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Psychisch kranke Eltern : War ich nicht lieb?

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Für die sechs Frauen zwischen Mitte 20 und Ende 40 ist die Gruppe ein geschützter Raum, in dem niemand große Augen macht oder ihnen nicht glaubt, wenn sie von ihren Erfahrungen berichten. Sie haben alle Therapie(n) hinter sich oder machen gerade wieder eine, sind berufstätig, die Hälfte hat selbst Kinder. Gestandene Frauen, deren man vor allem eines anmerkt: den unbedingten Willen zu überleben. Und vielleicht irgendwann ein „normales Leben“ zu führen.

Denn obwohl alle Expertinnen sind für das, was ihnen widerfahren ist, braucht die Seele doch, das Erlebte zu verarbeiten und sich neu auszurichten. „Wenn ich mit Freunden unterwegs bin und wir unterhalten uns nett“, erzählt Anne, „dann denke ich manchmal: ‚Das ist jetzt normal? So macht man das? So gehen Freunde zusammen weg?’“ Es passiert – nichts. Das kannte sie nicht, bis sie erwachsen war. Zehn Minuten einfach nur mit jemand zu reden, ist deshalb oft purer Stress für sie, „ich muss dann wirklich gehen. Erklär das mal jemand!“ „Mach doch einen Flyer“, sagt Linda und alle lachen. Humor hilft.

Und schließlich geht es ihnen allen ähnlich. Die lange erlernten Muster der ständigen inneren Alarmbereitschaft und des Abscannens – was könnte gerade im anderen vor sich gehen und ist es womöglich bedrohlich – lassen sich nicht so einfach abstreifen und verschlingen immens viel Energie. Harmlose, zwischenmenschliche Ereignisse bekommen da schnell eine übergroße Dimension: „Wer so aufgewachsen ist, kann sich nicht sicher sein, ob der andere wirklich eine dauerhafte Beziehung will“, erklärt Babette Laubvogel, Psychologin und Psychotherapeutin, die in ihrer Hamburger Praxis auch mit Betroffenen arbeitet. „Wird dann etwa eine Verabredung abgesagt, stellt jemand sofort in Frage, ob er selbst in Ordnung und es überhaupt wert ist, das sich jemand mit ihm abgibt.“

„Mit Freundschaften tue ich mich schwer“

Anne „überlebte“, weil sie sich in Bücher flüchtete, in denen Menschen so etwas hatten „wie Gefühle“. Die zierliche Susanne klammerte sich an die Hoffnung, dass es irgendwann eine Zukunft geben würde, in der es ihr besser gehen würde. „Als aber die Zukunft da war“, sagt sie, „wusste ich nicht, wie ich damit umgehen sollte.“ Sie ging an die Uni, „aber ich hab nichts dabei gefühlt.“ Zu fühlen, wie es ihr bei und mit etwas und jemand geht, das lernte sie erst nach und nach durch Sport, in die Natur gehen und herauszufinden, „was mir wirklich Spaß macht“: „Das kann ein Brot mit Erdnussbutter sein.“ Susanne lebt in einer Partnerschaft und wundert sich selbst, „wie ich das hingekriegt habe“.

Denn „mit Freundschaften tue ich mich schwer, da bin ich äußerst misstrauisch, ich musste auch erst lernen, Grenzen zu setzen und meine Bedürfnisse zu benennen, und dass ich dann vielleicht Menschen verliere.“ Viele litten unter Angst vor Nähe, so Babette Laubvogel, „denn in der Nähe wurde damals die Verletzung erlebt.“ In der Therapie geht es deshalb auch darum, Nähe wieder zuzulassen, sein eigenes Bedürfnis nach Liebe und Zuwendung, durch alten Schmerz hindurchzugehen und dahinter das bisher verborgene, eigene Potenzial zu entdecken.

