https://www.faz.net/-gum-t2vu

Gastgeber der Welt-Aidskonferenz : „Phantastische Medikamente“

  • Aktualisiert am

Mark A. Weinberg Bild: McGill University

Mark A. Wainberg lehrt als Mikrobiologe und Mediziner an der Mc-Gill-Universität in Montreal. Im F.A.Z-Interview spricht der Gastgeber der Welt-Aidskonferenz in Toronto über seine Erwartungen, Fortschritte und Probleme.

          3 Min.

          Professor Mark A. Wainberg lehrt als Mediziner und Mikrobiologe an der Mc-Gill-Universität von Montreal und ist Gastgeber der Welt-Aidskonferenz in Toronto. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht er über Erwartungen, Fortschritte und Probleme.

          Am Sonntag abend wurde die Welt-AidsKonferenz in Toronto eröffnet. Sind Sie enttäuscht, daß der kanadische Premierminister Stephen Harper nicht zur Konferenz gekommen ist?

          Ich bin nicht enttäuscht, ich bin bestürzt. Es wäre seine Verpflichtung gewesen, hier zu sein, um zu zeigen, daß sich Kanada als G-7-Mitglied weiterhin konsequent am Kampf gegen Aids beteiligen will. Er hätte nach Toronto kommen sollen, damit er die Krankheit besser versteht, auch in seinem eigenen Land: Es ist nicht hinnehmbar, daß zum Beispiel ein Drittel aller Neuinfektionen unter den Ureinwohnern Kanadas auftreten. Das zeigt, daß unsere Regierung zu wenig im Kampf gegen Aids tut.

          Erinnern Sie sich noch an die großen Erwartungen, die die letzte Welt-Aids-Konferenz in Kanada geweckt hat?

          Ja, ich war 1996 in Vancouver dabei. Allerdings wurden die Erwartungen auch erfüllt. Es war ein großer Moment für uns Wissenschaftler. Aids war bis dahin ein sicheres Todesurteil. Nun wurde daraus eine chronische Krankheit, die man in den Griff bekommen konnte.

          Viele waren aber doch auch enttäuscht, daß die Medizin kein Heilmittel gefunden hat. Hat man seitdem die Erwartungen bei Welt-Aids-Konferenzen nicht gerade auch deshalb etwas zurückgeschraubt?

          Nicht jedes Mal kann uns ein großer Durchbruch gelingen. Vancouver erfüllte das Versprechen, daß Aidskranken fortan eine wirksame Dreifachtherapie zur Verfügung steht. Die Behandlung ist sicherlich letztlich nicht das, was sich Arzt und Patient wünschen. Ein Diabetiker, der sich jeden Tag Insulin spritzen muß, führt auch kein normales Leben. Für einen Aidskranken ist es nicht angenehm, von antiretroviralen Medikamenten abhängig zu sein. Andererseits sind seit Vancouver inzwischen zehn Jahre vergangen. Die Wissenschaft hat seitdem große Fortschritte gemacht.

          Auch darüber wird in Toronto gesprochen.

          Ja. Die Konferenz in Toronto wird aus zwei Gründen in Erinnerung bleiben. Es gibt eine neue Kategorie phantastischer Medikamente. Die Integrase-Inhibitoren wirken gegen das HI-Virus auf eine Weise, wie wir uns das vor kurzem noch nicht vorstellen konnten. Dabei handelt es sich um eine Substanzklasse, die das virale Enzym Integrase hemmt, mit dessen Hilfe das Virus seine Erbinformation in die Erbinformation der Wirtszelle einbaut. Diese Integrase-Inhibitoren könnten uns in die Lage versetzen, endlich auch ärmeren Ländern die Medikamente zukommen zu lassen, die sie so dringend benötigen. Wenn uns das durch Toronto gelänge, würde sich mein Traum erfüllen: Die Konferenz ginge in die Geschichte ein.

