nicht mehr. Wie durch ein Wunder schien es geheilt, das Virus aus dem Körper verschwunden.

          Doch das Virus hatte sich nur gut versteckt. Trotzdem waren die Erkenntnisse wertvoll. Sie führten unter anderem zu der Empfehlung, Menschen sofort nach ihrer HIV-Diagnose zu behandeln, was dank der verbesserten Labortests der vierten Generation nun spätestens sechs Woche nach der Ansteckung möglich ist.

          In München findet zurzeit die New-Era-Studie statt, bei der 20 Patienten mit einer frischen Infektion und 20 Langzeit-Infizierte besonders intensiv mit Aids-Medikamenten behandelt werden. Hans Jäger, der eine HIV-Schwerpunktpraxis führt, und Johannes Bogner von der Ludwig-Maximilians-Universität hoffen, dadurch die Vermehrung der Viren so nachhaltig zu unterdrücken, dass irgendwann alle Zellen erneuert und virenfrei sind.

          Ein Jahr bis zur Diagnose

          Ob damit wirklich eine Heilung erreicht werden kann, ist zweifelhaft. Doch lässt sich das HI-Virus heute mit immer neuen Medikamenten so gut bekämpfen, dass ein Infizierter nicht nur eine Lebenserwartung hat wie ein Nichtinfizierter. Zwei Drittel der etwa 80.000 Menschen mit HIV in Deutschland können auch einer geregelten Arbeit nachgehen. Der Umgang mit HIV-Positiven aber lässt noch immer zu wünschen übrig.

          Vertreter der Aids-Hilfen berichten beim Kongress von Diskriminierung und Stigmatisierung. Besonders erschreckend sind die Beispiele aus Arztpraxen. Immer wieder werde HIV-Infizierten eine Behandlung verweigert, aus Angst vor einer Infektion. Sogar an der Zahnklinik der Düsseldorfer Uniklinik würden Patienten mit HIV abgewiesen, berichtet die Aids-Hilfe der Landeshauptstadt.

          Schwule, Prostituierte und Drogensüchtige: Wer steckt sich wirklich in Deutschland mit HIV an?

          Noch problematischer ist das Leben auf dem Land, wie der Fall einer Hausfrau aus Nordrhein-Westfalen zeigt. Sie war bereits ein Jahr krank, bevor bei ihr HIV festgestellt wurde. Ihre Ärzte konnten sich eine solche Infektion nur bei Schwulen, Prostituierten oder Rauschgiftsüchtigen vorstellen.

          Schutz vor Ansteckung

          Auch darum lebt inzwischen fast die Hälfte der HIV-Infizierten in sechs deutschen Großstädten: Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Köln und München. In der Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen sind es mehr als 2500 Menschen mit HIV, 2013 kamen 77 neue Fälle hinzu. In Deutschland ist die Zahl der Neudiagnosen zwar im internationalen Vergleich weiterhin niedrig, doch hat sie sich in den vergangenen 15 Jahren von 1450 auf 3800 im Jahr fast verdoppelt.

          Gerade hier gelte es anzusetzen, heißt es auf dem Kongress, der sich darum auch mit der „Präexpositionsprophylaxe“, kurz Prep genannt, befasst und sich für sie auch einsetzt. Aids-Medikamente, die vorbeugend eingenommen werden, bieten einen Schutz vor HIV von 86Prozent, wie aktuelle Studien belegen.

          In Amerika hat die Arzneimittelzulassungsbehörde (FDA) das Mittel der ersten Wahl, Truvada, bereits zugelassen. In Europa hat der Hersteller Gilead Sciences aber noch nicht einmal einen Zulassungsantrag bei der europäischen Arzneimittel-Agentur (Ema) eingereicht. So müssen Personen, die ein hohes Risiko haben, sich mit HIV zu infizieren, die Prep kaufen – für 800 Euro im Monat.

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