https://www.faz.net/-gum-vwnp

Ernährung : Vernünftiges Fleisch

  • -Aktualisiert am

Schwein gehabt: Diese Tiere werden auf einem Neuland-Hof groß Bild: Michael Kretzer

Es ist zwar keine Bio-Qualität, aber trotzdem besser als konventionelle Ware: Fleisch mit dem Neuland-Label gewinnt in Deutschland immer mehr Kunden. Christoph Gunkel berichtet.

          4 Min.

          Jochen Dettmer ist niemand, der lange nach Worten suchen muss; knackige Formulierungen liegen ihm. Doch wenn es um sein eigenes Unternehmen geht, gerät er manchmal ins Stocken. „Nennen Sie es Fleisch aus besonders tiergerechter Haltung.“ Dettmer zögert. Er weiß, dass das zu lang ist. „Oder einfach Tierschutzfleisch.“ Auf keinen Fall aber dürfe man „Bio-Fleisch“ schreiben. „Denn dann rufen die Kollegen von den Öko-Verbänden an und beschweren sich, dass wir jetzt auch auf der Biowelle reiten.“

          Dettmer ist Geschäftsführer des Fleischverbunds Neuland und möchte genau diese Biowelle überhaupt nicht reiten. „Wir wollen uns mit unseren Produkten bewusst zwischen konventioneller Fleischware und Ökofleisch plazieren.“ Sprich: Nicht öko zu sein ist Teil der Unternehmensstrategie. Neuland bietet Fleisch an, das aus tierschonender Haltung kommt - und kann sich auf prominente Fürsprecher berufen: Der Bund für Umwelt und Naturschutz und der Tierschutzbund sind Träger der 1988 ursprünglich als Verein gegründeten Unternehmensgruppe. „Damals diskutierten wir über Alternativen in der Viehwirtschaft und kämpften für den regionalen, kleinbäuerlichen Betrieb“, erzählt Dettmer, selbst Gründungsmitglied.

          Mehr Erfolg seit der BSE-Krise

          An den Zielen hat sich nichts geändert, aber der Erfolg hat besonders nach der BSE-Krise zugenommen. Heute wirtschaften 200 Bauernhöfe nach strengen Tierschutzkriterien, der Umsatz lag 2006 bei zwölf Millionen Euro. Doch nur weil die Tiere frei herumlaufen, gilt ihr Fleisch noch nicht als „bio“. Denn anders als bei den großen Ökoverbänden wie Bioland oder Naturland bekommen sie kein Biofutter. Außerdem verzichtet das Unternehmen bewusst auf den ganzheitlichen Ansatz der Ökoverbände, die jeden Bauernhof als eigenständigen Organismus sehen und den Weg von der Zucht bis zur Schlachtung als einen Kreislauf verstehen. Der Mist freilaufender Tiere, so deren Grundidee, soll zum Anbau von Bio-Futter verwendet werden, das an die späteren Schlachttiere verfüttert wird.

          Bild: F.A.Z.

          „Wir haben eine völlig unterschiedliche Philosophie“, sagt Gerald Wehde, Leiter der Fachstelle Agrarpolitik des größten deutschen Ökoverbands Bioland. „Neuland beschränkt sich auf die Tierhaltung und vergisst den Rest. Das ist uns zu wenig.“ Ebenso wichtig sei es, darauf zu achten, welche Zusatzstoffe bei der Fleischverarbeitung verwendet würden. Bioland erlaubt nur 22 Zusatzstoffe, Neuland macht kaum Einschränkungen, auch das umstrittene Nitritpökelsalz ist in reduziertem Umfang zugelassen, obwohl es im Verdacht steht, Krebs auszulösen.

