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Erziehung : Warum Eltern zu Stress-Detektiven werden sollten

Psychologen plädieren bei Kindern für mehr Ruhe als Stressprophylaxe. Bild: Getty

Smartphones, falsche Ernährung, Bewegungsmangel: Auch Kinder leiden immer häufiger unter Stress. Der kann das rationale Denken überlagern und zu schlechtem Benehmen führen. Eltern sollten deshalb zu Stress-Detektiven werden, rät der Psychologe Stuart Shanker.

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          Nora sitzt am Tisch, hantiert mit Zetteln, die sie vollkritzelt, telefoniert hektisch mit dem Spielhandy, stempelt Umschläge ab. Als ihre Mutter sie fragt, was sie denn da macht, sagt Nora: „Ich spiele Büro – und dass ich gestresst bin.“ Es ist das, was die Kinder vor Augen haben: Mütter, die gestresst von der Arbeit kommen, Väter, die abends schnell noch einkaufen gehen, Eltern, die ihre Kinder antreiben und laut werden, wenn etwas nicht rund läuft.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Stress, das ist ein Phänomen der Erwachsenen. Doch seit die Welt hektischer geworden ist, Medien den Alltag bestimmen, Smartphones ununterbrochen Nachrichten abwerfen, ist der Stress längst auf die Kindergeneration übergegangen, er hat sich gleichsam eingeschlichen in die kindlichen Gehirne. Der Unterschied zum Erwachsenen-Stress ist nur, dass es gar nicht so leicht ist, herauszufinden, wann ein Kind gestresst ist. Und warum es das ist, denn es selbst merkt es oft gar nicht – und genauso wenig seine Eltern.

          Stuart Shanker, Professor für Psychologie und Philosophie in Toronto, erzählt gerne Geschichten aus seinem Praxisalltag, Geschichten von Kindern, die als schwierig gelten, die zu Außenseitern wurden, weil keiner mehr mit ihnen zurechtkam und ihre Eltern nicht mehr weiterwussten.

          Schlechtes Benehmen kann von Stress kommen

          So wie bei Damien, 15 Jahre alt. Wenn er nach Hause kam, ging er direkt in sein Zimmer und weigerte sich, mit der Familie zu Abend zu essen. Das Erntedankmahl mit der Großmutter verließ er fluchtartig. Meistens aß er in seinem Zimmer, allein vor dem Computer. Die Eltern hatten sich damit abgefunden, ein „schwieriges Kind“ zu haben. Shanker aber sagt: Es gibt keine schwierigen Kinder, es gibt nur gestresste Kinder, die nicht anders können. Er sagt auch, dass es Kinder seien, die „kein Benzin mehr im Tank haben“.

          Das erste, was Shanker den Eltern rät, die zu ihm kommen, ist, dass sie lernen müssten, zu unterscheiden, ob ihr Kind sich einfach nur schlecht benimmt oder ob es sich bei dem, was es tut, um ein Stressverhalten handelt. „Bei schlechtem Benehmen weiß das Kind, was es tut oder sagt, es wäre also imstande, sich anders zu verhalten“, erläutert er im Interview. „Bei Stress-Verhalten hat das Kind nur eine limitierte Wahrnehmung von dem, was es sagt oder tut.“

          Seine Definition von Stress ist nicht darauf beschränkt, dass man sich unter Druck gesetzt fühlt oder zu viel zu tun hat oder sich den Kopf darüber zerbricht, was die anderen von einem denken. „Stress ist allgegenwärtig, er ist genauso ein Teil des Lebens wie die Luft, die wir atmen.“ Kinder können es nicht mit Worten ausdrücken; sie zeigen in ihrem Verhalten, dass sie gestresst sind. Shanker berichtet von Kindern, die scheinbar grundlos schreien, sich nicht in Gruppen einordnen können, sich zurückziehen. Und die nicht anders können.

          Stress überlagert rationales Denken

          In seinem gerade erschienenen Buch „Das überreizte Kind“ erläutert Shanker, wie das Kind in einen übererregten Zustand gerät und für seine Außenwelt nicht mehr erreichbar ist. Schuld an dem Stressverhalten, sagt Shanker, sei das limbische System im Gehirn, denn ein solches Verhalten sei in den meisten Fällen physiologisch bedingt.

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