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Ernährung : „Sie können sich auf nichts mehr verlassen“

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Und dann soll jemand sagen: Das Putenschnitzel damals war schuld.
Genau. Bei Autos ist es so: Wenn ein Modell gute Bremsen hat und das andere schlechte, verschwindet die schlechtere Qualität irgendwann vom Markt. Bei Lebensmitteln kann ich mir aber nicht das Produkt mit der niedrigsten Pestizidbelastung heraussuchen. Deshalb findet kein Wettbewerb darum statt. Wenn Sie einen Kühlschrank kaufen, der nicht kühlt, kriegen Sie einen neuen. Sie können die Garantie überprüfen. Die Marke Landliebe bewirbt ihre Milch mit ländlicher Idylle und einer angeblichen Qualitätsgarantie. Die können Sie nicht überprüfen: „Kommt von ausgesuchten Bauernhöfen.“ „Kühe werden artgerecht gehalten.“ Sie können dort ja mal anrufen und sagen: Ich will Ihre ausgewählten Bauernhöfe besuchen!

Sie wären sicher begeistert, wenn die Leute öfter zum Telefon greifen und nörgeln würden.
Natürlich. Aber es geht nicht um Nörgeln, verlangen Sie einfach Informationen. Milch ist Milch, seit dem Milchgesetz von 1930, diese Landliebe-Milch ist nicht besser als andere, billigere Sorten. Auch setzt der Hersteller Campina bei der Milchproduktion gentechnisch veränderte Futtermittel ein und bezieht die Milch aus richtig großen Ställen von bis zu 2000 Rindern. Aber Sie als Verbraucher müssen beweisen, dass die Qualitätsversprechen der Landliebe-Milch nicht den Tatsachen entsprechen. Der Konzern muss gar nichts beweisen. Und da kommen Sie zum Hauptproblem. Wir Verbraucher haben keinerlei Rechte. Deshalb muss der Lebensmittelmarkt anders organisiert werden.

Ihr Buch liest sich wie eine Verschwörungstheorie, wenn Sie beschreiben, wie Agrarlobby, Lebensmittelindustrie und Handel mit der Politik verwoben sind.
Das ist aber die Realität. Wo gibt es denn eine Organisation, die wirklich Verbraucherinteressen vertritt? Wer außer Foodwatch sagt denn, dass wir Fleischabfälle genauso behandeln müssten wie Elektronikschrott? Keiner kann heute mehr einen Fernseher herstellen, ohne für die Entsorgung der Abfälle zu haften. Nur bei Fleisch ist es anders: 16 Millionen Tonnen Müll werden in Europa ohne Kontrolle hin- und hergefahren. Es ist kaum zu überprüfen, ob diese Abfälle nicht in die Ukraine exportiert, dort zu Würsten gemacht und wieder nach Deutschland eingeführt werden.

Reichen unsere Kontrollen nicht?
Die Kontrolleure beanstanden ja dreißig Prozent aller Frischfleischproben. Aber die Verantwortlichen greifen nicht ein, weil sie sich nicht mit der Wirtschaft anlegen wollen. An diesen Missständen wird sich nichts ändern, wenn die Menschen „bewusster“ einkaufen. Vielmehr müssen sich die Verbraucher organisieren.

Warum fällt das so schwer?
Wie zu Beginn der Umweltbewegung müssen wir den Verbrauchern erst klarmachen, dass sie es mit einem politischen Problem zu tun haben, das sie nicht individuell lösen können. Wenn ich auf Vorträgen über Produkte wie Fruchttiger oder Landliebe rede, sind die Leute schockiert. Wenn ich zu den Schlachtabfällen komme, werden einige ziemlich sauer. Das brauchen wir: Empörung. Nur dann wird die Politik reagieren.

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