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Geboren ohne Geruchssinn : Wie riecht die Welt?

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Für Gespräche über Wein braucht man einen Geruchssinn – oder schauspielerisches Talent Bild: dpa/dpaweb

Als sie andere Frauen die Nasen in Blumensträuße senken sah, war sie verblüfft. Jahre später stellte sie fest, dass ihr jeglicher Geruchssinn fehlt. Eine Betroffene erzählt, wie es ist, wenn man keinen Verlust zu betrauern hat und trotzdem etwas vermisst.

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          Die perfekte Pantomime für den Ausdruck olfaktorischer Verzückung geht so: Mit geschlossenen Augen den Kopf gen Duftquelle neigen, sich mit der Hand Riechstoffmoleküle in die Nase fächern und einige Male tief einatmen, lächeln und die Augen langsam wieder öffnen. Aber Achtung! Mit allzu großem Überschwang in der schwärmenden Stimme und theatralischem Augenrollen rutscht man schnell in die Parodie ab. Die Gerüche von frisch gepuderten Babypopos, von nassem Laub, Chanel No. 5, Tabakrauch, Kaffee und Katzenurin kenne ich nicht. Wie ich selbst rieche, weiß ich auch nicht, aber die Pantomime für die wichtigsten Duft-Situationen des Alltags habe ich drauf. Ich bin ein Riech-Imitator. Angewidertes Naserümpfen, weinerliches Abwenden, das Weiten der Nasenlöcher beim genießerischen Riechen - alles im Repertoire.

          Gelernt habe ich am Modell, und die erste Lektion erhielt ich im Alter von fünf Jahren von meiner Mutter. Sie hatte einen Strauß Flieder geschenkt bekommen und ihre Nase mitten in die Blumen gesteckt - einfach so. Mit fünf konnte ich noch über die Merkwürdigkeiten des Lebens staunen. Mutter hätte ebenso gut einen Stapel Toastbrot auf ihrem Kopf balancieren können. Verstanden hätte ich auch das nicht, einen Sinn aber nicht grundsätzlich angezweifelt. Erst recht nicht, nachdem ich später auch andere Frauen beim Nase-in-Blumen-Ritual beobachtet hatte. Offenbar bestand ein gesellschaftlicher Konsens über den richtigen Umgang mit Pflanzengebinde, und ich nahm ihn in mein Regelwerk der Dinge auf, die man tun musste, ohne das es dafür einen einleuchtenden Grund gab: Messer rechts, Gabel links halten zum Beispiel, auch die unsympathischen Nachbarn grüßen, sich Wassernebel unter die Achseln oder hinter die Ohren sprühen, und gegen Blumensträuße die Nase pressen. So waren die Sitten eben.

          Sie schimpfte, weil das ganze Schlafzimmer nach 4711 stank

          Mein kulturanthropologischer Befund wurde unhaltbar, als meine Mutter sich eines Tages enttäuscht von Rosen abwandte: „Die riechen ja gar nicht.“ Sie konnte also feststellen, ob Blumen etwas tun, und nannte das „riechen“. Was musste ich machen, um das auch zu können, und was war Riechen überhaupt? Der Weg zur Lösung führte durch das Schlafzimmer meiner Oma. Dort stand ein mit Flüssigkeit gefüllter Glasflakon samt satinbezogener Ballonpumpe. Ich drückte oft und lang auf die Pumpe, weil die hübschen Sprühwölkchen sich so schnell verflüchtigten. Ich hielt mich für clever, weil ich daran dachte, den Flakon am Wasserhahn wieder aufzufüllen, und war überrascht, als meine Oma mich trotzdem ertappte. Sie schimpfte, weil das ganze Schlafzimmer nach 4711 stank. So lernte ich, dass es einen verräterischen Unterschied zwischen Kölnisch Wasser und Leitungswasser gab - der Geruch.

          Geruch - das war der Grund, sein Gesicht in einen Blumenstrauß zu graben und sich Wasser hinter die Ohren zu sprühen, und alle außer mir konnten den Geruch wahrnehmen. Alle konnten riechen. War das ein Zaubertrick, den nur Erwachsene beherrschten? Würde sich auch bei mir während des Älterwerdens ein Schalter umlegen und meine Nase öffnen? Musste man das Riechen lernen, und wer brachte es einem dann bei?

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