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Gesundheitsstudie : Arme Kinder sind kränker

Bild: dpa

Kinder aus Ausländerfamilien und sozial schwachen Elternhäusern sind auch bei der Gesundheit im Nachteil: Überdurchschnittlich viele von ihnen sind zu dick, trinken zu viel Alkohol, rauchen oder haben psychische Probleme.

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          Besonders Kinder aus Ausländerfamilien und sozial schwachen Elternhäusern sind Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Das ist eines der wichtigsten Ergebnisse der Kinder- und Jugend-Gesundheitsstudie (www.kiggs.de ), die im Auftrag der Bundesregierung erstellt und am Mittwoch vom Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) vorgestellt wurde. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) kommentierte die Untersuchung denn auch mit den Worten: „Diese Chancenungleichheit dürfen wir nicht zulassen.“

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Die bisher größte deutsche Kinder- und Jugend-Gesundheitsstudie relativiert aber auch alarmierende Zahlen zu Rauschgiftmissbrauch, Übergewicht und Krankheiten. Das Bild stimme sogar optimistisch, sagte RKI-Studienleiterin Bärbel-Maria Kurth: „Wir haben hier nicht die kranke, dicke, faule und depressive Generation.“

          15 Prozent der Kinder sind übergewichtig

          So sind nach den Erkenntnissen der Forscher 15 Prozent der Kinder zwischen drei und 17 Jahren übergewichtig - eingerechnet sind die 6,3 Prozent, die als fettleibig gelten. Das Problem verstärkt sich, je älter die Kinder werden. Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen sind kaum auszumachen, aber soziale Risikofaktoren.

          Zu dicke Speckrollen können Kinder schon mit einfachen Dingen vermeiden
          Zu dicke Speckrollen können Kinder schon mit einfachen Dingen vermeiden : Bild: dpa

          So sind Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus oder mit „Migrationshintergrund“ stärker gefährdet als andere. Das gilt auch für Heranwachsende, deren Mütter übergewichtig sind. Insgesamt, so Kurth, würden Kinder aus Einwandererfamilien oder sozial schwachen Elternhäusern seltener gestillt, geimpft und zum Arzt gebracht.

          22 Prozent leiden unter Essstörungen

          Die soziale Indikation gilt auch für Essstörungen, unter denen fast 22 Prozent der Jugendlichen von elf bis siebzehn Jahren leiden - mit unterschiedlichen Anteilen bei Mädchen (28,9 Prozent) und Jungen (15,2 Prozent). Kinder aus armen Familien sind fast doppelt so häufig betroffen wie ihre Altersgenossen aus wohlhabenderen Familien. Auch das Rauchen ist in sozial schwachen Familien stärker verbreitet. Insgesamt rauchen gut 20 Prozent der Jugendlichen im Alter von elf bis 17 Jahren. Hauptschüler rauchen fünf Mal häufiger als Gleichaltrige auf dem Gymnasium. Hingegen spielen beim Alkohol- und Drogenkonsum soziale Unterschiede kaum eine Rolle.

          Ein Drittel der Jungen und ein Viertel der Mädchen trinken nach eigenen Angaben mindestens einmal pro Woche Alkohol. Neun Prozent der Jungen und sechs Prozent der Mädchen geben an, in den letzten zwölf Monaten Haschisch oder Marihuana konsumiert zu haben. Zu Drogen wie Ecstasy oder Speed greifen demnach weniger als ein Prozent der Elf- bis Siebzehnjährigen.

          Fast ein Drittel ist verhaltensauffällig

          Schließlich hat der soziale Hintergrund auch Auswirkungen auf die psychische Stabilität. Vermehrt verschöben sich körperliche Erkrankungen in Richtung psychischer Störungen, erläuterte Studienleiterin Kurth. Laut KiGGS-Befund gibt es bei rund 11 Prozent der Mädchen und fast 18 Prozent der Jungen Hinweise auf Verhaltensauffälligkeiten oder emotionale Probleme - also mangelnde Aufmerksamkeit, Hyperaktivität, Aggressivität, Ängste, Depressionen oder unsoziales Verhalten. In einer Teilstudie mit mehr als 6000 Jugendlichen gaben 20 Prozent der Jungen und zehn Prozent der Mädchen zu, schon einmal gewalttätig geworden zu sein.

