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Tabuthema Fehlgeburt : Schwangerschaft ohne Geburt

  • -Aktualisiert am

Malin Elmlid, Teresa Bücker, Julia Stelzner Bild: Julia Zimmermann

Fast jede dritte schwangere Frau erlebt eine Fehlgeburt, und fast jede von ihnen fühlt sich damit alleingelassen. Unsere Autorin spricht mit Teresa Bücker und Malin Elmlid über ein gesellschaftliches Tabu.

          5 Min.

          Teresa Bücker: Julia, Du hast mir damals gesagt, dass Du keine guten Beiträge zum Thema Eileiterschwangerschaften und Fehlgeburten gefunden hast, als Dir selbst so etwas passiert ist. Ich habe später bei meiner Recherche auch gemerkt, dass es keine Berichte gibt, die in die Tiefe gehen.

          Julia Stelzner: Das war der Beweggrund für meine Website „Das Ende vom Anfang“. Ich wollte einen Ort schaffen, an dem Frauen mit Fehlgeburten ehrlich und ungeschönt ihre Geschichte schildern und damit anderen Frauen in derselben Situation helfen.

          Malin Elmid: Glaubt ihr denn, dass es in Deutschland einen anderen Umgang mit Fehlgeburten gibt, oder warum werden solche Erlebnisse so wenig besprochen?

          Julia Stelzner: Ja. Persönliches Scheitern, Trauer oder psychische Krankheiten werden hierzulande nur selten angesprochen. Dazu gehören auch spezielle Frauenthemen wie Kinderwunsch, postnatale Depressionen und Social Freezing, also das Einfrieren von unbefruchteten Eizellen.

          Malin Elmid: Für mich war das Thema nicht so sehr mit einem Tabu belastet, weil ich es auch nicht als solches kennengelernt habe. Als ich 14 war, hat zum Beispiel meine Lehrerin in Schweden ganz offen gesagt, dass der Grund für ihre Abwesenheit eine Fehlgeburt war. Von daher war ich schon früh damit konfrontiert, bevor ich selbst überhaupt an Kinder gedacht habe.

          Teresa Bücker: Ich kann mich noch erinnern, dass ich morgens von der Notaufnahme aus eine Mail an meine Chefin geschickt habe, in der ich ihr schrieb, dass ich wegen einer Eileiterschwangerschaft operiert werden müsse. Sie schob dann aber im Team eine andere Krankheit vor, weil sie dachte, dass ich nicht darüber sprechen wolle. Das hat mich gewundert, weil wir bei „Edition F“ ein reines Frauenbüro sind und es gerade für die Jüngeren wichtig ist, dass sie so etwas wissen. Die Reaktion hat aber auch gezeigt, dass das Tabu noch groß ist.

          Julia Stelzner: Könnt ihr mittlerweile offen über eure Fehlgeburten mit Fremden sprechen? Mir ist es zunächst schwergefallen. Bis zu meinem Erfahrungsbericht, den ich damals auf „Edition F“ veröffentlicht habe, dauerte es Monate. Vor dem Erscheinen hatte ich Herzklopfen. Man gibt auf einmal so etwas Privates von sich preis. Etwas, das einen verletzt hat. An dem Feedback auf meinen Text habe ich jedoch gemerkt, dass es extrem wichtig ist, dass Frauen diese Art von Erfahrungen, nicht nur positive, erzählen, um ein Bewusstsein zu schaffen. Leicht ist es aber nicht.

          Malin Elmid: Als ich mit zwei Embryonen schwanger war, von denen ich einen in der neunten Woche verloren habe, hatte ich keine Probleme, das zu erzählen. Die Situation war ja auch anders – ich hatte noch ein gesundes Kind im Bauch. In den Interviews für mein Buch berichten ein paar Frauen, dass sie sehr früh über ihre Schwangerschaften gesprochen haben. Sie mussten dann auch von ihren Fehlgeburten erzählen und haben mir gesagt, wie nackt sie sich dabei gefühlt haben. Denn sie haben nicht mehr selbst bestimmen können, mit wem sie darüber sprechen, und so wussten dann auch Arbeitskollegen von ihrer Fehlgeburt. Gleichzeitig kann der offene Umgang hilfreich sein, für einen selbst und für andere Frauen und Männer, die Ähnliches erleben.

          Teresa Bücker: Ich habe auch einen Bericht geschrieben. Für mich war es eine Art therapeutisches Schreiben. Vier Monate lang habe ich daran geschrieben, bis ich den Text dann endlich veröffentlicht haben wollte. Ein halbes Jahr später schrieb mir mein Vater, dass er gar nicht gewusst habe, wie traurig ich war. Meine Eltern dachten anscheinend, so eine Eileiterschwangerschaft mache mir nichts aus. Es brauchte also den Text, um das geradezurücken, um darzustellen, wie gravierend eine Fehlgeburt ist. Bei mir hat sich die Eileiterschwangerschaft diesen Sommer gejährt, und auf einmal kam die Trauer zurück, was ich mir selbst nicht erklären konnte.

          Julia Stelzner: Das ist bei mir ähnlich. Ich kann weder die berechneten Entbindungstermine noch die Tage vergessen, an denen ich eine Operation hatte, um die nicht intakte Schwangerschaft zu entfernen. Klar, der Schmerz, körperlich und mental, wird weniger mit der Zeit, aber das Erlebte ganz zu vergessen ist schwer. Selbst jetzt, da ich im neunten Monat schwanger bin, habe ich oft Angst.

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