https://www.faz.net/-gum-z2em

Ernährung : „Fleisch zu essen ist nicht böse“

  • Aktualisiert am

„Fleisch an sich ist nicht ungesund” Bild: dapd

Früher war Theresa Bäuerlein Vegetarierin. Bei einer Recherche für ein Buch fand die Journalistin heraus, dass heute jede Ernährung Opfer fordert. Ihre Lösung: Nachhaltigkeit - bei Fleisch und anderen Lebensmitteln.

          3 Min.

          Frau Bäuerlein, wann gab es bei Ihnen zum letzten Mal Fleisch?

          Schwierig zu sagen. Das ist schon ein paar Monate her, was auch daran liegt, dass ich viel in Israel bin. Dort kann ich nicht so leicht das Fleisch kaufen, das ich gut finde. Das ist in Deutschland einfacher.

          Was würden Sie hier kaufen?

          Das Fleisch muss für mich aus artgerechter Haltung kommen. Ich muss das Vertrauen haben, dass es nach ökologischen Maßstäben hergestellt wurde. Jetzt erinnere ich mich auch wieder, wann ich zuletzt Fleisch gegessen habe: Es war in Irland, bei einem Bekannten. Er hält Rinder auf der Weide und kennt sie alle persönlich beim Namen.

          EU-Rede in Brüssel : Paul McCartney: Esst weniger Fleisch

          Sie waren sechs Jahre lang Vegetarierin, bevor sie mit 18 Jahren wieder anfingen, Fleisch zu essen. War die Umstellung leicht?

          Schon, nur hatte ich beim Essen weiter ein schlechtes Gewissen und wollte eigentlich wieder Vegetarierin werden, oder noch besser: Veganerin. Ich fand es schlimm, Fleisch zu essen, und habe versucht, alle um mich herum zu überzeugen, dass es nicht gut ist.

          Doch die Lust war größer, wie Sie in Ihrem Buch schreiben. Wie hat sich das angefühlt?

          Ich weiß nicht, ob es tatsächlich Lust auf Fleisch war oder doch eher darauf, sich beim Essen nicht länger eine Zwangsjacke anzuziehen und zu sagen: Dies hier ist böse, und das hier ist gut, dieses darf ich essen und jenes nicht. Es hat sich befreiend angefühlt, weil viele Menschen aus ihrer Ernährungsweise eine Ideologie machen. Ich habe das damals sicher auch getan.

          Dem Titel Ihres Buches „Fleisch essen, Tiere lieben“ kann man entnehmen, dass Sie Fleischesser nicht mehr missionieren wollen. Aber wie erklären Sie umgekehrt Vegetariern, dass man Tiere zum Verzehr töten darf?

          Das Argument „meat is murder“ ist damit zu entkräften, dass man sagen kann, dass jede Ernährungsweise den Tod von Lebewesen beinhaltet. Das lässt sich nicht vermeiden. Die entscheidende Frage ist nicht, ob man nur Pflanzen isst oder auch mal Tierprodukte. Die wichtige Frage lautet: Was schadet weniger? Wenn Lebensmittel nachhaltig produziert werden, ist es für die Umwelt beinahe egal, ob ich Fleisch oder Pflanzen esse. Sowohl pflanzliche als auch tierische Produkte können schaden. Es kommt auf den Zusammenhang an, in dem sie hergestellt werden.

          Sie wenden sich auch gegen andere Annahmen, zum Beispiel die, dass es gesünder sei, sich vegetarisch zu ernähren. Warum soll das ein Mythos sein?

          Es wird immer behauptet, aber ich habe bisher keine wissenschaftliche Studie gefunden, die es tatsächlich belegt. Dieser Mythos liegt darin begründet, dass es Studien gibt, die zeigen, dass Vegetarier gesünder und länger leben. Aber wenn man Vegetarier vergleicht mit Menschen, die wenig Fleisch essen, merkt man, dass es wieder kaum einen Unterschied in der Lebenserwartung gibt. Fleisch an sich ist nicht ungesund, es sei denn, man stopft sich jeden Tag damit voll.

          Trotzdem scheinen gerade in jüngster Zeit die Gräben zwischen Vegetariern und Fleischessern tiefer zu werden.

