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Heilfasten : „Der bewusste Verzicht ist ein faszinierendes Abenteuer“

Mitinhaberin und Medizinische Leiterin der Buchinger-Kliniken: Françoise Wilhelmi de Toledo. Bild: Helmut Fricke

Seit Jahrzehnten hilft Françoise Wilhelmi de Toledo Menschen in ihrer Klinik beim Heilfasten. Ein Gespräch über toxische Lebensbedingungen und die Erotik des Verzichts.

          8 Min.

          Seit 60 Jahren kommen die Menschen in Ihre Klinik in Überlingen zum Heilfasten nach der Methode „Buchinger-Wilhelmi“. Was treibt die Menschen dazu, diese Tortur auf sich zu nehmen?

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Viele Patienten und Gäste, die zum ersten Mal kommen, wollen zunächst abnehmen. Dann entdecken Sie, dass ihre Blutwerte besser werden, Schmerzen nachlassen, dass innere Ruhe einkehrt und sie ihr Leben reflektieren können. Viele ziehen eine Lebensbilanz. Sie erleben auch ein Glücksgefühl, auch wenn das Fasten manchmal zu Krisen führen kann. Das ist ein sehr tief empfundenes Glück, ganz anders als das Glücksgefühl, das ich habe, wenn ich ein Stück Schokolade esse.

          Wie sieht denn die Fastenkur für Anfänger aus?

          Zunächst sollte man die drei Ebenen des Heilfastens miteinbeziehen: die körperliche, die mitmenschliche und die spirituelle. Es empfiehlt sich, in einer Gruppe zu fasten. Man benötigt Ruhe und Stille. Und dann braucht man eine Methode. Bei uns läuft eine Fastenkur in fünf Etappen ab. Man sollte sich zu Hause vorbereiten, schließlich ein günstiges Datum wählen. Schon vor der Ankunft sollte man damit beginnen, weniger Kaffee, Alkohol, Fleisch, Zucker, Süßigkeiten zu konsumieren. Dann beginnt das Fasten mit einem Entlastungstag, dann folgt die Darmreinigung, Zum Mittag servieren wir nur einen frisch gepressten Saft, am Nachmittag machen wir den Leberwickel und später eine zwei- oder dreistündige Wanderung. Am Abend gibt es eine Gemüsebrühe und ein kulturelles Abendprogramm. Schließlich folgt das Fastenbrechen. Nach dieser intensiven Phase folgt die langsame Wiedergewöhnung an die Nahrung. Und am Ende die Rückkehr nach Hause. Natürlich wird das unterstützt durch medizinische Therapien. Wer mit Diabetes kommt, wird ein anderes Programm erhalten als ein Patient mit Bluthochdruck.

          Sie haben Stammgäste, die womöglich wieder zu Ihnen kommen, weil Sie nach der Fastenkur wieder zu alten Gewohnheiten zurückgekehrt sind. Frustriert Sie das?

          Die Lebensumstände in denen wir leben sind manchmal geradezu toxisch. Durch das Fasten kann man zur Überzeugung kommen, dass wir eigentlich weniger brauchen in unserem Leben als wir denken. Der bewusste Verzicht kann ein faszinierendes Abenteuer. Das macht mich immer wieder optimistisch.

          Die Probleme mit Fettleibigkeit und Diabetes in den Wohlstandsländern nehmen dramatisch zu. Woran liegt das?

          Schuld daran ist der Lebensstil, die industrielle Ernährung, die Beschleunigung des Alltags, der Stress. Da würde jedes Tier übergewichtig werden. Wer isst heute noch am Familientisch, wer kocht noch selbst? Die Industrie arbeitet nach den Prinzipien der Gewinnmaximierung, wenn die Menschen viel essen, ist das gut, weil dann der Markt wächst. Gesundheitsaspekte müssten dabei eine viel größere Rolle spielen. An Diabetes verdienen Pharmaunternehmen und eine ganze Industrie. Nötig ist eine Rückkehr zum Herd und zur Kochplatte. Das gilt nicht nur für Frauen. Nahrung ist das einzige, was wir nicht globalisieren sollten. Ernährung muss regional erzeugt sein.

          Für Makaken-Affen ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Nahrungspausen und somit ein fastenähnliches Verhalten das Affenleben verlängern kann. Affen, die weniger essen, bekommen sogar später weniger graue Haare. Ist das auf Menschen übertragbar?

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