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Falsche Einnahme : Wenn Arzneimittel zur Gefahr werden

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Morgens eine blaue, mittags eine gelbe und abends zwei Tabletten: Je mehr Medikamente eingenommen werden, desto mehr Wechselwirkungen sind zu erwarten. Bild: F1online

Eine erschreckende Zahl von Deutschen stirbt an falsch dosierter, falsch verordneter oder bedenkenlos zugekaufter Medizin. Selbst manche Ärzte übersehen das Risiko von Wechselwirkungen.

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          „Ich nehme morgens eine gelbe und abends eine halbe weiße Tablette.“ Das ist eine typische Antwort, die viele Ärzte erhalten, wenn sie sich in der Sprechstunde danach erkundigen, welche Medikamente ihre Patienten regelmäßig schlucken. Was sich genau hinter den Tabletten verbirgt - welcher Wirkstoff, welche Dosierung und welche Zubereitung darin enthalten sind -, können Patienten oft gar nicht genau sagen. Der Arzt stellt sein Rezept dann oft ohne Kenntnis der anderen Verordnungen aus.

          Dabei kann es sehr gut sein, dass die neue Arznei gar nicht zu der gelben oder der weißen Tablette passt und zu einer unerwünschten Wechselwirkung führt. Der Schaden, den der Patient möglicherweise davonträgt, wird vielleicht nie mit den Tabletten in Verbindung gebracht werden, weil jedes einzelne Präparat völlig korrekt verordnet worden ist. Das Problem entsteht erst durch die Kombination.

          Falsch dosiert oder falsch verordnet

          Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland fünf Prozent der Krankenhauseinweisungen auf unerwünschte Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln zurückgehen. Genaue Zahlen gibt es nicht. Nach Schätzungen stirbt alle zwanzig bis dreißig Minuten jemand an einer falsch dosierten, falsch verordneten oder bedenkenlos zugekauften Medizin. Dass die Arzneimittelsicherheit bei jeder Verordnung in den Blick genommen werden muss, ist lange Zeit schlichtweg ignoriert worden. In Deutschland kam das Thema erstmals 2005 mit einem ersten Kongress zur Patientensicherheit auf die politische Agenda. Daran schloss sich ein mehrjähriger Aktionsplan des Bundesministeriums für Gesundheit an, der vor wenigen Wochen zum dritten Mal weitergeführt worden ist.

          Die Aktionen sollen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die Arzneimitteltherapie ein Hochrisikoprozess ist und dass man etwas unternehmen muss, um vermeidbare Risiken auch tatsächlich zu vermeiden. „Es geht nicht um Schuldzuweisungen“, sagt der Internist Daniel Grandt vom Klinikum Saarbrücken, „sondern um eine bessere Sicherheitskultur und einen strukturierten Verordnungsprozess.“ Grandt gehört dem Vorstand der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft an, die den Prozess zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit moderiert.

          Mehr als 50.000 Arzneimittel in Deutschland

          Einen ersten Eindruck von der Größenordnung der Aufgabe vermittelt allein schon der Blick auf das schiere Angebot. In Deutschland stehen für die Behandlung von Erkrankungen und Symptomen mehr als 50.000 Arzneimittel zur Verfügung, knapp 20.000 sind verschreibungspflichtig. Der Rest ist frei verkäuflich, wobei dies nicht bedeutet, dass die Produkte frei von Risiken sind. Das ohne Rezept erhältliche Schmerzmittel Ibuprofen zum Beispiel schwächt die Wirkung des häufig bei einer koronaren Herzerkrankung verordneten ASS ab; viele unerwünschte Zwischenfälle gehen auf diese Wechselwirkung zurück. Nach einer australischen Untersuchung verschweigen die meisten Patienten die Einnahme von Ibuprofen. Nur jeder dritte Patient spreche mit seinem Arzt darüber, heißt es in der von Suong Ngo von der Universität Adelaide veröffentlichten Studie.

          Für Deutschland hat eine Untersuchung der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände aus dem vergangenen Jahr ergeben, dass fast jede fünfte Selbstmedikation problematisch ist. Die Menschen nehmen die mit den frei verkäuflichen Arzneimitteln verbundenen Risiken offensichtlich kaum wahr. Im Alltag werden Kombinationen verordnet und mit zugekauften Arzneimitteln ergänzt, die in dieser Zusammenstellung nie zuvor in einer klinischen Studie getestet worden sind.

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