          Ja, und ich finde das schade; dieses Schwarzweißdenken bringt niemanden weiter. Aber für viele Menschen ist ihre Ernährungsweise möglicherweise eine Art Ersatzreligion. Derjenige, der eine Alternative aufzeigen will, wird als Ketzer beschimpft. Bei mir denken einige Vegetarier, ich äße Schweinehälften zum Frühstück und müsste meinen Fleischkonsum rechtfertigen. Ich würde auch auf Fleisch verzichten, wenn ich denken würde, es wäre richtig. Aber ich bin zu der Meinung gelangt, dass es in Ordnung ist, wenn man es unter bestimmten Bedingungen isst. Fleisch zu essen ist an sich nichts Böses.

          In Ihrem Buch belegen Sie das anhand vieler Quellen. An anderer Stelle heißt es aber, dass es gerade in Ernährungsfragen stets eine Gegenmeinung gibt. Warum sollten wir Ihnen glauben?

          Natürlich kann man für jede der von mir zitierten Studien eine Gegenstudie finden. Aber ich glaube, dass nachhaltige Viehhaltung letztlich auf einfache Prinzipien zurückgeht. Man muss sich nur ansehen, wie nachhaltig produzierende Landwirte arbeiten. Der Punkt ist aber auch, dass die industrielle Lebensmittelproduktion zwar für effizient gehalten wird, es aber nicht ist, weil sie ihre eigenen Grundlagen zerstört: Fruchtbare Böden werden rarer, weil sie ausgelaugt sind. Und auch die FAO, die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen, hat in ihrem Agrarbericht geschrieben, dass es keine Alternative gibt als nachhaltige Landwirtschaft.

          Was muss man als Fleischkonsument tun, um nachhaltig zu essen?

          Selten Fleisch essen, und dann möglichst vom Metzger des Vertrauens, um zu wissen, wo es herkommt. Ich finde aber auch, dass man nicht unbedingt alles und immer im Bioladen kaufen muss. Es gibt auch Hersteller, die auf Tierschutz und artgerechte Haltung achten, die keine Öko-Zertifizierung haben, zum Beispiel die Marke Neuland. Auch Biosiegel sind ein kleiner Schritt, und damit ausgezeichnetes Fleisch gibt es auch in Discountern. Was nicht heißt, dass man einfach jeden Tag Discounter-Ökofleisch kaufen sollte, denn wir kommen nicht darum herum, dass der Fleischkonsum insgesamt sinken muss. Aber alles ist besser, als einfach immer nur Billigwurst zu kaufen.

          Die dürften wir Ihnen sicher auch nicht auf den Grill legen, wenn wir Sie heute zu einer Grillparty einladen würden.

          Nein, ich würde mich für Weiderindfleisch vom Biobauernverband Demeter entscheiden. Kühe finde ich übrigens auch deshalb faszinierend, weil sie in der ganzen Fleischdiskussion als die Übeltäter schlechthin dargestellt werden: Kritiker sagen, dass der Energieaufwand für ihre Aufzucht viel zu hoch sei und sie durch ihre Ausscheidungen viel Methan ausstießen. Dabei lassen Kühe sich wunderbar in nachhaltige Systeme integrieren. Sobald man aufhört, ihnen Kraftfutter zu gebe, und sie wieder wie früher Gras auf der Weide fressen lässt, lösen sich viele Argumente gegen Rinderhaltung wieder in Luft auf.

          Die Fragen stellte Martin Gropp.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Musste zurückziehen: Neera Tanden im Februar in Washington

          Amerikanische Regierung : Bidens erste Niederlage

          Neera Tanden sollte das Haushaltsbüro von Joe Bidens Regierung leiten. Ihr Scheitern im Senat zeigt das Gewicht der Zentristen in der demokratischen Partei.
          Das Finanzimperium von Lex Greensill steht vor dem Aus.

          Finanzaufsicht sperrt Bank : Aufstieg und Fall des Lex Greensill

          Hinter der in Schieflage geratenen Greensill Bank steht die steile Karriere eines australischen Bauernsohns. Die findet jetzt ein abruptes Ende: Sein Finanzimperium kollabiert, Gläubigerschutz wurde beantragt. Auch deutsche Sparer sind betroffen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.