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Hitze : Hitzewelle in Südeuropa fordert offenbar Tausende Todesopfer

  • Aktualisiert am

Nicht nur den Pflanzen setzt die Hitze zu Bild: reuters

Hitzetote in Frankreich, Portugal und Spanien sorgen für politischen Wirbel. In Deutschland sind die Toten in Altenheimen nicht auf mangelnde Pflege zurückzuführen.

          Die hohe Zahl der Hitzetoten in Frankreich ist nach den Worten von Präsident Jacques Chirac eine „Prüfung für die ganze Nation“. Das Gesundheitssystem müsse künftig in die Lage versetzt werden, „alten und behinderten Menschen entsprechend der Vorstellung von Solidarität zu helfen, die wir für unser Land haben“, sagte der Staatschef am Donnerstag nach der Rückkehr aus dem Sommerurlaub, ohne allerdings konkrete Maßnahmen zu nennen.

          Die portugiesische Nachrichtenagentur Lusa meldete unterdessen mehr als 1.300 Hitzetote in Portugal seit Anfang August. Das spanische Gesundheitsministerium gab eine Langfriststudie über die Auswirkungen der Hitze auf die Sterblichkeitsrate in Auftrag. In Deutschland ergaben Untersuchungen, daß unter ungeklärten Bedingungen Vestorbene in Altenheimen nicht an mangelnder Pflege sondern wegen der Hitze starben.

          Rücktritte in Frankreich gefordert

          Die von der französischen Opposition erhobene Forderung nach einem Rücktritt der zuständigen Minister wurde nach den Worten eines Pariser Regierungssprechers bei der ersten Kabinettssitzung nach der Sommerpause „nicht besprochen“. Im Gesundheitswesen habe es „Unzulänglichkeiten“ gegeben, sagte Chirac. Für Oktober stellte er Vorschläge der Regierung in Aussicht, wie alten und behinderten Menschen bei extremen Wetterlagen besser geholfen werden könne.

          Gesundheitsminister Jean-François Mattei wollte auf die Frage nach seinem Rücktritt nicht antworten. Der Staatssekretär für Senioren, Hubert Falco, hingegen schloß Rücktrittsgedanken aus. „Ich komme aus einer Gegend, wo die Leute Rugby spielen“, sagte Falco. „Im Angesicht von Gegnern schließen wir uns zusammen, wir drängen nach vorne, wir kämpfen, wir arbeiten.“ Als Konsequenz aus der hohen Zahl der Hitzetode hatte bislang lediglich der Chef der Pariser Gesundheitsbehörde seinen Rücktritt erklärt.

          Variierende Angaben zu Hitzetoten

          Unterdessen gab es weiterhin unterschiedliche Angaben zur Zahl der Hitzetoten. Während die Bestattungsdienste am Mittwoch zum Teil von 10.400, wenn nicht noch mehr Toten gesprochen hatten, gab das Pariser Innenministerium am Donnerstag an, die „zum derzeitigen Stand“ bekannten Fälle lägen unterhalb von 10.000. Ein Arbeitsausschuß wurde damit beauftragt, in den kommenden Woche auf der Grundlage der Totenscheine und amtlichen Register verläßliche Zahlen zu ermitteln. Die Hitzewelle hatte in Frankreich um den 12. August ihren Höhepunkt erreicht. Rund die Hälfte der Hitzetoten war in Seniorenheimen zu beklagen, wo viele chronisch geschwächte Einwohner an Überhitzung starben.

          1.3.16 Todesfälle mehr als sonst in Portugal

          Die portugiesische Nachrichtenagentur Lusa meldete unter Berufung auf einen vorläufigen Bericht des nationalen Gesundheitsinstituts, in den ersten beiden Augustwochen seien in Portugal 1.316 Todesfälle mehr verzeichnet worden als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Nach Ansicht von Gesundheitsexperten sei die Häufung Folge der extremen Hitzewelle mit Temperaturen von bis zu 47,3 Grad Celsius. Dem Bericht zufolge gab es weniger Hitzetote als bei einer zehntägigen Hitzewelle 1981 mit 1900 Toten, weil die Gesundheitsbehörden inzwischen entsprechende Schritte ergriffen hätten. So seien regelmäßig Warnhinweise veröffentlicht worden, wonach ältere Leute während der heißesten Tageszeit nicht ins Freie sollten und viel trinken müßten.

          Das spanische Gesundheitsministerium ordnete eine Langzeitstudie zu den Auswirkungen der Hitze auf die Sterblichkeitszahlen an. Darin sollten die Sterbezahlen mehrerer Jahre verglichen und die Daten von Friedhofen und Standesämtern abgeglichen werden, sagte eine Ministeriumsbeamtin der Zeitung „El Pais“. Die Beamtin schätzte die Zahl der Hitzetoten in Spanien auf 100. Den großen Unterschied zu den Zahlen in Frankreich erklärte sie damit, Spanien habe im gegensatz zum Nachbarland „eine Kultur der Hitze“. „Selbst Analphabeten“ wüßten, was sie bei Hitze zu tun hätten.

          In Italien gibt es keine offiziellen Zahlen. Viele Menschen seien zu Hause gestorben, heißt es in Berichten. Gesundheitsminister Girolamo Sirchia fordert, man müsse sich auf ähnliche Notfälle auch in der Zukunft einstellen. Die Gesundheitsversorgung und Betreuung der Alten zu Hause müsse verbessert werden.

          Todesfälle in deutschen Altersheimen nicht wegen mangelnder Pflege

          Die Zunahme von Todesfällen in mehreren deutschen Altenheimen während der zurückliegenden Hitzewelle ist offenbar nicht auf mangelhafte pflegerische Betreuung zurückzuführen. Die Obduktion von fünf der acht gestorbenen Bewohner eines Darmstädter Seniorenheims habe „keine Hinweise auf Austrocknung“ ergeben, teilte die Staatsanwaltschaft am Donnerstag mit. Alle Verstorbenen seien zudem in einem „ausgezeichneten Pflegezustand“ gewesen. Vorwürfe oder Schuldzuweisungen erübrigten sich damit.

          Für die insgesamt 26 ungeklärten Todesfälle in Karlsruher Altenheimen stand ein genaues Untersuchungsergebnis unterdessen noch aus. Die Behörden verwiesen aber auf einen vermuteten Zusammenhang zwischen dem zum Teil sehr hohen Alter der verstorbenen Bewohner und der extremen Hitze der vergangenen Wochen in der Region.

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