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Genitalverstümmelung : Sie nennen es „das Gefühl“

  • -Aktualisiert am

Werkzeug: Eine Sammlung alter Messer, die für Genitalverstümmelungen verwendet wurden; die Messer hat eine Frauenschutzorganisation in Ghana gesammelt. Bild: LAIF

Eine brutale Erfahrung: Anusha ist beschnitten. Doch mit einer neu entwickelten Operation hat ein Arzt ihr Genital rekonstruiert. Eine Hoffnung treibt die Frau besonders an.

          Abgelehnt. Die Operation wird nicht bezahlt. Eingriffe im Bereich der plastischen Chirurgie gehören leider nicht zu ihren Leistungen. Mehr will die Krankenkasse nicht dazu sagen. Für Anusha, 19, bricht eine Welt zusammen. Lange hat sie auf den Bescheid der Kostenübernahme gewartet. Sogar einen OP-Termin hatte sie schon. Sie weint: „Ich wollte mit der Vergangenheit abschließen.“ Doch die Vergangenheit holt sie immer wieder ein. Häufig hat sie Unterleibsschmerzen.

          Auch heute, an dem Tag, an dem der Brief der Krankenkasse angekommen ist. Es ist unser zweites Treffen. Anusha, die ihren richtigen Namen lieber nicht gedruckt sehen möchte, sitzt am Ufer des Rheins und schaut auf die Wellen. Ein schlankes Mädchen mit schwarzen Rastazöpfen und großen braunen Augen, die einen immer nur kurz anschauen und dann sofort zu Boden blicken. Sie zieht die dunkle Lederjacke enger um ihren schmalen Körper und erzählt: „Man hat uns gesagt, es gebe ein großes Fest. Da war ich acht Jahre alt. Alle Mädchen in meinem Alter sind mit ihren Müttern und den anderen Frauen in den Wald gegangen. Wir haben gesungen und getanzt und gelacht. Wir haben uns alle furchtbar gefreut.“

          Ihre schmalen Hände fahren mit schnellen Bewegungen über die Wiese. Hier und da reißt sie einzelne Grashalme aus der Erde. „Dann haben sie mich gepackt. Meine Arme und Beine festgehalten. Mein Höschen war weg. Und dann waren da nur noch Schmerzen. Ich hab’ so laut geschrien. Und so geweint. Ich weiß sonst nichts mehr. Ich glaube, es war ein Messer.“ Aus den Grashalmen sind ganze Büschel geworden.

          Wenn Anusha von der Vergangenheit erzählt, wird ihre Stimme schneller, aber nie verliert sie ihren weichen Klang, nie wird sie zornig. „Ich bin nicht wütend auf meine Eltern. Auch nicht auf meine Mutter. Sie wusste es ja nicht besser. Sie ist nicht hier in Deutschland und weiß nicht, dass es auch ohne Beschneidung geht.“

          Auf die Frage, ob sie ihren Eltern verzeihen könne, schaut sie verwirrt. Für sie gibt es nichts zu verzeihen. Die Beschneidung ist ein übliches Ritual in Gambia. Anushas Mutter, ihre Schwester und ihre Freundinnen - alle teilen dieses Schicksal.

          Opfer im Film: „Wüstenblume“, nach dem Buch von Waris Dirie.

          Typ II, die mittlere Stufe der weiblichen Genitalbeschneidung, wird Gynäkologe Christoph Zerm später in Düsseldorf feststellen. Von einer Klitorisdektomie und einer Exzision sprechen die Experten. Vereinfacht gesagt, wurden Anushas Klitoris und ihre inneren Schamlippen weggeschnitten. Bereits eine Beschneidung nach Typ I, die Klitorisentfernung, sei mit einer Penisamputation gleichzusetzen, erklärt Zerm nüchtern. „Werden die Schamlippen einer Frau zusätzlich entfernt, so würde das für den Mann die Entfernung des Hodensacks bedeuten.“

          Der Arzt kümmert sich um Anusha, seit sie vor rund drei Jahren nach Düsseldorf gekommen ist. Er war es auch, der sie damals ins Universitätsklinikum Aachen brachte und sie Dan mon O’Dey, Oberarzt an der Klinik für Plastische Chirurgie, vorstellte. Er hat neue Operationstechniken zur Rekonstruktion des Genitalbereichs entwickelt. Damit kann er nicht nur die klitorale Empfindung verstärken, sondern auch die äußere Form des Genitals wiederherstellen. Manche seiner Patientinnen gelangen nach der Operation sogar wieder zum Orgasmus. Wichtiger sei aber, dass sich die Frauen wieder mit ihrem Geschlecht identifizieren könnten, erklärt O’Dey. 24 000 beschnittene Frauen leben schätzungsweise in Deutschland.

          Als Anusha von den Operationstechniken erfuhr, wollte sie sofort mitmachen. Die 19-Jährige sitzt einige Wochen vor der Absage der Krankenkasse auf der Couch im Beratungszentrum von Jawahir Cumar, die beschnittene Frauen und Mädchen berät. Auch Anusha kommt regelmäßig vorbei: „Ich weiß, dass mir etwas fehlt. Dass ich keine vollständige Frau bin. Es ist so ein Gefühl in mir, und das macht mich traurig.“ Sie betrachtet das Bild an der gegenüberliegenden Wand. Darauf ist ein zusammengenähter Pfirsich abgebildet. Während ihrer Periode will sie sich wegen der starken Unterleibsschmerzen am liebsten nur im Bett verkriechen, erzählt sie. Doch wenn sie dort zu lange ist, fühlt sie sich noch einsamer. Einen Freund zu haben, kann sie sich nicht vorstellen: „Ich habe nichts mit Sex oder so zu tun. Ich kann doch keine Gefühle haben.“

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