          Verzicht auf metaphysischen Überbau

          „Durchaus sympathisch“ findet Jochen Dettmer den ganzheitlichen Ansatz. Aber zu teurer. Der Siebenundvierzigjährige möchte lieber „ein anderes Preissegment“ bedienen. Deshalb verzichtet er auf jeglichen metaphysischen Überbau wie ihn beispielsweise die Öko-Pioniere von Demeter pflegen, die eine „spirituelle Form der Landwirtschaft“ fordern, mit Rücksicht auf die „gestaltenden Kräfte des Kosmos“. Neuland dagegen beschränkt sich auf die ethische Tierhaltung, kann damit das Gewissen der Verbraucher beruhigen und gleichzeitig Markenfleisch günstiger anbieten als die Ökoverbände. Denn konventionelles Futter ist halb so teuer wie biologisches.

          Bernhard Hörning, Professor für ökologische Tierhaltung an der Fachhochschule Eberswalde, hält diesen „dritten Weg zwischen biologischer und konventioneller Landwirtschaft“ für „sehr glaubwürdig“. Neuland sei „Pionier und Impulsgeber“ in der Tierhaltung gewesen, der die Bioverbände veranlasst habe, ihre Standards anzugleichen. Noch heute gibt es Unterschiede. Anders als Neuland erlauben die Öko-Verbände ihren Betrieben, eine Übergangsregelung der EG-Ökoverordnung anzuwenden, wonach der Auslauf von Tieren bis 2010 unter bestimmten Umständen eingeschränkt werden darf. „Untersuchungen haben ergeben, dass etwa 50 Prozent der Tiere von Biobetrieben keinen Auslauf für Schweine haben“, sagt Hörning.

          Strengere Richtlinien als EG-Ökoverordnung

          Bei allen Unterschieden gibt es aber doch eine große Gemeinsamkeit: Die Richtlinien von Neuland und den Ökoverbänden sind weitaus strenger als die der EG-Ökoverordnung, auf der das staatliche grüne Biosiegel basiert. Nicht alle Landwirte und Fleischer stellen aus purer Tierliebe Produktion oder Verkauf um. In den vergangenen Jahren hat, begünstigt durch das Frischfleischangebot der Discounter, ein regelrechtes Metzgereisterben eingesetzt. Nach Angaben des Deutschen Fleischer-Verbandes ist die Zahl der Metzgereien in den zurückliegenden zehn Jahren um fast 5000 gesunken; 2006 gab es 467 Betriebe weniger als im Vorjahr.

          Der sich daraus ergebende Zwang zur Profilierung spielt den Ökoverbänden und Neuland gleichermaßen in die Hände. „In ihrem Selbstverständnis stand für die Fleischer lange das handwerkliche Können im Vordergrund. Heute wissen sie, dass es genauso wichtig ist, wo das Fleisch herkommt“, berichtet Dettmer.

          Über Nacht brannte der Hof ab

          Auch Wolfgang Schwab hatte Angst, etwas zu ändern. Der Landwirt aus Hockenheim ist ein bodenständiger Mann, der wenig von großen Worten wie „Schicksal“ hält. Doch wäre da nicht das Feuer gewesen, sein Leben wäre sicherlich anders verlaufen. „Ich hätte mit ziemlicher Sicherheit so weitergemacht wie mein Vater“, sagt der Dreiundvierzigjährige. „Weiter so“ heißt: konventionelle Schweinezucht mit engen Buchten, in denen sich die Tiere nicht einmal umdrehen können; Spaltenböden, an denen sie sich schmerzhaft verletzen; kein Auslauf, denn jede Bewegung verbrennt Energie und verlängert so die Mast. Dass dieses System nicht gut für die Tiere und die Fleischqualität sein kann, das hat Schwab immer gespürt. Manchmal sprangen die eng zusammengepferchten jungen Ferkel in Panik über die meterhohe Umzäunung. Doch die „immensen Kosten“ einer Umstellung auf tierschonende Haltung hat er zunächst gescheut. Bis vor elf Jahren erst sein Vater starb, er plötzlich den Hof erbte, über Nacht das Feuer kam und der halbe Hof abbrannte.

