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Psychiatrieopfer : „Das war halt so“

Waltraud Storck mit ihrem Anwalt im Gericht Bild: Wolfgang Eilmes

Waltraud Storck ist zu hundert Prozent behindert, weil sie vor knapp dreißig Jahren in die Psychiatrie eingewiesen wurde. Heute weiß man: Krank war sie nie, doch der Vater kam nicht mit ihr klar und wollte sie loswerden. Vor Gericht kämpft sie nun um Entschädigung.

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          „Wir schreiben hier Psychiatrie-Geschichte“. Das sagt der Sachverständige gleich mehrfach. Für Waltraud Storck ist es eine Horrorgeschichte. Die zierliche Frau mit der dunklen, klaren Stimme sitzt im Rollstuhl. Elf Jahre lang konnte sie nicht sprechen. Sie gilt als zu hundert Prozent behindert. „Wie geht es Ihnen?“, fragt die Vorsitzende Richterin gleich zu Beginn der Verhandlung: „Wie immer, ich habe ständig Schmerzen.“ Schlafen könne sie nur mit Atemaske. Bald werde sie wohl ständig ein Atemgerät brauchen. „Davor habe ich Angst.“ Ob sie Medikamente nehme, will die Richterin wissen. Nein, man könne sich denken, dass sie nach ihren Erfahrungen versuche, möglichst ohne Mittel auszukommen. Sie versuche, die Schmerzen auszuhalten. Das sei sie gewohnt.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

          Der Termin im nüchternen Sitzungssaal des Frankfurter Oberlandesgerichts ist nur eine Station auf dem langen Weg Waltraud Storcks durch die Instanzen. Dem vorausgegangen war eine Odyssee durch die Psychiatrie. „Heute ist das unvorstellbar“, sagte der als Sachverständiger geladene Neurologe und Psychiater Hinderk Emrich im Rückblick auf die Zeit vor numehr bald 30 Jahren. „Ich hatte einmal bis zu 300 Fälle am Tag.“ Bis zu 45 Patienten befanden sich zeitweilig in einem Raum, für die Diagnosen gestellt werden mussten. Emrich sagt auch: „Die Angehörigen haben sehr stark in die Krankenhäuser hineinregiert.“

          „Ein aufmüpfiges, lebendiges, intelligentes, schwieriges Mädchen“

          Frau Storck wurde, obwohl damals schon volljährig, von ihrem Vater in die Psychiatrie gebracht. „Der Vater wollte mich schon mit 16 wegsperren“, sagt sie. Mit 15 wurde bei ihr in Frankfurt Hebephrenie („jugendliches Irresein“), eine Unterform der Schizophrenie diagnostiziert. Aufällig war sie aber allenfalls zu Hause gewesen, nicht in der Schule, nicht gegenüber anderen. Später schreibt eine Psychiaterin, sie sei ein „aufmüpfiges, lebendiges, intelligentes, schwieriges Mädchen“ gewesen. Das war offenbar zuviel für den autoriären Vater, dessen Frau zudem an einer Psychose litt. Er bringt sie in eine Bremer Privatklinik. Einen richterlichen Unterbringungsbeschluss gibt es nicht. Sie bekommt Neuroleptika und Beruhungsmittel in hohen Dosen.

          Nach einem Ausbruch wird sie in Handschellen zurückgebracht. Frau Storck, die früher an Kinderlähmung litt, berichtet von gewaltsamen Spritzen. Nach 18 Monaten, im April 1979, wird sie nach Gießen verlegt. Dort wurde offenbar die „Diagnose“ einfach übernommen, jedenfalls wurde die Patientin nicht ausführlich untersucht. Nach 13 Monaten zunächst in der geschlossenen, später in der offenen Abteilung mit weiterer hoher Medikamentierung holt eine Mitpatientin sie aus der Klinik und nimmt sie in ihrer Familie auf. Da ist Frau Storck, wie sie später schrieb „ein menschliches Wrack, ein kaputter Pflegefall“. Sie konnte sich kaum bewegen, weder lachen noch weinen - und viele Jahre nicht mehr sprechen. Die Medikamente hatte sie schlagartig wegen der quälenden Nebenwirkungen abgesetzt. Gutachter bescheinigten später, sie habe nie unter Schizophrenie gelitten.

          Von einem stillschweigenden Einverständnis ausgehen

          Das Landgericht Bremen stellt 1998 fest, dass ihre Unterbringung teilweise rechtswidrig gewesen sei; das Oberlandesgericht hob das Urteil wieder auf. Der vom Gericht bestellte Gutachter sagt zu den damaligen Zuständen in der Pschiatrie: „Das war halt so.“ Man könne zudem von einem „stillschweigenden Einverständnis“ der Patientin mit ihrer Behandlung ausgehen.

          Frau Storck zog, nachdem sie den deutschen Rechtsweg bis zu Ende gegenagen war, vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte - mit Erfolg. Die Straßburger Richter verurteilten Deutschland zu einer Zahlung von 75.000 Euro und dem Ersatz ihrer Auslagen. Die Unterbringung zwischen 1977 und 1979 ohne gerichtliche Entscheidung sei rechtswidrig gewesen. Gleichwohl verweigerte ihr später das Oberlandesgericht Bremen Prozesskostenhilfe für weitere Verfahren. Im Mai des vergangenen Jahres wies das Landgericht Gießen die Klage Frau Storcks gegen den Landeswohlfahrverband Hessen ab, den Träger des Psychiatrischen Krankenhauses der Stadt. Der Anspruch sei verjährt. Nun wird vor dem Frankfurter Oberlandesgericht darüber gestritten. Anfang März ist der nächste Termin.

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