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Experimentelle Pflege : Mit dem Rollator zum Krafttraining

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Eins, zwei, drei und Pause: Wer auch im Alter versucht, trainiert zu bleiben, so wie die Senioren im Rödentaler Fitnessstudio, beugt Stürzen vor. Bild: Nora Klein

Deutsche werden immer älter und pflegebedürftiger. Fachkräfte, die sich um die Betagten kümmern, fehlen. Im fränkischen Rödental will man das Dilemma nun mit einem Experiment lösen. Ein Besuch im seniorenfreundlichsten Ort Deutschlands.

          Ingrid Lesch hatte sich fest vorgenommen zu trainieren. Zu Hause stellte sie sich extra ein neues Gerät in die Wohnung. Am Anfang klappte ihr Vorhaben auch. Oft stieg die Dreiundsechzigjährige auf ihre Fitnessgeräte, doch mit der Motivation war das so eine Sache. Irgendwann landeten die Dinger neben der Ölheizung im Keller. Da blieben sie, metallene Symbole des schlechten Gewissens, bedeckt von einer Schicht aus Staub.

          Frau Lesch sagt: „Mir fehlte die Gesellschaft. Allein macht Trainieren keinen Spaß.“ Seit einiger Zeit schwitzt sie nun mit ihrem Mann im Seniorenfitnessstudio in Rödental. Immer dienstags, von neun Uhr bis zehn Uhr. Das Studio liegt in einer Wohnanlage für Senioren, alles sieht anders aus als in der typischen Pumperbude um die Ecke. Die Möbel sind seniorenbeige, die Hanteln wiegen zwei Kilo statt zwanzig, und überall stehen griffbereit Stühle. Zum Verschnaufen.

          Um 12 Uhr startet nicht die trendige Zumba-Klasse, sondern ein Kurs, der sich Sturzgruppe nennt. Dort lernen Senioren, wie sie durch bessere Koordination Stürze vermeiden. Keiner der Kunden hat hier einen 24-Monats-Vertrag, Frau Lesch steckt einfach zwei Euro in das Kassenkörbchen am Eingang. Wer eine längere Pause benötigt, setzt sich an den schlichten Holztisch in der Ecke. Heißgetränke, Wasser, Zuckerstücke, Calcium-Tabletten - alles da.

          Zur Stärkung und zum Plausch: Ein Tisch mit Getränken steht bereit. Bilderstrecke

          Sinnsuche zwischen Steppern und Sprossenwänden

          Herr Lesch trabt auf dem Laufband, am Fenster radelt eine graumelierte Dame. „Die Knie gerade lassen“, ruft Trainerin Heidrun Marek durch den Raum. 2004 machte ihr Arbeitgeber dicht, da war sie 60 Jahre alt. „Ich war mein ganzes Leben unter Leuten, und auf einmal saß ich zu Hause - das war furchtbar.“ Nur herumreisen und Enkel begucken, das reichte Marek nicht. Sie suchte nach einem neuen Sinn und fand ihn zwischen Steppern und Sprossenwänden.

          Heidrun Marek besuchte eine vierwöchige Schulung, die aus ein bisschen medizinischem Grundwissen und ein paar Fitnessübungen bestand. Seitdem arbeitet sie ehrenamtlich im Fitnessstudio. Ihre Besucher sind zwischen 55 und 95 Jahren alt. Viele haben eine Operation hinter sich. Sie kommen ins Studio, um nicht einzurosten - und um zu reden. Über die Enkel, die zu selten anrufen. Über die Firma, bei der sie 40 Jahre gearbeitet haben - und die jetzt einem Investor aus China gehört. Und über den Rücken, der schon wieder zwickt.

          Heidrun Marek streift durch den Raum an den Geräten vorbei, korrigiert hier und da. Im Studio gelten ihre Regeln. Eine lautet: Nach zwei Geräten wird zehn Minuten pausiert und Wasser getrunken. Einige Senioren murrten über die strenge Aufsicht, doch Heidrun Marek will kein Risiko eingehen. „Sonst fallen die mir um“, sagt sie.

          Versorgung von 2,5 Millionen pflegebedürftigen Menschen – ein Experiment

          Alle Geräte sind aus Spenden finanziert, besonders stolz ist Marek auf die Galileo-Therapieplatten. Das Prinzip: Muskeln werden mit Hilfe von mechanischen Schwingungen stimuliert. Die vibrierenden Platten nutzen sonst Astronauten, die ihre Muskeln trotz der Schwerelosigkeit stählen müssen. So stärken Senioren, die nur am Rollator laufen können, ihre Beine, und das Sturzrisiko sinkt.

          Fitte Senioren helfen betagten Senioren - Heidrun Marek und das Seniorenstudio stehen stellvertretend für das Konzept der Stadt Rödental. In der 13 000-Einwohner-Stadt in der oberfränkischen Provinz läuft genau genommen ein Experiment.

          Unsere Gesellschaft wird älter und pflegebedürftiger. Die aktuelle Pflegestatistik, Stand 2013, gibt an, dass im Jahr 2011 rund 2,5 Millionen Menschen pflegebedürftig waren. Diese Zahl könnte laut Prognosen des Statistischen Bundesamtes durch den demographischen Wandel bis 2030 auf rund 3,4 Millionen steigen. Wie schafft man es, dass alte Menschen länger fit bleiben, und wer versorgt sie? Rödental versucht zu handeln, um eine Antwort auf diese Frage zu geben: eine Reihe von Maßnahmen, die präventiv wirken und bei denen Ehrenamtliche eine Hauptrolle spielen.

          „Wenn alte Menschen fallen, fängt das Elend an.“

          Wer sich mit den Projekten in der Kleinstadt beschäftigt, stößt immer wieder auf einen Namen: Wolfgang Hasselkus. Der 69 Jahre alte, graubärtige Mann ist Hausarzt in Rödental, sitzt im Stadtrat und ist der Seniorenbeauftragte des Ortes und des Landkreises.

          Als Hausarzt kannte er die Probleme der alten Leute aus der Praxis und fragte sich: Was kann man machen, um die Klinikaufenthalte zu reduzieren? Man muss die alten Leute zu Hause betreuen und die Muskeln trainieren. „Wir dürfen gar nicht in die Gefahr kommen, dass die alten Leute stürzen“, sagt Hasselkus. „Wenn alte Menschen fallen, fängt das Elend an.“

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