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Grün hilft (1) : Gruppentherapie unter freiem Himmel

Ernte: Arbeiten für die gesunde Lebensfreude. Bild: Rainer Wohlfahrt

Immer mehr Kliniken und Altenheime nutzen Gärten für ihre Behandlungsangebote. Beim Pflanzen und Ernten werden sensorische, motorische und soziale Fähigkeiten trainiert.

          Den Duft von Flieder vergisst man nicht. Ein Satz wie aus einem Werbefilm, gesagt von einer alten dementen Dame, neben ihr auf dem Nachttisch ein frisch gepflückter Blumenstrauß aus dem Garten. Demenz hat viele Gesichter. Der Verlauf der Erkrankung ist unterschiedlich, Prognosen sind schwierig. Aber meist können Sinneswahrnehmungen wie Riechen und Schmecken noch relativ lange Erinnerungen bei den Erkrankten hervorrufen. Eine Eigenschaft des Krankheitsbildes, die sich die Gartentherapie zunutze macht.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Immer mehr Geriatrien und Altenheime haben einen „Demenzgarten“. Eine Benennung, die Andreas Niepel allerdings unpassend findet. „Schließlich behandeln wir mit der Gartentherapie Menschen. Der Garten dient nur als Medium.“ Niepel ist Gartentherapeut und Präsident der Internationalen Gesellschaft „GartenTherapie“. Nach seiner Einschätzung gibt es in Deutschland rund hundert zertifizierte Gartentherapeuten, aber deutlich mehr Kliniken, die ihren Patienten diese Behandlungsform anbieten.

          Eine wiederentdeckte Behandlungsart

          Die Therapie im Grünen hat sich in den vergangenen fünfzehn Jahren zwar deutlich weiterentwickelt, eine neue, moderne oder gar überraschende Behandlungsart ist sie aber in keinster Weise, vielmehr eine wiederentdeckte. Schon seit dem achtzehnten Jahrhundert wurden Landwirtschaft und Gartenbau in der Behandlung von psychisch Kranken eingesetzt. Nach dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg allerdings kam ein Bruch. Das Heilverfahren wurde nicht mehr praktiziert, sondern als „Arbeitseinsatz“ verpönt. Anders als in Amerika, das bis heute Vorreiter auf dem Gebiet des therapeutischen Gärtnerns ist.

          „Gartentherapie ist keine eigenständige Disziplin unter den Behandlungsformen“, sagt Niepel. „Sie beinhaltet Elemente aus der Physio-, Ergo-, Sozial- und Verhaltenstherapie.“ Während der Treffen mit seinen Gartengruppen auf dem Klinikgelände macht Niepel mit ihnen, was jeder Gärtner tun muss: gießen, umtopfen, ernten, pflegen, jäten. Dass es hierbei um Therapie geht, sieht man erst auf den zweiten Blick. Fast unbemerkt trainieren seine Patienten beim Setzen von Blumenzwiebeln oder Schneiden von Büschen handwerkliche und sensorische Fertigkeiten, Motorik, Konzentration- und Kommunikationsfähigkeit. Doch das Werkeln im Freien ist nur eine Seite. Zu dem Konzept zählen auch das Verarbeiten und Genießen der Ernte, das Binden von Sträußen, das Planen der Aussaat und der Austausch über Rezepte.

          Duftende Blumen und alte Gemüsesorten

          Demenzkranke sind eine große Patientengruppe, bei der Gartentherapie mit Erfolg und Regelmäßigkeit angewendet wird. Aber auch psychisch Kranke, Süchtige oder Reha-Patienten können von den gärtnerischen Tätigkeiten profitieren. „Je nach Krankheitsbildern und Patienten können die Gärten der Kliniken und Heime ganz unterschiedlich gestaltet sein“, sagt Niepel. Für ältere Menschen, die unter Einsamkeit und Demenz leiden, ist die sensorische und emotionale Ebene besonders wichtig. In diesen Gärten sollten viele duftende Blumen und alte Gemüsesorten wachsen. Beete, an denen man auch im Sitzen arbeiten kann, sind nützlich.

          Für Patienten in Reha-Einrichtungen hingegen sollte das grüne Gelände mit vielen unterschiedlichen Oberflächen gestaltet sein. Rasen, steinige Wege oder ausgelegte Holzbretter bieten die Möglichkeit, auf abwechslungsreichem Untergrund wieder Sicherheit beim Gehen zu erlangen. Brücken oder schiefe Ebenen können zu einem solchen Garten gehören.

          Kliniken, die psychisch Kranke betreuen, müssen ihren Patienten im Garten vor allem Aufgaben bieten. Sie sollen lernen, sich zu strukturieren, Verantwortung für die Pflege der Pflanzen zu übernehmen und am Ende mit dem Ernten der reifen Früchte ein Erfolgserlebnis zu haben. Ähnlich wie älteren Menschen soll der Garten seelisch Kranken das Gefühl geben, gebraucht zu werden. Lauschige Sitzecken für ungestörte Gespräche sind ebenso wichtig. „Aber unabhängig davon, für wen und für welche Erkrankungen die Gärten gestaltet sind, vor allem schön sollen sie sein“, sagt Niepel. Denn Freude und Wohlergehen zu empfinden seien wichtige Therapieziele.

          Wohlbefinden lässt sich nur schwierig messen

          Wissenschaftliche Nachweise, wie nützlich Gartentherapie ist, gibt es wenige. „Das liegt unter anderem daran, dass man Wohlbefinden schwierig messen kann“, sagt Thomas Haase, Rektor der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik in Wien, an der Gartentherapeuten ausgebildet werden. „Es gibt Studien, die zeigen, dass in der Geriatrie durch den Einsatz von Gartentherapie die Einnahme von Antidepressiva signifikant abgenommen hat und die Mobilität länger erhalten blieb.“ Die Gartentherapie befinde sich gerade in der Etablierungsphase.

          Rudolf Günther, Umweltpsychologe im Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP), betont ebenfalls, dass es kaum aussagekräftige Studien gebe, die präzise belegen könnten wie Gartentherapie genau wirkt. Deshalb könne sie auch keine anderen Therapieformen ersetzten, sondern nur ergänzen. „Aber dass die Natur und das Grün positiv und stressreduzierend auf die Psyche wirken, daran gibt es wissenschaftlich keinen Zweifel“, sagt er.

          Es muss auch nicht immer gleich das Arbeiten im Garten sein. „Studien zeigen, dass sich bei Kindern und Langzeitpatienten schon der Blick aus dem Krankenbett ins Grüne positiv auf die Psyche auswirkt“, sagt Günther. Ein duftender Blumenstrauß auf dem Stationsflur, eine grüne Pflanze im Aufenthaltsraum oder eben Flieder auf dem Nachttisch können da schon reichen.

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