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Körpereigene Bakterien : „Vielfalt dient der Gesundheit“

Ob Küssen dem Mikrobiom wirklich dienlich ist, steht noch nicht fest. Bild: dpa

Neue Erkenntnisse zum Mikrobiom könnten die Medizin in den nächsten Jahren revolutionieren. Ein HNO-Arzt über Autoimmunerkrankungen, Asthma und die Bedeutung des Küssens.

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          Herr Beule, Sie forschen am menschlichen Mikrobiom. Was versteht man darunter?

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Unter dem Mikrobiom verstehen wir die Gesamtheit aller Lebewesen, die auf und in unserem Körper leben. Mittlerweile geht man davon aus, dass Millionen unterschiedlichster Bakterien, Viren und Pilze den Menschen bevölkern. Wobei man sagen muss, die Bakterien unter ihnen sind am besten erforscht. Dabei ist es nicht so, dass das Mikrobiom bei jedem Menschen identisch ist. Das Gegenteil ist der Fall. Das Mikrobiom unterscheidet sich von Mensch zu Mensch erheblich. Es ist sehr individuell. Und innerhalb eines Menschen unterscheidet sich das Mikrobiom des Darms von dem in der Nase oder im Genitalbereich noch mal.

          Sie sind Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Wie unterscheidet sich das Mikrobiom in diesem Bereich von dem etwa im Darm?

          Der größte Unterschied ist wohl, dass wir HNO-Ärzte uns gleich mit mehreren Mikrobiomen beschäftigen. Die Besiedelung im Ohr unterscheidet sich deutlich von der in der Nase und diese wiederum deutlich von der im Rachen. Die Forschung rund um das menschliche Mikrobiom ist rasant gestiegen in den vergangenen Jahren. Der Grund dafür liegt wohl darin, dass man früher dachte, zum Körper gehören eben Bakterien, die aber keine weitere Bedeutung haben. Heute aber wissen wir, das Mikrobiom beeinflusst uns und unsere Gesundheit erheblich. Und wir beeinflussen es durch unsere Lebensweise und Ernährung.

          Wie muss man sich diese Beeinflussung vorstellen?

          Na ja, schon allein, wie alt Sie sind, ist entscheidend für die Zusammensetzung des Mikrobioms. Das von Kindern ist anders als das von alten Menschen. Frühgeborene zum Beispiel kommen mit einem anderen Mikrobiom auf die Welt als Reifgeborene. Es gibt Studien, die zeigen: Menschen, die sehr alt werden und denen es dabei auch noch gutgeht, besitzen ein anderes Mikrobiom als gebrechliche alte Menschen.

          Liegt die Zusammensetzung auch an den Genen?

           Die Genetik hat nicht so einen großen Einfluss. Wie gesagt, der Lebensstil, die Umwelt und die Ernährung sind deutlich entscheidender. Für uns aus der HNO-Heilkunde ist zum Beispiel der Einfluss des Rauchens und von Alkohol sehr interessant.

          Vermutlich hat beides keinen positiven Einfluss auf das Mikrobiom.

          Nein, aber um diese Frage zu beantworten, muss man ja erst einmal verstehen, was positiv und negativ heißt.

           Und was heißt es?

          Man weiß mittlerweile: Sind an einer Stelle, also zum Beispiel der Nasenschleimhaut, relativ viele unterschiedliche Bakterien, dann ist das förderlich für die Gesundheit. Mediziner sprechen dann von einer hohen Alpha-Diversität. Eine hohe Diversität ist also gut. Fange ich an zu rauchen, wird im Bereich der Mund- und Nasenschleimhaut diese Diversität geringer. Alkohol verringert die Diversität auch. Beim Alkohol weiß man sogar heute, dass nach dem Verzehr von solchen Getränken oft Bakterien Überhand gewinnen können, deren Stoffwechselvorgänge schädlich für den Menschen sind und die vielleicht auch an der Entstehung von Krebs im Mund-Rachen-Bereich beteiligt sein können.

          Warum ist diese Diversität oder Vielfalt so wichtig?

          Ein pathogenes Bakterium, also eins, das uns krank macht, hat immer die Tendenz, sich zu vermehren und dann eben dem Körper Schaden zuzuführen. Eine ausreichende Vielfalt sorgt dafür, dass sich einzelne Bakterien nicht so leicht vermehren können. Und das wiederum ist dienlich für die Gesundheit.

          Beim Küssen werden ja auch jede Menge Bakterien ausgetauscht. Liebkosen ist also einem guten Mikrobiom auch dienlich?

          (lacht) Ganz ehrlich: Ich kenne keine Untersuchungen zum Mikrobiom in Verbindung mit dem Küssen. Aber ich muss spontan sagen, an der Theorie kann etwas dran sein.

          Sie wollen das Wissen über das Mikrobiom im HNO-Bereich auch für den Einsatz neuer Therapien nutzen.

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