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Fuchsbandwurm : Blinder Passagier

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Im Frühjahr blüht er so verführerisch: der Bärlauch. Doch wer ihn wie etwa hier im Frankfurter Stadtwald sammeln und danach verzehren will, sollte einige Dinge beachten. Bild: Wolfgang Eilmes

Eine Infektion mit dem Fuchsbandwurm kann tödlich enden. Deshalb wird vor dem Sammeln von Bärlauch gewarnt. Aber stellt der Genuss dieses Wildgemüses wirklich die größte Gefahr dar, sich den Parasiten einzufangen?

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          Generell gibt es ja vieles, was für die Nahrungsbeschaffung in den heimischen Wäldern spricht. Nährstoffreich sind die Kräuter und Früchte, kostenlos sowieso, und sie verschaffen Sammlern ein Gefühl der Naturverbundenheit. Kein Vergleich zu Supermarktkost. Schon der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau wusste um die ideellen Vorzüge dessen, was da am Wegesrand wächst. Tafelobst sei vielleicht etwas für Feinschmecker und Gemeindevorsteher, wetterte er. Ganz anders die wilden Früchte, befand er: Sie nährten die Einbildungskraft.

          Ob der Frühling begonnen hat, lässt sich daran ablesen, ob Waldspaziergänger Taschen bei sich tragen. Gemeinsam mit Löwenzahn und Brennnesseln hat der Bärlauch auch in diesem Jahr wieder die Sammelsaison eröffnet. Manch ein Stück Waldboden, auf dem Bärlauch wächst, ist inzwischen längst abgegrast. Kenner decken sich ein, bevor das Aroma mit der Blüte Ende April, Anfang Mai nachlässt. Ernüchternd klingen da die Worte von Baden-Württembergs Forstminister Peter Hauk. Beim Bärlauchsammeln sei Vorsicht geboten, ließ der CDU-Politiker vor kurzem verlauten. Hauk warnte nicht nur vor der Verwechslungsgefahr des Wildgemüses mit Maiglöckchen und Herbstzeitlosen. Auch Eier des Fuchsbandwurms könnten am Bärlauch haften. Nur das Erhitzen töte sie ab.

          Es kommt nicht von ungefähr, dass die Warnung aus Baden-Württemberg stammt. Es war auch nicht der erste Gefahrenhinweis dieser Art; hier werden, gefolgt von Bayern, regelmäßig die meisten Fälle von alveolärer Echinokokkose erfasst, wie die Fuchsbandwurmerkrankung im Fachjargon heißt. 2018 gingen beim Robert-Koch-Institut weiterhin auch Meldungen von erkrankten Patienten aus Hessen und Nordrhein-Westfalen ein, ferner aus Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Berlin, Sachsen und dem Saarland. In Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg hingegen wurden über Jahrzehnte hinweg so gut wie keine Fälle bekannt.

          Die Krankheit ist selten, hat aber Tücken. Der Fuchsbandwurm gilt als der gefährlichste Parasit Europas, unbehandelt verlaufen Erkrankungen früher oder später tödlich. Dem Robert-Koch-Institut wurden 2018 aus dem ganzen Bundesgebiet 49 Fälle gemeldet, etwas mehr als in den Jahren zuvor. Aufgrund von weiteren, nicht eindeutig zu klassifizierenden Fällen sind es vielleicht auch zehn oder zwanzig Patienten mehr; auf die deutsche Bevölkerung hochgerechnet, ist die Wahrscheinlichkeit einer Fuchsbandwurmerkrankung insgesamt damit nicht sonderlich hoch. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 152 Lottospieler zu Millionären.

          Krankheit fällt erst spät auf

          Aber wie zieht man sich den Parasiten zu? Haben die Patienten allesamt im Wald Bärlauch, Pilze und Beeren gesucht? „Was die Risikofaktoren anbelangt, spielt das wahrscheinlich auf der unteren Ebene“, sagt Julian Schmidberger, Epidemiologe am Universitätsklinikum Ulm. In der Spezialambulanz für Fuchsbandwurm-Erkrankungen betreuen Schmidberger und seine Kollegen zwei Drittel aller Patienten in Deutschland, wie er schätzt. Meist sind es deren Hausärzte, die sie nach Ulm schicken. Beim Ultraschall sehen die Allgemeinmediziner: Da ist was. Manchmal sind es Schmerzen im Oberbauch oder eine Gelbsucht, die zu der Untersuchung führen, oft genug handelt es sich aber auch um einen Zufallsbefund. Weil Patienten häufig zehn oder fünfzehn Jahre lang keine Beschwerden haben und auch die Leberwerte bei Routine-Untersuchungen häufig keinerlei Hinweise geben, wird die Krankheit meist spät entdeckt. Entsprechend schwer ist dann nachzuvollziehen, wie die Infektion zustande kam. „Viele Patienten stammen aus den Risikogruppen Hundehalter und Landwirte, das scheint eine größere Rolle zu spielen als das Sammeln von Kräutern im Wald.“