          Warum findet die Welt-Aids-Konferenz schon zum dritten Mal in Kanada statt? Sollte sie nicht, wie etwa in Bangkok 2004, in einer Region abgehalten werden, in der Aids besonders verbreitet ist?

          Da bin ich ganz Ihrer Meinung. Doch die meisten ärmeren Länder haben für eine so große Konferenz einfach nicht die Infrastruktur. Durban, wo die Konferenz 2000 stattfand, als ich Präsident der „International Aids Society“ war, ist vermutlich die einzige Stadt auf dem afrikanischen Kontinent, die dazu in der Lage ist. Nicht einmal London und Paris haben ein Konferenzzentrum, in dem sich mehr als 24000 Delegierte treffen können. Ich weiß auch nicht, ob Deutschland die Infrastruktur hätte. Als wir 1993 zur Welt-Aids-Konferenz in Berlin zusammenkamen, waren wir nur knapp 10000 Delegierte. In den Vereinigten Staaten wiederum gäbe es Möglichkeiten, doch wir haben uns gegen Amerika entschieden, weil das Land HIV-Infizierte, die einreisen wollen, nach wie vor diskriminiert.

          Das Motto der Konferenz lautet: Time to Deliver. Liegt es noch immer vor allem am Preis der Medikamente, daß so viele Aidspatienten ohne Behandlung leben müssen?

          Dafür gibt es mehrere Gründe. Natürlich liegt es auch noch immer am Preis, doch in vielen Ländern fehlt einfach die nötige Infrastruktur. Manche sagen: Wir können doch auch Coca-Cola bis in die letzten Winkel Afrikas bringen, warum gelingt uns das noch immer nicht mit antiretroviralen Medikamenten? Der Vergleich hinkt aber. Es geht nicht nur darum, Geld in einen Automaten zu stecken. Wir wollen, daß die Patienten verstehen, was sie einnehmen, daß sich zum Beispiel Resistenzen bilden können, wenn sie die Behandlung unterbrechen. Und man braucht Kliniken, die in der Lage sind, die Viruslast der Kranken - also wie viele HI-Viren sich in einem Milliliter Blut befinden - messen zu können.

          Einen Impfstoff wird es so bald nicht geben. Aber gibt es ein Mittel, das besonders vielversprechend scheint?

          Die Mikrobiozide-Forschung ist besonders vielversprechend. In Toronto wird viel von den sehr erfolgreich verlaufenden klinischen Studien die Rede sein. Ein weiteres großes Thema wird die Prä-Expositions-Prophylaxe (Prep) sein, das sind antiretrovirale Medikamente, die vorbeugend gegen Aids eingenommen werden. Und wir werden über die Beschneidung beim Mann reden: Studien zeigen, daß Länder, in denen viele Männer beschnitten sind, eine geringere Zahl von HIV-Infektionen aufweisen.

          Wird es in Toronto auch wieder um Fragen wie Abstinenz und den Einsatz von Kondomen gehen?

          Sicherlich. Bei so einer Konferenz kann man sich für ein Jahr mit Kondomen eindecken, ohne für sie zahlen zu müssen. Ich war immer der Meinung, daß Treue in einer Beziehung und Abstinenz unentbehrlich sind. Ein Dreizehn- oder Vierzehnjähriger ist einfach zu jung, um Sex zu haben. Da sind wir als Eltern gefragt. Wir müssen unseren Kindern klarmachen, daß sie warten sollten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Terror in Nizza : Rausch des islamistischen Nihilismus

          Nach der Ermordung des Lehrers Samuel Paty durch einen Islamisten wurde die Stimmung aufgeheizt. Auch durch Boykottaufrufe gegen Frankreich in islamischen Ländern. Doch ein Pauschalverdacht gegen alle Muslime ist falsch.

          Der Papst und die Satire : Mit der Faust zuschlagen

          Der Muslimische Ältestenrat will das Magazin „Charlie Hebdo“ wegen der Mohammed-Karikaturen verklagen. Zeichnungen wie diese gefallen auch Papst Franziskus nicht. Da gibt es einen gefährlichen Schulterschluss.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.