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Psychisch kranke Eltern : War ich nicht lieb?

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Susanne studierte schon, als ihre Mutter ihr in einem Streit an die Gurgel gehen wollte. Sie brach den Kontakt zu ihren Eltern ab. Das war vor 15 Jahren. Heute ist sie 43, wird demnächst promovieren, lebt in einer Beziehung und hat, wie sie mit leiser Stimme sagt, noch täglich an den Folgen ihrer Kindheit und Jugend „zu knabbern“. Susanne wuchs bei Eltern auf, die beide an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden.

Zwei bis drei Prozent der Bevölkerung in Deutschland sollen von dieser psychischen Erkrankung betroffen sein, Frauen dreimal häufiger als Männer. Die Symptome sind vielfältig und nicht immer alle vorhanden. Grundlegend sind plötzliche Stimmungsumbrüche und ein instabiles Selbstbild sowie ein Gefühl innerer Leere und die Angst, verlassen zu werden. Hinzu kommen häufig Angst und Depressionen sowie Alkohol- oder Drogenabhängigkeit.

Etwa 13 Millionen Kinder und Jugendliche leben in Deutschland. Geschätzte drei Millionen von ihnen, also fast jedes vierte Kind, wächst mit einem Elternteil auf, das an einer psychischen Störung leidet - vorübergehend, wiederholt oder dauerhaft

Starke, innere Spannungszuständen können sich in Selbstverletzungen, Selbstmord(-versuchen) oder etwa in Gewalt gegenüber dem Partner und eben dem eigenen Kind entladen. Linda hat selbst nie physische Übergriffe erlebt, die eloquente junge Frau Ende Zwanzig musste hingegen schon als Kind immer als „Familientherapeutin“ zur Verfügung stehen, wenn „meine Mutter ausrastete“, den Vater verprügelte oder ihre Wut verbal an der jüngeren Schwester ausließ: „Ich klatsch Dich an die Wand, Du Miststück“ – nur weil diese vergessen hatte, eine Kleinigkeit im Haushalt zu erledigen.

Sobald Kinder beginnen, in irgendeiner Form eine eigene Haltung zu entwickeln, empfinden sich Elternteile mit Borderline schnell zurückgewiesen und bedroht – und beginnen, das Kind zu manipulieren und in seinem Selbstausdruck zu begrenzen. Bis hin zur (seelischen) Vernichtung. Linda entging den Attacken, weil sie sich anpasste: Die Aufteilung in „Gutes Kind“ und „böses Kind“ ist ein Schema, das bei Borderline-Eltern immer wieder vorkommt. Dabei hatte Linda keine Chance, ein Gespür für ihre eigenen Bedürfnisse zu entwickeln, für ihre Grenzen. Das kam erst viel später.

Anne indes wurde nicht wahrgenommen. Sie gewöhnte sich an, unauffällig zu schleichen, quasi nicht mehr zu atmen, wenn sie zuhause war, denn die Reaktionen ihrer Mutter waren unberechenbar. Essen war abgezählt, Liebe gab es nicht einmal in winzigen Portionen. Als sie sich mit 14 Jahren am Ende einer Klassenreise vor einen Lastwagen werfen wollte, weil sie nicht wieder zu ihren Eltern wollte, hielt eine Lehrerin sie gerade noch zurück.

Irgendwann ein normales Leben

Es war aktenkundig, sie musste davon zuhause erzählen. Sie hatte kaum begonnen, als die Mutter sagte, sie solle still sein. Sie müsse erst das Fenster schließen, damit die Nachbarn nichts hören. Dann erklärten Vater und Mutter ihr, dass so etwas in ihrer Familie nicht vorkäme. „Ich dachte damals“, so die 47jährige heute, „es bringt nicht mal etwas, wenn ich versuche, mich umzubringen.“ Über ihre Erfahrungen hat sie in dem 2013 erschienenen Buch „Übersehene Kinder. Biografien erwachsener Töchter von Borderline-Müttern berichtet, an dem sich 32 Töchter mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten beteiligten. Anne, Linda und Susanne sind zudem Teilnehmerinnen einer geschlossenen Selbsthilfegruppe für „Erwachsene Kinder von Borderline-Eltern“ in Hamburg.

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