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Gehörlose Kinder : Stumm in zwei Welten

Die Eltern reichen Klage ein, die bis heute nicht entschieden ist. Per einstweiliger Anordnung erkennt ein Richter schließlich Benjamins Anspruch auf zwei statt der beantragten drei Stunden Sprachunterricht in der Woche an. Seine Eltern aber dürfen dabei nur zuschauen. Die Reaktion des Sozialamtes sei kein Einzelfall, sagen sie. Auch Mediziner propagierten das CI als Allheilmittel. Doch Gehörlosigkeit ist nicht heilbar; das Implantat bleibt eine Krücke, wenn auch eine komfortable. Es kann das Sprachverstehen und damit das Sprechen technisch unterstützen. Ein natürliches Hören aber wie bei hörend geborenen Kindern, noch dazu in jeder Situation, bleibt eine Illusion.

Gebärdensprache oft verboten

Die Gebärdensprache hat es schwer in Deutschland. Erst 2002 wurde sie hier als eigene Sprache anerkannt. Zuvor war Kindern das Gebärden oft verboten, zum Teil wurden sie dafür sogar bestraft. Doch die deutsche Gebärdensprache ist eine komplette Sprache mit vollwertiger Grammatik. Das hat sich noch nicht überall herumgesprochen. „Uns wurde immer wieder davon abgeraten“, sagt Magdalena Stenzel. Es gebe kein natürlich gebärdendes Umfeld für Beni, argumentierten hörende Fachleute.

„Selbst Wissenschaftler lehnen Gebärdensprache noch immer aus alter Tradition ab“, sagt die Londoner Psychologin Gisela Szagun, die seit vielen Jahren zum Spracherwerb bei Kindern forscht und auch Gebärdensprache einbezieht. „Wir wollen doch nicht zur Affensprache zurück“, habe sie sich schon von Biologen und Medizinern anhören müssen. „Diese Kollegen haben einen Wissensrückstand, den sie schleunigst aufholen sollten“, sagt Szagun. Leider werde CI-Patienten in Deutschland die Gebärdensprache nicht nur nicht angeboten, sondern auch noch ideologisch dagegen argumentiert.

Diese Erfahrung macht auch Karin Kestner. „Eltern gehörloser Kinder werden massiv unter Druck gesetzt, Gebärdensprache zu lassen“, sagt die Gebärdensprachdolmetscherin aus Kassel. Sie unterstützt Eltern in Gerichtsverfahren und hat bundesweit zahlreiche einstweilige Verfügungen gegen Ämter erkämpft. Viele Eltern gäben unter der Belastung auf und riskierten damit, dass ihr Kind nicht oder nur verzögert eine Sprache lernt. „Dabei schließen sich CI und Gebärdensprache nicht aus.“

„Durch Zweisprachigkeit gewinnen“

Freilich sei bei Kindern mit CI die Lautsprache das Ziel, sagt Gisela Szagun. Zahlreiche Studien jedoch zeigen, dass der Erfolg sehr unterschiedlich ist. „Manche Kinder erlernen die Lautsprache nahezu so gut und schnell wie normal hörende Kinder, andere kommen auch nach Jahren nicht über Zweiwortsätzchen hinaus.“ Nur rund ein Drittel der Kinder mit CI lerne relativ problemlos sprechen, sagt Dolmetscherin Kestner.

Das Risiko, dass Kinder mit CI die Lautsprache nicht lernten, sei zu groß, als dass sie auf Gebärdensprache verzichten könnten, sagt Gisela Szagun. „Sprache ist nicht nur zur Verständigung, sondern für die geistige Entwicklung wichtig.“ Wer nicht rechtzeitig eine Sprache lerne, sei intellektuell und sozial benachteiligt. Gebärden verhinderten die Lautsprache nicht, im Gegenteil: Die Lautsprache könne auf der Gebärdensprache aufbauen. „Ein Kind mit CI kann durch Zweisprachigkeit nur gewinnen“, sagt Szagun. „Mit der Gebärdensprache bleibt ihm immer eine Sprache erhalten.“

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