Linda sagt, sie wolle immer noch ihre Eltern schützen: Als Kind habe sie deshalb nie darüber gesprochen, wie es ihr ging, und noch heute will sie nicht, dass ihre Mutter es erfährt – weil sie dann sagen könnte, wie ihre Tochter sie so bloßstellen konnte. „Früher hatte ich Angstzustände, wenn jemand aus meiner Familie anrief, weil ich dachte, meine Eltern bringen sich um“, sagt sie, und das es ein „unglaublicher Gewinn als Lebensqualität“ sei, das dies nicht mehr vorkomme. Im Moment freut sie sich darüber, sich nicht immer zu rechtfertigen, wenn sie etwa für ihre Mutter keine Zeit hat oder nicht jeden Anruf sofort beantwortet. „Meine Hoffnung ist, dass ich selbst immer besser damit umzugehen lerne“, sagt Susanne. Denn eine neue Mutter, das weiß sie, wird es niemals geben.

Zum Weiterlesen

Christine Ann Lawson: Borderline-Mütter und ihre Kinder. Psychosozial-Verlag Gießen, 2011, 24,90 Euro

„Das ist ja mein Leben!“ – Als das Buch der klinischen Sozialarbeiterin aus den Vereinigten Staaten 2006 zum ersten Mal auf Deutsch erschien, war es für viele Kinder von „Borderline-Müttern“ wie eine Offenbarung: Es gab bis dahin nichts Vergleichbares. Die Autorin unterscheidet aufgrund der vielschichtigen Symptomatik der Persönlichkeitsstörung vier Typen („Verwahrlostes Kind“, „Einsiedlerin“, „Königin“ und „Hexe“), beschreibt – auch anhand von Fallbeispielen – die Auswirkungen ihres Verhaltens auf Kinder und wie diese als Erwachsene zu einem heilsamen Weg finden können, damit umzugehen.


Jana Reich (Hrsg.): Übersehene Kinder. Marta Press Verlag Hamburg, 2013, 34,80 Euro

Von der inneren Emigration oder Selbstbetäubung bis zum Impuls, die eigene Mutter zu töten: Erstmals schildern auf mehr als 500 Seiten 32 Töchter von Müttern mit Borderline ihre schwierige Kindheit, welche Strategien ihnen „damals“ geholfen haben zu überleben und das Ringen um eine Beziehung, die nie „normal“ sein wird. Es sind Einblicke in eine verstörende Welt, deren Bewältigung Respekt abverlangt.


Albert Lenz und Eva Brockmann: Kinder psychisch kranker Eltern stärken. Hogrefe Verlag Göttingen, 2013, 16,95 Euro

Kinder psychisch kranker Eltern brauchen Unterstützung –und erbitten sie selten direkt. Lehrer und Erzieher erhalten in diesem Taschenbuch anschauliche Hinweise, welche Äußerungen und Verhaltensänderungen auf eine entsprechende Belastungssituation hinweisen könnten und wie sie am besten Hilfestellung leisten. Für Partner und Verwandte besonders aufschlussreich sind die Anregungen, auf welche Weise sich die Resilienz, die seelische Widerstandskraft der Kinder, stärken lässt. Der klinische Psychologe Prof. Albert Lenz gehört zu den profiliertesten deutschen Forschern auf diesem Gebiet.

Angela Plass und Silke Wiegang-Grefe: Kinder psychisch kranker Eltern. Beltz Verlag Weinheim, 2012, 34,95 Euro

Was genau passiert bei der „Parentifizierung“, wenn Kinder aufgrund der psychischen Erkrankung eines Elternteils nicht länger Kind sein dürfen, sondern die Bedürfnisse der Erwachsenen erfüllen müssen? Wie unterschiedlich wirken sich Persönlichkeitsstörungen, Suchterkrankungen, Depressionen oder Psychosen auf Kinder aus? Welche präventiven und therapeutischen Ansätze gibt es? Ein wissenschaftliches und doch gut verständliches Buch, das sich deshalb nicht nur an Fachleute wendet.


www.psychiatrie.de
Allgemeine Informationen, Broschüren und Literatur für Kinder sowie Veranstaltungen zum Thema finden sich auf der Website des Dachverbandes Gemeindepsychiatrie (dort auch unter „Familien-Selbsthilfe Psychiatrie“). Gelistet sind zudem Projektgruppen in den verschiedenen Bundesländern.

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