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Frankreich : Marianne ist dick geworden

Droht eine Barbarisierung der Eßkultur? Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

„French Women Don't Get Fat“, behauptet ein vielbeachteter Ernährungsratgeber. Aber die Realität sieht anders aus: Immer mehr Franzosen wiegen zuviel und werden damit den verachteten Amerikanern immer ähnlicher.

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          Frankreichs Gesundheitsminister hat Mireille Guilianos Buch ganz sicher nicht gelesen. Sonst hätte er den Kampf gegen die Fettleibigkeit nicht zur Priorität der staatlichen Vorsorgepolitik erklärt, zu einem Problem, das genauso dringlich ist wie die Prävention von Alkoholismus und Rauchen. Auch viele Französinnen haben es bislang versäumt, den Bestseller ihrer Landsmännin zu verschlingen, der in Amerika mehr als eine Million Mal verkauft wurde: „French Women Don't Get Fat“ (Französinnen werden nicht dick).

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die fast 60 Jahre alte Autorin mit Idealmaßen (52 Kilogramm bei 1,60 Meter Körpergröße) leitet im Hauptberuf die amerikanische Filiale des Champagnerherstellers Veuve Cliquot; im Nebenjob hat sie die französische Eßkultur zur Antwort auf Amerikas Neigung zur Fettleibigkeit erhoben - mit großem Erfolg in der Neuen Welt: „Ich bekomme unheimlich viel Post“, berichtet die Autorin. „Mir schreiben sogar Männer, sie wollen Ratschläge für ihre Frauen. Einige wollen wissen, wie man es schafft, eine Französin zu heiraten!“

          Vom Verfall der familiären Eßsitten bedroht

          Doch das mit einer gehörigen Portion Nationalstolz vorgetragene Plädoyer für die französische „art de vivre“ greift in die gute alte Zeit zurück, in der Frankreich von Fast- food- und Gefrierkostmoden noch verschont war. Heute, so hat Gesundheitsminister Xavier Bertrand kürzlich Alarm geschlagen, ist Frankreichs Kultur von einem Verfall der familiären Eßsitten bedroht. Übergewicht und Fettleibigkeit werden zur kostspieligen Herausforderung für die Volksgesundheit, wenn die Entwicklung nicht gestoppt wird.

          Die Franzosen haben seit 1997 im Schnitt 1,7 Kilogramm zugenommen; seit damals ist auch die Zahl der Fettleibigen um fünf Prozent pro Jahr gestiegen. 11,3 Prozent der Franzosen leiden unter Fettleibigkeit, wie die jüngste Studie ergeben hat; jeder dritte weist Übergewicht auf. Mit einer Plakatkampagne, auf der die Fettmassen von Übergewichtigen auf abschreckende Weise zur Schau gestellt werden, soll ein Bewußtseinswandel herbeigeführt werden. „Fettleibigkeit tötet“ steht auf den Plakaten.

          „Wenn wir nichts tun, haben wir 2020 Verhältnisse wie in Amerika“

          In anderen Staaten ist das Problem natürlich noch gravierender. In Amerika sind nach Angaben der OECD zwei Drittel der Bevölkerung zu dick, in Deutschland ist es fast die Hälfte. Frankreich aber will eine ähnliche Entwicklung verhindern, die sich mit Blick auf die Zahlen bei den Kindern bereits abzeichnet. 15 Prozent der kleinen Franzosen gelten inzwischen als übergewichtig; 1980 waren es in Frankreich nur fünf Prozent der Kinder, die zu dick waren. „Wenn wir nichts tun, haben wir 2020 Verhältnisse wie in Amerika“, warnt der sozialistische Abgeordnete Jean-Marie Le Guen, Autor von „Obesite, le nouveau mal francais“ (Fettleibigkeit, die neue französische Krankheit), und gerade dieser Vergleich mit den Vereinigten Staaten ist es, der die Franzosen besonders schmerzt.

          Die Regierung in Paris hat inzwischen Getränke- und Süßigkeitenautomaten an den öffentlichen Schulen verboten. Schon an den Kindergärten (“Ecoles Maternelles“) sind die Lehrer angehalten, kein Pausenbrot mehr für die Kinder zuzulassen. Sie sollen lernen, nur zu den Mahlzeiten zu essen. In den Schulkantinen gibt es Informationskampagnen mit dem Ziel, über gesunde und ausgewogene Ernährung aufzuklären. Während der sogenannten „Woche des Geschmacks“ wird den Schulkindern der „ursprüngliche Geschmack“ von ausgewählten Gemüsen und Früchten nahegebracht. An einem nationalen Präventionstag bieten Kinderärzte in 77 Städten kostenlose Untersuchungen von Kindern an, um ihr Fettleibigkeitsrisiko herauszufinden und den Eltern Hilfe anzubieten.

          Akademiker sind dünner

          Stärker noch als anderswo ist die Neigung zu Übergewicht in Frankreich von sozialen Faktoren abhängig. Je niedriger der Bildungsstand und das Einkommensniveau, um so höher liegt das Fettleibigkeitsrisiko. Die Gefahr, übergewichtig zu werden, ist bei Akademikern dreimal niedriger als bei Personen ohne Hochschulabschluß. Die französische Eßkultur mit den Einflüssen der mediterranen Küche, viel Obst, Gemüse, Frischfisch und -fleisch, hat sich in den gebildeten Schichten und in den höheren Einkommensklassen gut behauptet. Bei den Arbeitern, Arbeitslosen und sozial schlecht gestellten Familien erfreut sich hingegen die Fast-food-Kultur immer größerer Beliebtheit. Ketten wie McDonald's und Kentucky Fried Chicken haben in Frankreich größere Zuwachsraten als im Rest Europas. McDonald's hat trotz symbolischer Protestaktionen des Bauernführers Jose Bove gegen die „mal bouffe“, den „schlechten Fraß“, seinen Umsatz in den vergangenen fünf Jahren um 42 Prozent erhöht.

          Daß die Produkte der Fast-food-Anbieter gänzlich zu meiden seien, dafür plädiert Mireille Guiliano nicht einmal. Als „Anti-Diät-Programm“ bezeichnet sie ihr Buch: „Diäten sind stressig, weil man sich etwas versagen muß. Und wenn man gestreßt ist, ißt man noch mehr. Das ist ein Teufelskreis. Man kann alles essen, sogar Pommes frites. Aber nicht gleich riesige Portionen. Alles ist eine Frage der Mäßigung, der Ausgewogenheit.“ Die geschäftstüchtige Wahlamerikanerin, die Lauchbrühe, selbstgefertigten Joghurt und viel Wasser als Geheimtips anpreist, hat ihr Buch auch in Frankreich verlegt - ohne große Anteilnahme. Die einschlägigen Frauenmagazine ziehen den Mireille-Tips weiter die wechselnden Diätrezepte vor.

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