          Wenn Schmidberger die Patienten zum ersten Mal sieht, sind sie im Schnitt 55 Jahre alt. Um eine eindeutige Diagnose zu stellen, reicht ein Bluttest nicht aus, auch bildgebende Verfahren sind nötig. Zum Beispiel Ultraschall. Dabei schauen sich die Ulmer Ärzte zunächst die Leber an, das Organ, das die Krankheit in 98 Prozent der Fälle angreift. Nur selten schädigt sie auch andere Organe wie Dünndarm, Herz oder Lunge. Auf dem Monitor sehen die Mediziner dann schwarze und graue Flächen, sie unterscheiden beispielsweise zwischen dem sturm-, dem hagel- oder auch dem metastasenartigen Muster. Dass das Leiden auf so vielfältige Weise Gestalt annehmen kann, erschwere die Diagnose, berichtet Schmidberger. Oft werde das Muster mit einem Tumor verwechselt.

          Was der Monitor zeigt, bezeichnet Schmidberger abstrakt als Raumforderung. Die Larven des Parasiten wachsen wie ein Krebsgeschwür in den Menschen hinein – eine Vorstellung, die Patienten zu schaffen macht. „Das Wissen darum, einen Parasiten in sich zu tragen, ist für sie eine große Bürde, sie leiden oft an Angst und Panikattacken“, fasst der Epidemiologe eine Erfahrung aus seinem Arbeitsalltag zusammen. Sie ist zugleich das Ergebnis einer im Jahr 2018 erschienenen Untersuchung, für die er zusammen mit Kollegen die Lebensqualität von dreißig Patienten abgefragt und mit der von Gesunden verglichen hat. In der Klinik versuchten die Ärzte Patienten damit zu beruhigen, sagt Schmidberger, dass das, was das Ultraschallbild zeige, nicht nach Larven aussehe. Nach Würmern noch viel weniger. Die sind übrigens selbst nur wenige Millimeter lang und leben ausschließlich in Tieren, vor allem im Fuchs. Der Mensch ist nur Zwischenwirt, in ihm reifen keine Würmer heran. Er ist damit für Mitmenschen auch nicht ansteckend. Der Fuchs scheidet die Eier des Fuchsbandwurms mit dem Kot aus. Gelangen sie in den menschlichen Magen, perforieren sie die Darmwand; Blut und Lymphe transportieren sie in die Leber. Dort entsteht das Larvengewebe. Das zumindest steht fest. Anders als die entscheidende Frage: Wie kommt es dazu, dass der Mensch die Eier überhaupt schluckt?

          „Keinen einzigen Beweis dafür, dass Beeren gefährlich sind“

          Die vielfach geäußerten Warnungen lassen nicht erkennen, dass hier eigentlich noch vieles unklar ist. „Der Mensch infiziert sich durch die Aufnahme der Eier zum Beispiel über kontaminierte Waldfrüchte“, heißt es etwa auf der Internetseite des Bundesamts für Risikobewertung. Das klingt so, als bestünden daran keine Zweifel. Die aber gibt es durchaus. „Es gibt keinen einzigen Beweis dafür, dass Beeren gefährlich sind, schon gar nicht, wenn sie hoch hängen“, sagt Klaus Brehm von der Universität Würzburg. Der Professor für Mikrobiologie erforscht den Parasiten, aber anders als die Ulmer Ärzte ausschließlich im Labor. Auch wenn bei den Infektionswegen noch nicht abschließend Klarheit besteht: Die Sache mit den Beeren sei wahrscheinlich eine Legende, meint er. „Wenn Beeren überhaupt gefährlich sind, dann Erdbeeren. Es ist davon auszugehen, dass auf den Feldern Mäuse leben, die der Fuchs jagt“, sagt Brehm. Dort, wo der Fuchs die Mäuse erlege, dort defäkiere er, um sein Revier zu markieren. Waldfüchse sind ihm zufolge seltener infiziert als Feldfüchse. Dass Brehm selbst bodennahen Waldpflanzen ein allenfalls geringes Gefahrenpotenzial bescheinigt, hat aber auch noch andere Gründe: „Es ist unwahrscheinlich, dass sich der Fuchs in ein Bärlauch- oder Brennnesselfeld reinsetzt und dort sein Geschäft verrichtet.“

