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Grün hilft (2) : Auf eigenem Boden

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Am besten frisch gepflückt: Erdbeeren Bild: dpa

Das Gärtnern ist weit mehr als Erholung vom Stress des Alltags. Der Garten ist ein Hort mannigfaliter Heilwirkung – ein Plädoyer für eine gesunde Leidenschaft.

          Ein gewisses Maß an bereits vorhandener Eigengesundheit setzt das Bad im Gesundbrunnen Garten freilich voraus: Wer allergisch auf Pollen reagiert (Obst- und Nussbaumblüte) oder auch auf Düfte (Flieder, Lilien, Päonien etc.), wird der hortologischen Kur weitgehend entraten müssen. Ich meinerseits leide unter keinerlei Allergien - was sich ärztlicher Meinung zufolge dem Aufwachsen auf einem Bauernhof mit vielerlei Vieh verdankt - und kann daher von mannigfaltiger Heilwirkung berichten.

          Schon nachdem die Gartenpforte hinter mir zugefallen ist, verschwindet einer der übelsten modernen Krankmacher. Der Stress, gleich ob von Berufs, Beziehungs oder Alltags wegen, bleibt draußen, und das wenige, was davon noch in den Kleidern stecken mag, fällt spätestens beim ersten Rundgang ab.

          An allem, was blüht, wird ausgiebig geschnuppert, auch an manchen Blättern, wie denen des Salbei, der Minze, der Zitronenmelisse oder des Lavendel; bei Letzterem, indem man die Zweige ergreift, durch die Hand rutschen lässt und alsdann die Handfläche beriecht. Schnell werden die Atemwege frei und bereit für die süßen Blütendüfte, die mein Gehirn zuverlässig Glückshormonen ausschütten lassen. Dazu lege ich mich im Fall der Maiglöckchen sogar auf den Boden, denn der Duft dieser Lilienart ist der lieblichste von allen. Und auch der geheimnisvollste, denn bis heute ist es der Riechstoffforschung nicht gelungen, ihn nachzubauen.

          Auch eine andere Geißel der Jetztzeit, der Lärm, wird ausgeschaltet. In meinen Garten kommt mir keine Motorfräse, keine Motorsense, kein Motorhäcksler, kein Laubbläser, keine Motorheckenschere - das einzige Gartengerät mit Verbrennungsmotor ist und bleibt der Rasenmäher. Sparsam eingesetzt, ist seine Lärmbilanz besser als die eines mechanischen Mähers, der auch nicht leise ist, aber dafür dreimal so lange braucht.

          In meinem Garten wird sonst ausschließlich Vogellauten und Windgeräuschen inklusive des Blätterraschelns erlaubt, die Stille zu unterbrechen. Auf gar keinen Fall aber gewissen Klingeltönen.

          Das hat noch einen weiteren Vorteil: Auf diese Art wird auch der Plage Erreichbarkeit der Zahn gezogen. Laptop und Konsorten, selbst Bücher, Zeitungen oder Zeitschriften, verbleiben im umbauten Wohnraum. Draußen soll das Auge nicht Buchstabenkolonnen dechiffrieren, sondern die Grünkur gebrauchen. Natürliche Grüntöne sind die Augenweide schlechthin, weshalb sie in meinem Garten auch geschätzte 95 Prozent ausmachen.

          Massiertes Blütenkunterbunt soll hier nicht den Sehnerv triezen; das bleibe Gartencentern, Dahlien-Schauen und Gladiolen-Feldern vorbehalten, sondern alles Blühende soll durch breite Grünumrahmung in seiner Besonderheit zu kontemplieren sein.

          Dem Gesundheitsfeind Übergewicht wehre ich durch Naschen. Und zwar vom eigenen Obst. Gegen punktreife, frisch gepflückt in den Mund geschobene Erdbeeren, Aprikosen, Süßkirschen oder gar Reineclauden haben weder Schokolade und Co. noch die Dessertpalette von Mousse bis Crème brûlée eine kulinarische Chance.

          Überhaupt esse ich, wann immer es das Wetter zulässt, im Garten. Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Hier kann ich nachbarschaftsrechtlich unbehelligt grillen, und wenn es dazu eben geernteten Salat mit in guter Gartenerde gewachsenen Kräutern gibt oder ich eine Portion Kartoffeln eigens fürs Menü ausgrabe, muss ich nur noch aufpassen, nicht vor Gesundheit zu platzen.

          Nicht zuletzt verhilft mir der Aufenthalt in frischer Luft und häufigem Sonnenschein auch zu ästhetischem Gewinn, will heißen, zu einer ausgesprochen gesunden Farbe. Woher ich so schön braun sei, werde ich oft und manchmal schon Ende Februar gefragt, und als Antwort erlaube ich mir dann gern einen Scherz: Lago di Garda - ich lag im Garten. Das ist nahe am Kalauer gebaut, sicher, doch meist zum Lachen. Und das ist bekanntlich ebenfalls gesund.

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