          Das Unglück war Signal zum Neuanfang. Schwab suchte nach Alternativen zur konventionellen Schweinezucht, denn inzwischen war der Marktpreis für Schweinefleisch drastisch gesunken - und sein Betrieb mit 350 Tieren viel zu klein. „In dieser Größenordnung braucht man eine Nische, sonst kann man nicht überleben.“ Erst von tausend Tieren an, so schätzt er, würde sich die konventionelle Zucht lohnen. Also tagte der Familienrat und sondierte Alternativen: seniorengerechte Wohnungen auf dem Bauernhof, Cateringservice oder Direktvermarkter von Qualitätsfleisch? Der Familienbetrieb entschied sich für Letzteres und trat 1997 Neuland bei.

          Neue Stammkunden gewonnen

          Seitdem muss Schwab zwar strenge Richtlinien für Tierhaltung erfüllen, und zwei Mal jährlich kommen unangemeldet Kontrolleure. Doch gleichzeitig hat er auch neue Stammkunden gewonnen, die zum Teil mehr als 25 Kilometer Anreise in Kauf nehmen. Und noch etwas hat sich geändert: Seit die jungen Ferkel zwanzig Quadratmeter Auslauf haben, versuchen sie nicht mehr, über die Umzäunung zu springen.

          Am besten verkörpert wohl Karin Hillebrand die Strategie von Neuland-Chef Dettmer, der gutes Fleisch nicht nur für „eine ökobewusste Elite, sondern für den Normalbürger“ anbieten will. Vor kurzem hat Hillebrand in Berlin-Kreuzberg einen Imbiss eröffnet, der Currywürste aus dem Neuland-Fleisch verkauft - es ist erst der zweite in Berlin, weitere sollen folgen. Schon früher war der Imbiss im Familienbesitz, doch die Döner des Schwiegersohns liefen irgendwann nicht mehr so gut. Wenn Karin Hillebrand ins Schwärmen gerät und von ihren Kunden erzählt, die bereit sei, „zwei Euro statt die üblichen 1,30“ für eine Currywurst zu zahlen, da rutscht es ihr dann doch noch raus, das Wort, das sie eigentlich nicht benutzen darf: „Bio-Wurst“.

          Weitere Themen

          Die Pandemie im Überblick

          Zahlen zum Coronavirus : Die Pandemie im Überblick

          Die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus verändern sich dauernd. In welche Länder man reisen darf und wie sich die Infektionszahlen in Deutschland und der Welt entwickeln – unsere Karten und Diagramme geben einen Überblick.

          Topmeldungen

          FBI-Direktor Wray am Donnerstag bei seiner Anhörung im Kapitol

          Wahlen in Amerika : FBI-Direktor stellt wieder starke Einmischung Russlands fest

          Sucht Russland auch 2020 die amerikanische Präsidentschaftswahl zu beeinflussen? Ja, sagt Christopher Wray. Die Aktionen richteten sich vor allem gegen Joe Biden. Für seine Einschätzung handelt sich der Chef der Bundespolizei eine öffentliche Rüge von Donald Trump ein.
          Mit Atemschutz-Maske hinter der Wärmebildkamera.

          Corona und die Zweifler : Der Tod ist nicht alles

          Wo ist die Evidenz, fragen Corona-Skeptiker: Die Verharmlosung der Katastrophe trifft längst nicht nur Wissenschaftler ins Mark. Hinter den Sterbeziffern türmt sich eine unvorstellbare Krankheitslast.
          Fulminantes Börsendebüt: Banner von Snowflake an der New Yorker Börse

          Cloud Computing : „Snowflake wird ein riesiges Unternehmen werden“

          Nach dem Börsengang hat Snowflake den Unternehmenswert verdoppelt. Das macht Mitgründer Benoit Dageville zum Milliardär. Mit der F.A.Z. spricht er über die Kursgewinne, den Berliner Standort und die Konkurrenz mit Amazon.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.