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Experimente : Wie fühlen Sie sich seit der Steinzeit, Herr Bartel?

  • Aktualisiert am

In Höhlen schlafen und essen, was man erlegt hat: Timo Bartel hat an einer wissenschaftlichen Studie teilgenommen Bild: Leo Pruimboom

Wissenschaftler beschreiten manchmal ungewöhnliche Wege: Fragen an Timo Bartel, Personal Trainer aus dem hessischen Münster, über seinen Trip in die Steinzeit.

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          Herr Bartel, Sie waren mit drei Frauen und sechs weiteren Männern unter der Leitung von Leo Pruimboom von der Universität Girona zehn Tage lang in den spanischen Pyrenäen unterwegs und haben dort wie in der Steinzeit gelebt. Die Steinzeit war ja ziemlich lang, nach dem ersten Auftreten des Homo sapiens dauerte sie noch mehr als 200 000 Jahre. Wann lebten die Menschen, deren Dasein sie nachvollzogen haben?

          Das Leben, das wir nachvollzogen haben, endete vor etwa 10 000 Jahren, als die Menschen sesshaft wurden, also Haustiere hielten und Ackerbau betrieben.

          Wie sah ihr Tagesablauf aus?

          Wir hatten ja keine Uhren, also begann unser Tag mit dem Aufgehen der Sonne und endete mit dem Schlafengehen, wenn es dunkel wurde. Licht beeinflusst unsere hormonellen Kreisläufe stark. Weil es Kunstlicht gibt, können die heutigen Menschen ihren Schlaf beliebig nach hinten verschieben – und damit hängen Herz-Kreislauf-Erkrankungen zusammen.

          Und was haben Sie den ganzen Tag lang gemacht?

          Vor allem Nahrung und Lagerplätze suchen. Wir haben nach natürlichen Rhythmen gelebt. Wenn wir Hunger hatten, mussten wir uns bewegen, um nach Nahrung zu suchen. So haben wir jeden Tag zwischen 17 und 40 Kilometer zurückgelegt. Gegessen haben wir nicht öfter als ein bis zwei Mal am Tag. Nach dem Essen haben wir uns ausgeruht, und dann begann der Kreislauf von vorne.

          Was haben Sie denn gegessen?

          Wir haben Beeren, Feigen und Kräuter gesammelt. Außerdem haben wir Fische gefangen und Wildschweine, Ziegen und Hasen gejagt. Zu trinken gab es nur frisches Wasser aus Quellen oder Bächen.

          Wo und wie haben Sie geschlafen? Schlafsäcke gab es ja damals noch nicht.

          Wir haben an einer medizinischen Studie teilgenommen. Darin ging es nicht um das Überleben in der Wildnis, sondern um bestimmte medizinische Parameter des menschlichen Körpers. Isomatten und Schlafsäcke waren somit erlaubt – unsere Vorfahren hatten ja auch Felle und Blattwerk zur Verfügung. Wir haben in Höhlen der Pyrenäen oder unter freiem Himmel geschlafen.

          Hatten Sie irgendeine Verbindung zur Zivilisation?

          Leo Pruimboom war für den Notfall mit einem Mobiltelefon ausgestattet.

          Was für medizinische Untersuchungen wurden gemacht?

          Die Untersuchungen gingen schon Monate vor der eigentlichen Studie los: Wir füllten standardisierte Fragebögen aus. Blut- und Stuhlproben wurden genommen und im Labor untersucht, und die Körpertemperatur wurde gemessen. Das ging auch nach den zehn Tagen in den Pyrenäen weiter, ein Jahr lang.

          Was soll damit gezeigt werden?

          Die Gene eines Menschen verändern sich im Lauf seines Lebens nicht. Aber sie steuern den Stoffwechsel und die Körperfunktionen. Durch ein Leben, das dem unserer Vorfahren sehr nahe kommt, können wir unsere epigenetischen Schalter wieder auf Gesundheit stellen. Mit anderen Worten: Wenn wir unseren Genen die seit Zehntausenden von Jahren vertrauten Existenzbedingungen wiedergeben, dann regeneriert sich der Körper innerhalb weniger Tage. Das war unsere Hypothese, die durch die Studie belegt wurde.

          Was wurde denn festgestellt?

          Gut war der Effekt an der Körpertemperatur zu sehen. Die haben wir mehrfach täglich gemessen. Bei manchen lag sie zunächst zwischen 33 und 35,5 Grad, verbesserte sich aber bei allen auf 36,5 Grad. Durch eine bessere Schilddrüsenfunktion arbeitete die Wärmeregulierung unseres Körpers wieder besser.

          Und was noch?

          Unsere Entzündungswerte schossen in den Tagen nach den Pyrenäen nach oben. Die Blutwerte waren so, als ob eine starke Entzündung im Körper vorläge. Anschließend sanken die Werte auf fast Null gegenüber den Vergleichswerten, die vor der Studie ermittelt worden waren. Durch viele kleine Verletzungen während des Aufenthalts wurde unser Immunsystem so stimuliert, dass der Körper auch mit chronischen Entzündungen fertig wurde. Und die Medizin von heute weiß, dass Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht, Diabetes, Allergien und Depressionen im Zusammenhang mit chronischen Entzündungen stehen.

          Wie fühlen Sie sich seit der Steinzeit?

          Ich habe „Drive“ und laufe jeden Tag mehrere Kilometer. Mein Körper erholt sich nach Belastungen viel schneller. Vor kurzem bin ich sogar einen Ultramarathon über 72 Kilometer gelaufen, ohne Nahrung oder Energiegetränke.

          Was ist also das Ergebnis?

          Ärzte können heute mit diesem Wissen nicht nur Prävention, sondern auch Therapie von chronischen Zivilisationskrankheiten betreiben, indem sie dafür sorgen, dass die Entzündungsneigung des Körpers schnell beendet wird. Leo Pruimboom erklärt es so: Um so gesund zu werden, wie wir einmal waren, müssen wir uns wieder bewegen, wie wir uns schon immer bewegt haben, ernähren, wie wir uns schon immer ernährt haben, und verhalten, wie wir uns schon immer verhalten haben.

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