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Ernährung : Ganz schön bitter

  • -Aktualisiert am

„Fehlen sie, wird die Gallenblase fauler“

„Bitterstoffe dienen als Essbremse“, sagt der Berliner Gastroenterologe Harald Matthes: „Wer Süßes isst, verliert nach rund zwei Stunden das Sättigungsgefühl. Von Lebensmitteln mit Bitterstoffen nimmt man nicht nur weniger zu sich; das Gefühl, satt zu sein, hält auch fast doppelt so lange an.“ Eine Tafel Vollmilchschokolade lässt sich viel schneller wegnaschen als eine mit hohem Kakaoanteil. Der leitende Arzt am anthroposophisch orientierten Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe sieht deshalb eine direkte Verbindung zwischen der „katastrophalen“ Zunahme von Übergewicht sowie Fettleibigkeit und dem hohen Verbrauch süßer Nahrungsmittel.

Nach Zahlen des Robert Koch-Instituts sind in Deutschland zwei Drittel aller Männer und jede zweite Frau zu dick. Auch Kinder tragen zunehmend immer mehr Kilos mit sich rum. Damit einher geht oft das metabolische Syndrom: Bluthochdruck, koronare Herzkrankheiten, Diabetes vom Typ 2, Gelenkbeschwerden und auch Gallensteinleiden. „Die Gallenblase braucht Bitterstoffe, um richtig arbeiten zu können“, erläutert Gastroenterologe Matthes: „Fehlen sie, wird die Gallenblase fauler, zieht sich nicht mehr richtig zusammen, und es kommt zu Steinbildungen.“ Häufig werde dann gleich die gesamte Gallenblase entfernt, „das ist heute eine leichte Operation“, aber nach den Ursachen frage niemand. Allein 2014 sind in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 200.376 Gallenblasen entnommen worden. Tendenz steigend.

„Im Fokus stehen bei Magen-Darm-Erkrankungen immer die Ballaststoffe“, so Matthes, zu Bitterstoffen hingegen gebe es erstaunlich wenig wissenschaftliche Publikationen. Dabei regen die unterschätzten Wirkstoffe nicht nur die Produktion von Gallenflüssigkeit an, sondern fördern die gesamte Verdauung, helfen bei Übersäuerung und schützen sogar Zähne und Zahnfleisch. „Bitterstoffe verbessern den Speichelfluss im Mund und seine Zusammensetzung“, sagt die Bad Homburger Zahnärztin Christine Albinger-Voigt.

Bitterstoffe können auch den Blutzuckerspiegel günstig beeinflussen

Die Vorsitzende der Internationalen Gesellschaft für Ganzheitliche Zahnmedizin in Mannheim rät ihren Patienten, bei Mundgeruch und Parodontose zusätzlich zur eigentlichen Behandlung Bitterpräparate einzunehmen: „Wir vergessen immer, dass der Mund der Anfang des Verdauungstraktes ist. Über Bitterstoffe lässt sich die Darmflora modulieren und damit auch, welche Bakterien die Mundschleimhaut besiedeln.“ Zahnfleischentzündungen klängen schneller ab. Und letztlich trete weniger Karies auf, weil der Heißhunger auf Süßes nachlässt und man weniger davon isst.

Auch der Magen kann mit Hilfe von Bitterstoffen mehr Saft produzieren, um die Nahrung zu zerkleinern, Leber und Bauchspeicheldrüse arbeiten besser. Sodbrennen, Blähungen und ein lästiges Völlegefühl treten weniger oder gar nicht mehr auf. Bitterstoffe können auch den Blutzuckerspiegel günstig beeinflussen.

Aus den Ländern im Alpenraum sind seit Jahrhunderten Kräuterbitter bekannt, die nach dem Essen für Wohlbefinden sorgen. Aus dem Schweden des 17. Jahrhunderts stammt die ursprüngliche Rezeptur des sogenannten Schwedenbitters, eines Naturheilmittels, was man bis heute - weniger bitter als damals - kaufen kann. Aber auch schon die heilkundige Benediktinerin Hildegard von Bingen empfahl vor 1000 Jahren bittere Kräutertropfen, um „gesund und kräftig“ zu sein.

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