https://www.faz.net/-gum-7lxn6

Gehörlose Kinder : Stumm in zwei Welten

Das hofft auch Familie Stenzel. „Wenn Beni bilingual aufwächst, hat er später alle Möglichkeiten“, sagt die Mutter. Hören und Sprechen entwickelten sich gut; mittlerweile spricht Beni etwa 20 Wörter. Neue Wörter gebärdet er zuerst und spricht sie dann. Oft singen die Eltern neue Wörter, etwa beim Abendessen. „Papa, Papa“, ruft Benjamin dann, oder „mehr, mehr“. Gesprochene Sätze aber versteht er bisher nicht. „Wo schläft der Beni?“, fragt seine Mutter. Stolz zeigt ihr Sohn auf sich. Dann gebärdet sie die Frage, und er zeigt sofort auf sein Bett. „Wenn wir gebärden, versteht er, was gemeint ist.“

Die wichtigsten Gebärden haben sich die Eltern selbst beigebracht. Sie haben Kontakte zu anderen Gehörlosen geknüpft und eine Spielgruppe mit hörenden und gehörlosen Kindern gegründet. Sie haben für Beni Fotobücher mit Familie, Freunden und wichtigen Orten gestaltet und mit Gebärden belegt. So weiß er stets, von wem oder was die Rede ist. Beim Antworten in Gebärdensprache verheddert er sich freilich noch häufig. „Wenn er eine Gebärde nicht kann, gibt er mir seine Hände“, sagt die Mutter. „Das heißt dann so viel wie: Mach du mal.“

Seit drei Monaten besucht Benjamin den Kindergarten. Er ist dort das einzige gehörlose Kind; Gebärdensprache gibt es nicht. Eine Assistenz haben die Eltern vergeblich beantragt. Sollte Beni bis zur Einschulung nicht die Lautsprache beherrschen, werden sie ihm einen Dolmetscher organisieren. Laut Karin Kestner besuchen heute bundesweit knapp 30 gehörlose Kinder Regelschulen mit Gebärdensprachdolmetscher. Die meisten davon habe jedoch erst ein Gericht anordnen müssen. „Das ist für ein derart reiches Land beschämend“, sagt Spracherwerbsforscherin Szagun. „Der hörenden Gesellschaft würde es guttun, sich an die Gebärdensprache zu gewöhnen.“ In Großbritannien und den Vereinigten Staaten sei die Toleranz gegenüber der Gebärdensprache wesentlich größer.

Und in Skandinavien sei sie sogar das Erste, was gehörlosen Kindern angeboten wird. Natürlich waren Magdalena und Roberto Stenzel glücklich, als sie ihren Sohn zum ersten Mal sprechen hörten. „Beni hat eine schöne Stimme“, sagt seine Mutter. Beide wünschen sich, dass er in einer mehrheitlich hörenden Welt selbständig und ohne Scheu leben kann. „Und dafür“, sagen sie, „benötigt er beide Sprachen.“ Als Gute-Nacht-Geschichte hat sich Beni heute sein Lieblingsbuch gewünscht: „Die Kleine Raupe Nimmersatt“. Er zeigt auf ihren Bauch, nimmt dann seinen Zeigefinger und raupt damit vom Buch weg unter die Bettdecke.

Weitere Themen

Wer regiert jetzt Großbritannien?

Dominic Raab : Wer regiert jetzt Großbritannien?

Dominic Raab ist Boris Johnsons Wunsch-Vertretung. Der Außenminister bezeichnet sich als „neuer Konservativer“ und war früh für den Brexit. Sein Stil unterscheidet sich fundamental von dem des Premierministers.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.