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Ernährungswissenschaftler : „Dicke Menschen leben länger“

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Wieso sind Fastfood-Produkte so erfolgreich? Bild: REUTERS

Udo Pollmer spricht im Interview über den Unsinn von Diäten, die Tricks der Industrie und das perfekte Design des Hamburgers. „Fastfood-Esser sind nicht dicker als andere“, behauptet der Ernährungswissenschaftler.

          5 Min.

          Udo Pollmer spricht im Interview über den Unsinn von Diäten, die Tricks der Industrie und das perfekte Design des Hamburgers. „Fastfood-Esser sind nicht dicker als andere“, behauptet der Ernährungswissenschaftler. „Nur weil staksige Models als schön gelten, habe ich nicht vor, auf dem Laufsteg zu enden.“

          Herr Pollmer, Sie verteufeln Diäten und Light-Produkte. Auch wenn es indiskret ist: Verraten Sie uns Ihr Gewicht?

          Keine Ahnung, wie viel ich wiege. Es gibt Wichtigeres. Wissen Sie, wie hoch Ihr IQ ist?

          Ernährungswissenschaftler Udo Pollmer

          Sie lenken ab. Nach internationalen Standards gelten Sie als zu dick.

          Wer heute über irgendeinem dubiosen „Grenzwert“ ist, den bestraft das Mittelmaß. Mein Körper ist meine Natur, ich kann ihn nicht designen. Nur weil staksige Models als schön gelten, habe ich nicht vor, auf dem Laufsteg zu enden. Was glauben Sie, wie in dieser Szene Gewicht „kontrolliert“ wird: Durch Magersucht, Erbrechen und Kokain.

          Models sind ein Extrem. Aber viele Menschen wollen ihr Gewicht regulieren - durch Disziplin beim Essen. Ist das verkehrt?

          Egal ob Sie hungern, sich ständig Sorgen ums Essen machen, Süßstoffe oder Fettarmes speisen - die meisten Menschen nehmen damit nur zu. Für unseren Körper kommt das einer drohenden Hungersnot gleich. Und in weiser Voraussicht pflegt er vorzusorgen. So entsteht der Jojo-Effekt.

          Was steckt dahinter?

          Mit den Kalorien wird das Gehirn mit Energie versorgt, Bewegung ermöglicht und die Körperwärme bereitgestellt. Wenn Nahrung knapp wird, verbessert unser Körper die Isolation: Er legt sich eine dickere Fettschicht zu und verhindert damit Wärmeverluste. Gegen diese Überlebensstrategie sind wir machtlos. Schauen Sie sich die Amerikaner an: Dort ist immer ein Drittel der Bevölkerung auf Diät, dünner sind sie deshalb nicht geworden.

          Eine internationale Studie hat gerade herausgefunden, dass die Deutschen das dickste Volk Europas sind. Zwei Drittel aller Erwachsenen sind fettleibig.

          Das war keine internationale Studie, das waren zwei Blätter einer Organisation, die nach Angaben des British Medical Journal von der Pharmaindustrie, den Herstellern von Appetitzüglern, gesponsert wird. Die Zahlen sind wertlos, sie stammen aus den unterschiedlichsten Quellen, sie sind nicht altersstandardisiert und wurden mit unterschiedlichen Methoden erhoben. Die „Studie“ hat nicht einmal Autoren. Aber die Schlagzeilen waren aufsehenerregend.

          Verbraucherschutzminister Horst Seehofer nimmt sie ernst. Er will am Mittwoch einen „Aktionsplan“ zur Fettleibigkeit vorlegen. Was erwartet uns da?

          Vermutlich ein Neuaufguss von viel Bewegung, Obst und Gemüse und wenig Fett. Dabei sind die letzten 50 Jahre alle Versuche gescheitert, Menschen durch Kaloriensparen und Sport dauerhaft zu verschlanken. Im Gegenteil: Die Opfer sind meist dicker und kränker geworden.

          Woher kommen all die Dicken?

          Bis heute sind an die 100 Ursachen für Gewichtszunahmen bekannt - Infektionserreger, die Fettsucht auslösen, genetische Defekte, hormonelle Störungen. Je höher der Druck auf die Dicken, desto dicker werden sie, denn Stress und Kummer führen bei ihnen zu wachsenden Rettungsringen. Der sogenannte „Kampf gegen das Übergewicht“ ist ein kalkulierter Quell, der die Umsätze der Diät- und Gesundheitsbranche sprudeln lässt.

          Sie halten das für eine Verschwörung der Diätindustrie?

          Eine Verschwörung? Sagen wir es so: Jede erfolgreiche Branche weiß, wie ihr Geschäft läuft. Schaut her, heißt es, ihr seid dick, hässlich und krank. Mit unseren Produkten, Geheimtipps und Dienstleistungen werdet ihr alle wieder schön, jung und fit. Seit Jahrhunderten der gleiche Schmäh.

          Es geht um Gesundheit und Kosten für das Gesundheitswesen. Fettleibige haben ein erhöhtes Herzinfarktrisiko.

          Das klingt bedrohlich, will aber nicht viel heißen. Wenn beispielsweise das Krebsrisiko sinkt, steigt logischerweise das Herzinfarktrisiko und umgekehrt. Das hängt damit zusammen, dass jeder Mensch eines schönen Tages sterben wird. Es sind ja vor allem betagte Menschen, die an Herzinfarkt sterben. Deshalb bedeutet eine hohe Herzinfarktrate in einem Land schlicht eine hohe durchschnittliche Lebenserwartung seiner Bürger.

          Es heißt aber, dass die Dicken eher sterben.

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