          Öfter als früher sind chronische Erkrankunge und Allergien zu beobachten. So leiden Kinder und Jugendliche in Deutschland häufig unter Bronchitis (13,3 Prozent), Neurodermitis (13,3 Prozent) und Heuschnupfen (10,7 Prozent). Mehr als fünf Prozent haben eine Wirbelsäulenverkrümmung, knapp fünf Prozent leiden unter Asthma, 3,6 Prozent unter Krampfanfällen. Auf mindestens eines von 20 Allergenen reagierten bei Bluttests 40 Prozent der Jungen und Mädchen positiv. Die Allergierate in Ostdeutschland ist inzwischen genauso hoch wie im Westen. Vor der deutschen Einheit war sie dort niedriger.

          Verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen gefordert

          Der 110. Deutsche Ärztetag in Münster reagierte am Mittwoch auf die Ergebnisse mit einer Entschließung, Eltern und Behörden stärker zu Vorsorgeuntersuchungen für Kinder zu verpflichten. Ärzte würden Vernachlässigungen erkennen, wenn sie die Kinder sähen. Allerdings bekämen sie viele Kinder erst gar nicht zu Gesicht. „Wir brauchen endlich eine verpflichtende ärztliche Vorsorgeuntersuchung an Kindergärten und Schulen“, sagte Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe.

          Das Verfahren müsse von der Jugendhilfe und dem öffentlichen Gesundheitsdienst überwacht werden. Familien mit Risiken für eine ungünstige gesundheitliche Entwicklung von Kindern könnten so möglichst früh identifiziert werden und man könne ihnen dann gezielt helfen. Abgelehnt werden aber Regelungen, die Ärzte zu einer Meldung durchgeführter Vorsorgeuntersuchungen verpflichten. Der Nachweis über die durchgeführte Vorsorge sei Aufgabe der Eltern.

          Gesundheitsunterricht einführen

          Hoppe rief die Kultusminister der Länder auf, an den Schulen Gesundheitsunterricht einzuführen. In Nordrhein-Westfalen hätten Ärzte und Krankenkassen schon vor zehn Jahren das Projekt „Gesund macht Schule“ initiiert, in dessen Rahmen Ärzte in die Schulen gingen und Kinder über vernünftige Ernährung und ausreichende Bewegung informierten. Vor den Ärzten hatte auch Gesundheitsministerin Ulla Schmidt verlangt, den Sportunterricht aufzuwerten. Schulsport müsse die gleiche Bedeutung bekommen wie Deutsch und Mathematik.

          Die Ärzte äußerten sich besorgt über häufige Fälle von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung. Etwa fünf Prozent aller Kinder in Deutschland wüchsen in Familien auf, bei denen aufgrund ihrer psychosozialen Lebensbedingungen ein hohes Risiko für gravierende Vernachlässigung bestehe. Vernachlässigung sei oft mit Sucht oder psychischer Erkrankung der Eltern, Gewalt in der Familie, hochgradiger sozialer Isolation und Armut verbunden. Verbindliche Frühuntersuchungen allein reichten deshalb nicht aus. Die Gesundheitsversorgung von Kindern aus unterprivilegierten und gefährdeten Gruppen, die auch seltener Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen, sollte durch Netzwerke von Ärzten, Gesundheitsämtern, Einrichtungen der Jugendhilfe, sozialen Diensten, Familienhebammen, Kindergärten und Schulen weiter ausgebaut werden.

          17.641 Kinder wurden untersucht

          Für die Kinder- und Jugend-Gesundheitsstudie (KiGGS) wurden vom Mai 2003 bis zum Mai 2006 insgesamt 17.641 Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre (8985 Jungen und 8656 Mädchen) zu ihrer Gesundheit und ihrem seelischen Wohlbefinden befragt und teilweise auch ärztlich untersucht. Auch viele Eltern wurden in die Interviews einbezogen. Die Forscher des Robert-Koch-Instituts fragten im Auftrag der Bundesregierung an 167 Orten in Deutschland. Kinder aus Einwandererfamilien wurden entsprechend ihres Anteils an der Bevölkerung in die Studie einbezogen.

          Mit der KiGGS verfügt Deutschland erstmals über eine umfassende und wissenschaftlich fundierte Datensammlung zur Gesundheit der heranwachsenden Generation. Die KiGGS, die 9,36 Millionen Euro kostete, ist im Bundesgesundheitsblatt (Mai/Juni 2007) erschienen.

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