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Reaktion auf Anschläge : „Der Terror ,macht’ nicht unsere Angstkultur“

  • -Aktualisiert am

Sicherheitsleute bei einem Zehn-Kilometer-Lauf in London am Montag: „Eine ganz schlichte Definition von Angst gibt es nicht“, sagt Historikerin Hitzer. Bild: AFP

Das Gefühl der Bedrohung wird wegen der Terroranschläge zum ständigen Begleiter. Doch wie entsteht es? Und verändert es sich? Eine Historikerin und ein Psychiater über eine Emotion.

          Frau Hitzer, Sie sind Historikerin und erforschen die „Geschichte der Gefühle“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Was ist für Sie Angst?

          Als Historikerin habe ich keine klare Definition von Angst. Mein Zugang ist zunächst, zu fragen, was die Menschen selbst unter Angst verstehen. Da merkt man schnell, eine ganz schlichte Definition von Angst gibt es nicht.

          Herr Ströhle, Sie leiten die Ambulanz für Angsterkrankungen an der Charité. Was ist für Sie Angst?

          Wir Mediziner können ohne klare Definition natürlich nicht arbeiten. Ich würde Angst als eine Alarmreaktion beschreiben, die bei einer potentiellen Bedrohung auftritt und zur Mobilisierung von Energiereserven führt.

          Historikerin Bettina Hitzer und den Neurowissenschaftler und Psychiater Andreas Ströhle

          Geht es da immer um reale Bedrohungen?

          Hitzer: Genau das ist doch die interessante Frage, gerade wenn es darum geht, Angst zur Manipulation zu benutzen. Das heißt, die Angst war vielleicht unnötig, weil die Bedrohung gar nicht so groß war.

          Ströhle: Im medizinischen Bereich reden wir nur von unnötiger Angst, wenn eine Erkrankung vorliegt. Ansonsten liegt es in der Natur der Sache, dass die Alarmreaktion angeschmissen wird, bevor ich die Situation wirklich evaluiert habe. Wir können immer erst im Nachhinein sagen, ob das nur ein Kater war, der da saß, oder ob ich vor dem Löwen erschrocken bin und meine Entscheidung aufzuspringen richtig war.

          Dass wir vor Löwen fliehen, rettet uns das Leben. Liegt der Ursprung der Angst im Überlebenswillen?

          Ströhle: Ohne die Angst würden wir uns in Gefahren begeben, die das Überleben des Individuums unmöglich machen würden.

          Hitzer: Das leuchtet mir ein. Aber spielen nicht auch kulturelle Vorstellungen davon, was eine Bedrohung ist, eine Rolle, wann und wie wir Angst empfinden?

          Ströhle: Kulturelle Dinge mögen da eine Rolle spielen. Aber ich denke schon, dass es klar aus der Menschheitsentwicklung heraus Prädispositionen gibt, auf bestimmte Dinge eher mit Angst zu reagieren als auf andere.

          Gedenken in Manchester nach dem Selbstmordanschlag mit 22 Toten

          Die Angst hat sich also vor der Kultur entwickelt?

          Ströhle: Ja. Angst ist bei Menschen und Tieren nicht viel anders. Da gibt es genau dieselben Angstreaktionen.

          Hitzer: Man könnte das vielleicht mit dem Schmerz vergleichen. Schmerz ist auch eine Reaktion auf eine Bedrohung des Körpers. Aber bei dem, was wir dann aus dem Schmerz oder der Angst machen, kommt, denke ich, wieder die Kultur ins Spiel. Auf einer ganz basalen Ebene würde ich Ihnen also recht geben. Das ist aber eine Ebene, an die ich als Historikerin gar nicht herankomme.

          Obliegt Angst einem ständigen Wandel?

          Hitzer: Angst ist ein universelles Gefühl. Aber auf einer sozialen oder kulturellen Ebene gibt es bestimmte Angstkulturen. Kulturen, die gewisse Vorstellungen und Erlebnisweisen von Angst unterschiedlich definiert haben. Und es gibt eine individuelle Ebene, die sich aus diesen Gruppenzugehörigkeiten zusammensetzt und das individuelle Erleben bestimmt.

          Ströhle: Die Angstreaktionen, die wir im Klinischen sehen, sind relativ konstant. Sie wurden im 19. Jahrhundert beschrieben und haben sich nicht wesentlich verändert.

          Was macht Terror wie diese Woche in Manchester mit der Angstkultur?

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