          Seine Einschätzung der Lage ändert auch nicht, dass polnische Wissenschaftler DNA des Fuchsbandwurms an Obst, Gemüse und Pilzen aus ländlichen Gebieten Pommerns nachweisen konnten. Für ihre Studie, die 2017 erschien, hatten sie 104 Stichproben aus dem Wald, aus Nutzgärten und von Plantagen genommen. Fündig wurden sie insgesamt bei sieben Prozent der Proben. Die polnischen Forscher leiten davon eine gewisse Gefährdung des Menschen ab. Dass die Ergebnisse in Deutschland ähnlich sein könnten, schließt Brehm nicht aus – ist für ihn aber trotzdem kein Grund zur Panik: „Tatsächlich sagt die Studie nichts darüber aus, wie viele Eier in den Stichproben enthalten waren.“ Und das ist entscheidend, denn nicht jeder Kontakt mit dem Parasiten führt automatisch zu einer Erkrankung. Oft weisen Bluttests Antikörper beim Menschen nach, ohne dass die Krankheit je ausbricht. Wenn diese Menschen nicht resistent sind, was denkbar sei, erfordert eine Infektion also intensiven Kontakt mit dem Parasiten. „Man muss wahrscheinlich so um die tausend Eier aufnehmen, um sich zu infizieren“, sagt Brehm.

          Wer noch immer nicht völlig beruhigt ist und sein Faible für Wildgewachsenes bis hierhin behalten hat, bei dem gehört Selbstgesammeltes zuerst in den Kochtopf und erst dann auf den Teller. Die Kälte haushaltsüblicher Tiefkühltruhen tötet die Eier nicht ab, zuverlässig hilft nur das Erhitzen. „Zehn Minuten bei sechzig Grad“, lautet der Ratschlag des Experten. Also Bärlauchsuppe statt Bärlauchpesto, Bärlauchrisotto statt Bärlauch im Salat.

          Operation oder Chemotherapie

          Gegenwärtig ist es so, dass nur eine Operation die Chance auf Heilung bringt. Bei rund einem Drittel der Patienten wird die Krankheit früh genug diagnostiziert, so dass der Griff zum Messer noch hilft. Den anderen Patienten bleibt nur die lebenslange Chemotherapie – meist Medikamente mit einem Wirkstoff namens Albendazol. Die Therapie hat oft Nebenwirkungen, erzielt aber gute Erfolge, die Lebenserwartung der Erkrankten ist beinahe genauso hoch wie die von Gesunden. Brehm hofft, dass es in Zukunft noch bessere Medikamente geben wird: „Bisher verlangsamen sie nur die Ausbreitung des Parasiten, aber sie bringen ihn nicht um.“ Deshalb arbeitet der Mikrobiologe daran, Moleküle der Larven zu identifizieren, die man angreifen könnte. Wünschenswert wäre ein Medikament, das den Parasiten umbringt, aber die menschlichen Zellen nicht schädigt.

          Würde er fündig, dürfte das nicht nur hierzulande Patienten erfreuen. Der Parasit kommt in vielen Gebieten der Nordhalbkugel mit gemäßigtem bis kaltem Klima vor. Die meisten Erkrankten leben in China. „Dort gibt es erheblich mehr Fälle als bei uns. Dort ist der Hauptüberträger nicht der Fuchs, sondern der Hund, der Mäuse jagt“, sagt Brehm. Die Maus ist der Zwischenwirt des Parasiten schlechthin und somit oft selbst infiziert. Auch bei uns müsse man davon ausgehen, sagt Brehm, dass viele Ansteckungen über Kontakt mit Hunden erfolgten. Zum Beispiel beim Schmusen, wenn Eier des Fuchsbandwurms in seinem Fell hängen und so übertragen werden.

          Für den Mikrobiologen gibt es deshalb nur eine Schlussfolgerung: „Es macht wenig Sinn, die Waldbeeren hängen zu lassen, wenn man gleichzeitig einen Hund hält, der Mäuse jagt.“ Ähnliches dürfte auch für den Bärlauch gelten.

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