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Ernährung : „Sie können sich auf nichts mehr verlassen“

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„Da ist Zitronensäure drin - klingt harmlos, greift aber die Zähne an”: Thilo Bode mit einem angeblich gesunden Fruchtdrink Bild: Christian Thiel

Foodwatch-Chef Thilo Bode ärgert sich beim Einkaufen im Supermarkt grün und blau. „Sie können sich auf nichts mehr verlassen: Teuer ist nicht gut, und billig ist nicht schlecht.“ Ein Interview über Lebensmittel und erfundene Bauernhöfe.

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          Foodwatch Chef Thilo Bode ärgert sich beim Einkaufen im Supermarkt grün und blau. „Sie können sich auf nichts mehr verlassen: Teuer ist nicht gut, und billig ist nicht schlecht.“ Ein Interview über Lebensmittel, Zusatzstoffe, Gammelfleisch - und erfundene Bauernhöfe.


          Herr Bode, fühlen Sie sich beim Einkaufen betrogen, wie es im Titel Ihres neuen Buches heißt?
          Im Supermarkt ärgere ich mich ständig grün und blau.

          Warum?
          Jedes Mal, wenn ich Tee brauche, steht der woanders. Das ist eine Verwirrungsstrategie.

          Das nennen Sie schon Betrug?
          Damit fängt es an. Neulich habe ich mich bei Kaiser's an der Fleischtheke informiert. Ich habe gesagt, ich würde gerne mal diesen schönen Birkenhof besuchen. So heißt deren Fleischmarke, mit einem stilisierten Landgut drauf. Ich hätte gehört, sage ich, dass man immer nach der Herkunft des Fleisches fragen müsse, deshalb würde ich gerne die Kuh besichtigen, von der mein Fleisch stammt. Nein, sagt die Verkäuferin, das können Sie nicht. Ist der Birkenhof denn kein Bauernhof? Nein, sagt sie, doch, aber da kommt das Fleisch nur her. Wo sind denn dann die Kühe? Die stehen woanders. Ist das also mehr ein Schlachthof? Nein, nein. Am Ende war klar, dass man der Werbung nicht glauben darf.

          Aber Supermärkte sind doch ein Schlaraffenland. Milchprodukte, Obst, Gemüse, frisches Brot: Alles, was ich zur gesunden Ernährung brauche. Wo liegt das Problem?
          Ich muss den Informationen vertrauen können. Hier, auf dieser Getränkepackung "Fruchttiger" steht: "gesunder Durstlöscher". Und: "Kann zur gesunden Entwicklung Ihres Kindes beitragen." Da ist Zitronensäure drin. Klingt harmlos, ist aber E 330, ein chemisch hergestellter Zusatzstoff. Das greift die Zähne an und erleichtert die Aufnahme von Schwermetallen. Solche grellbunten Produkte muss ja niemand kaufen. Aber heutzutage ist überall Zitronensäure drin. Selbst in Mövenpick-Marmelade.

          Ich kann mich nicht mal auf Markenprodukte verlassen?
          Sie können sich auf nichts verlassen. Teuer ist nicht gut, und billig ist nicht schlecht. Ich liebe Senf und habe immer diesen klassischen Dijon-Senf gekauft. Irgendwann habe ich entdeckt, dass der Zitronensäure enthält.

          Darauf verzichten Sie jetzt?
          Natürlich. Es gibt in Europa mehr als 300 zugelassene Zusatzstoffe, aber die Hälfte davon ist umstritten. Einige Wissenschaftler behaupten: unbedenklich. Andere sagen: problematisch. Es ist jedoch müßig, auf dieser Gesundheitsfrage herumzureiten. Das Entscheidende ist, dass Sie Zusatzstoffe praktisch nicht vermeiden können.

          Kann es denn sein, dass die Lebensmittelentwicklung nur Unfug erfindet?
          Unsere Lebensmittel sind schlechter geworden. Wir haben zwar eine größere Auswahl. Aber weil Rohstoffe der größte Kostenfaktor sind, werden diese durch Farbstoffe aufgehübscht, durch Geschmacksverstärker künstlich verbessert und durch Konservierungsmittel haltbar gemacht. Geschickte Werbung verkauft das Zeug dann trotzdem als Qualitätsprodukt.

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