https://www.faz.net/-gum-9na6c

Geburten nach Transplantation : Dank fremder Gebärmutter

Erstmals in Deutschland: Zwei Frauen mit gespendeten Gebärmuttern brachten im März und Mitte Mai (unser Bild) ihre Babys zur Welt. Bild: dpa

Obwohl sie von Geburt an keine Gebärmutter hatten, brachten in den vergangenen Wochen zwei deutsche Frauen in der Uniklinik Tübingen ihre Kinder auf die Welt – dank einer Uterustransplantation.

          Sehr zufrieden sind am Donnerstagvormittag gleich mehrere Ärzte der Uniklinik Tübingen in einer Pressekonferenz vor die Medien getreten, um zu verkünden, dass zum ersten Mal in Deutschland zwei gesunde Kinder nach einer Gebärmuttertransplantation zur Welt gekommen waren. Einmal im März und nun im Mai dieses Jahres konnten zwei Frauen, beide Mitte 20, die aufgrund einer Erkrankung von Geburt an keine Gebärmutter, aber Eierstöcke hatten, per Kaiserschnitt ein Kind entbinden. Weltweit sind es damit nun 17 Kinder, die nach einer Uterustransplantation geboren wurden. Erstmals brachte im Jahr 2014 in Schweden eine Frau mit einer gespendeten Gebärmutter ein gesundes Baby zur Welt.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die beiden Frauen in Tübingen leiden an dem sogenannten Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom, einer angeborenen, nicht vererbbaren Fehlbildung, bei der Vagina und Gebärmutter gar nicht oder nur unvollständig angelegt sind. Die betroffenen Frauen besitzen aber funktionierende Eierstöcke. Da bei Gebärmuttertransplantationen die Eileiter, die Gebärmutter und Eierstöcke verbinden und das (befruchtete) Ei transportieren, nicht mittransplantiert werden können, ist es den Frauen nicht möglich, auf natürlichem Wege schwanger zu werden, sondern nur durch eine künstliche Befruchtung. Dies war aber laut Professor Sara Brucker, geschäftsführende Ärztliche Direktorin des Departments für Frauengesundheit am Universitätsklinikum Tübingen, bei beiden Patientinnen unproblematisch möglich.

          Spenden von Verstorbenen

          Die Gebärmutter ist ein muskulöses Hohlorgan von rund sieben bis zehn Zentimeter Länge. Ist die Frau nicht schwanger, wiegt die Gebärmutter rund 50 Gramm. Während der Schwangerschaft weitet sich die Gebärmutter nicht nur immens aus, sondern kann ihr Eigengewicht auch auf bis zu 1,2 Kilogramm erhöhen. Deshalb stellt die Transplantation eines solchen Organs eine besondere Herausforderung dar. So muss zum Beispiel sichergestellt sein, dass während einer Schwangerschaft auch alle versorgenden Gefäße mitwachsen. Dass es bei diesem von Natur aus komplizierten Prozess bisher bei keiner der Frauen, die mit einem gespendeten Uterus ein Kind bekommen haben, zu größeren Komplikation gekommen ist – etwa einer Minderversorgung oder gar dem Reißen der Gebärmutter –, beeindruckt auch Brucker und macht sie zuversichtlich: „Natürlich kann man nie in der Medizin von hundertprozentiger Sicherheit sprechen, aber durch einen ständigen Austausch mit allen, die an dem Thema weltweit arbeiten“, sagt die Ärztin, sei man sehr positiv gestimmt, dass es bei Beachtung der entscheidenden medizinischen Kriterien sehr gut funktioniere.

          Die beiden Frauen aus Tübingen haben die Gebärmutter von ihren eigenen Müttern gespendet bekommen. Bisher werden in Deutschland nur Lebendspenden ausgeführt – häufig von Verwandten. „Es gibt mittlerweile weltweit auch einige Spenden von Verstorbenen“, sagt Brucker, hier habe man aber noch deutlich weniger Erfahrung.

          Eine der Spenderinnen in Tübingen war bereits in den Wechseljahren. Ihre Eierstöcke produzierten keine Geschlechtshormone mehr, der Eisprung blieb aus, die Fruchtbarkeit nahm ab. „Wird eine solche Gebärmutter im Organismus der jüngeren Empfängerin wieder mit Hormonen stimuliert, bildet sie erneut Schleimhaut aus, und es kommt zur Monatsblutung“, sagt Brucker. Laut dem heutigen Wissensstand sei das aber nicht ins Unendliche ausdehnbar, da bei einer alternden Gebärmutter auch die Gefäße mitaltern. Sei die Spenderin aber noch nicht viele Jahre in den Wechseljahren, etwa drei bis fünf Jahre, sei es kein Problem.

          Wie weit darf die Medizin gehen?

          Doch nicht alle Wissenschaftler stehen der Gebärmuttertransplantation so positiv und zufrieden gegenüber wie die Tübinger Ärzte. So bezeichnen Ethiker diese Transplantation als nicht verhältnismäßiges Mittel, einem Kinderwunsch nachzugehen. Es handle sich immerhin um einen schweren invasiven Eingriff in einer langen Operation, die für eine gesunde Frau, die Spenderin, mit vielen Risiken behaftet sei. Darüber hinaus wird allgemein die Frage gestellt: Wie weit darf die Medizin heute gehen, um den Wunsch nach einem eigenen Kind zu erfüllen?

          Professorin Sara Brucker kennt diese Fragen und sagt klar, „die muss man ethisch diskutieren“. Deshalb werde jeder dieser Fälle in Tübingen auch eng von der Ethikkommission der Klinik begleitet. „Aber man muss sich auch vor Augen führen, dass man hier mit Frauen zu tun hat, die eine Erkrankung haben und die darunter leiden, keine Kinder haben zu können.“ Die medizinischen Selektionskriterien seien so eng, „dass wir das ohnehin nur sehr wenigen Frauen anbieten können“, sagt Brucker. So seien von rund 240 in Tübingen gescreenten Frauen letztlich nur fünf Prozent für eine Transplantation in Frage gekommen.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Erdogans Akademiker : Der Rest ist Propaganda

          Wer dachte, eine Tagung des Zentrums für Türkeistudien in Essen würde die Lage der Universitäten am Bosporus kritisch beleuchten, sah sich getäuscht: kein Wort von Erdogans Säuberungen, nur Lob für den Potentaten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.