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Filz in der Pharmaindustrie : Unser Medikament soll schöner werden

  • -Aktualisiert am
Das Rheumamedikament Vioxx: Nebenwirkungen heruntergspielt, Behörden getäuscht
          3 Min.

          Manchen Pharmafirmen scheint jedes Mittel recht, damit sich ihre Präparate vermarkten lassen. Und offenbar gibt es Wissenschaftler und Mediziner, die ihnen dabei bedenkenlos Hilfestellung leisten. Wie verfilzt die Beziehungen mitunter sind, illustrieren drei aktuelle Berichte über die Hintergründe des Skandals um das Schmerz- und Rheumamittel Vioxx.

          Der von der amerikanischen Firma Merck vertriebene Entzündungshemmer mit dem Wirkstoff Rofecoxib galt anfänglich als segensreicher Ersatz für die mitunter schlecht verträglichen älteren Rheumamittel. Im Herbst 2004 musste die Firma das Medikament dann wegen Sicherheitsbedenken vom Markt nehmen. Denn die Ergebnisse mehrerer Studien hatten den dringenden Verdacht genährt, dass das unter anderem auch zur Vorbeugung einer Alzheimerschen Demenz getestete Arzneimittel die Gefahr von Herzattacken und Schlaganfällen in die Höhe treibt. Schon damals hatten kritische Stimmen moniert, der Hersteller habe viel zu spät reagiert und die aggressive Vermarktung seines ertragreichen Präparats trotz einschlägiger Warnungen ungeniert fortgesetzt.

          Schier unfassbare Abgründe tun sich auf

          Diese rücksichtslose Strategie erweist sich nun als Bumerang. Überhäuft mit Klagen, musste Merck die mit der Vermarktung von Rofecoxib in Zusammenhang stehende, interne Korrespondenz offenlegen. Welche Abgründe sich hier auftun, ist schier unfassbar. Denn es wurden unter anderem schwere Arzneimittelnebenwirkungen heruntergespielt und die Behörden über das wahre Ausmaß der von Rofecoxib ausgehenden Risiken bewusst getäuscht. Die Analyse dieser Vorgänge ist jetzt in der renommierten Zeitschrift der amerikanischen Medizinervereinigung, „Jama“ (Bd. 299, S. 1800, S. 1813 u. S. 1833), nachzulesen.

          Eine im April 2001 vorgenommene firmeninterne Analyse der Ergebnisse zweier großer klinischer Studien war zu dem Schluss gekommen, dass die Anwendung von Rofecoxib mit einer rund dreimal so hohen Sterblichkeit einhergeht wie jene von Placebo. Der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA überreichte Merck aber nicht diese, sondern vielmehr statistisch geschönte, harmlos anmutende Mortalitätszahlen. Misstrauische Nachfragen der FDA sollen mit der Bemerkung abgewehrt worden sein, man verfüge nur über die vorgelegten Daten.

          Manipulation der Berichterstattung

          Die Kaltschnäuzigkeit, mit der der Konzern seine eigenen Interessen verfolgt hat, findet nicht zuletzt in der Manipulation der wissenschaftlichen Berichterstattung ihren Niederschlag. Offenbar wurde ein erheblicher Anteil solcher Artikel von Mitarbeitern des Konzerns oder eigens beauftragten Agenturen verfasst und den Akademikern erst spät zur Begutachtung unterbreitet.

          Wie die Chefredakteurin des „Jama“ anmerkt, dürfte jedem erfahrenen Autor aber klar sein, dass das erste Konzept derartiger Manuskripte die Richtung bestimmt, also die grundlegende Interpretation der Studienergebnisse vorgibt. Aus dem Grund sei es unerlässlich, die Leser über die Identität der Autoren zu unterrichten. Schließlich gehöre es in der Fachpresse auch seit einiger Zeit zum guten Ton, bei jeder wissenschaftlichen Veröffentlichung die Beziehungen zwischen den an der Studie beteiligten Wissenschaftlern und der Industrie offenzulegen.

          Akademiker täuschen die Fachwelt gegen Bezahlung

          Dieser Verhaltenskodex wird gleichwohl nicht von allen Beteiligten gleichermaßen respektiert. Im Fall Vioxx haben jedenfalls sowohl Akademiker als auch Fachjournale häufiger dagegen verstoßen. Als die trübsten Gewässer erwiesen sich dabei die zur Wirkung von Rofecoxib erstellten Übersichtsartikel in der medizinischen Fachliteratur. Besonders schwer wiegt zudem, dass sich einige Akademiker gegen Bezahlung als Erstautoren für einschlägige Publikationen von Merck zur Verfügung gestellt und die Fachwelt somit getäuscht haben. Denn hier gelten die ersten Autoren als die wichtigsten Verfasser oder auch Organisatoren der betreffenden Untersuchung.

          Die wichtige Frage lautet jetzt: Wie üblich ist das Vorgehen von Merck? Vom „Jama“ werden generell strengere Regeln vorgeschlagen: Die Hauptverantwortlichen einer Studie sollten schon bei der Registrierung des Projekts angegeben werden, nur tatsächlich an einer Studie beteiligte Autoren sollten als solche aufgelistet werden, und die wirtschaftlichen Beziehungen aller an der Publikation mitwirkenden Personen sollte man angeben müssen. Dass die Auswertung von Studienergebnissen allein den Pharmafirmen überlassen wird, wie in diesem Fall, sei untragbar.

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