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Psychisch kranke Eltern : War ich nicht lieb?

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Unabhängig vom Alter leiden Kinder psychisch kranker Eltern unter Verlustängsten und entwickeln Schuld- und Schamgefühle, dass sie selbst der Grund für die Erkrankung seien, weil sie nicht „lieb genug“ oder „richtig“ waren. „Deshalb ist es wichtig, Kindern altersgerecht zu erklären, was geschieht“, sagt Albert Lenz von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, der im Sommer einen Ratgeber dazu veröffentlicht hat. Nicht selten jedoch wird die Erkrankung in der Familie und nach außen tabuisiert, oder die Wahrnehmungen der Kinder werden als „übertrieben“ dargestellt - was in Kindern das Gefühl verstärkt, einsam zu sein und den eigenen Empfindungen nicht trauen zu können. Gebe es hingegen wenigstens eine stabile Bezugsperson, könne ein Kind vieles kompensieren. „Die Realität sieht aber häufig anders aus“, so Lenz: „Gerade psychisch kranke Mütter und Väter sind häufig alleinerziehend, und ihr soziales Netzwerk ist wenig tragfähig.“

Die Kinder klammern oder sind extrem abweisend

Kinder von psychisch kranken Eltern klammern häufig oder sind extrem abweisend. Die Hälfte dieser Kinder ist bereits selbst psychisch auffällig, sagt Silke Wiegand-Grefe. Die Professorin für Klinische Psychologie an der Medical School Hamburg hat am Uniklinikum Eppendorf in Hamburg mit zwei Kolleginnen das Interventions-Programm „Chimps“ („Children of mentally ill parents“) entwickelt: Darin fanden für zunächst rund 120 Familien gemeinsam, dann für Eltern und Kinder auch getrennt Gespräche statt, in denen ermittelt wurde, was Eltern und Kinder brauchen - vielleicht schon an Therapie oder auch an Prävention, um die Ressourcen der Kinder zu stärken. Bisher gibt es keine verlässlichen Zahlen dazu, wie häufig betroffene Kinder womöglich auch erst später im Leben selbst psychisch erkranken; ihre Bedürfnisse werden seit 20 Jahren überhaupt erst allmählich wahrgenommen. Im kommenden Jahr soll das ganzheitliche „Chimps“-Angebot, gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, auf fünf Zentren in Deutschland ausgeweitet werden.

Der neue Familienausschuss des Deutschen Bundestags ist personell zwar noch nicht besetzt, ein erster Antrag an ihn aber ist schon formuliert. Darin fordern der Bundesverband für Erziehungshilfe, der Dachverband Gemeindepsychiatrie und Albert Lenz von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen die Regierung auf, sich mehr als bisher um die Belange von Kindern mit psychisch kranken Eltern zu kümmern. Sie fordern mehr Koordinierung zwischen verschiedenen Hilfsangeboten und finanzielle Anerkennung. Kümmert sich ein niedergelassener Therapeut neben seinem erwachsenen Patienten auch um das Wohl der Kinder, bekommt er bisher kein Geld dafür.

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An dem Tag, an dem der Vater ihr den Ellenbogen brach, durfte Susanne* nicht mehr das Zimmer verlassen. Schon gar nicht zum Arzt gehen. In der Schule fiel dem Lehrer ihr blaues Auge auf, die krumme Nase, und dass sie beim Sport nicht mitmachen konnte. Als sie sich ihm anvertraute, sagte er: „So einen Quatsch will ich nicht hören, wenn Du tatsächlich aus so asozialen Verhältnissen kommst, hättest Du ja wohl nicht durchgängig gute Noten.“ Später machten ihre Schilderungen einen Therapeuten so hilflos, dass er nur noch sagen konnte: „Es gibt einfach zutiefst böse Menschen.“

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