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Dauerflimmern ab 6 Uhr : „Kinder brauchen kein Fernsehen“

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Werden Kinder vor dem Fernseher geparkt, wirken sie oft sediert. Bild: Getty

Das Angebot an Fernsehsendungen ist schon für kleine Kinder immens. Viele Eltern sind verunsichert. Ab wann wird die Glotzerei schädlich?

          Wenn ein Kind heute auf die Welt kommt, lernt es seine Umgebung schnell kennen: Mama, Papa, das Bettchen, das Mobile über dem Wickeltisch und dann noch die Dinger, die immer so schön flimmern und bunte Bilder zeigen. Fernseher, Smartphones, Tablets – aus der Welt der Erwachsenen sind sie nicht mehr wegzudenken. Und schneller als jemals zuvor werden auch kleine Kinder damit konfrontiert. Erst indem sie Mama oder Papa dabei zusehen, und dann als Konsumenten, die immer früher in das Medium einsteigen.

          Gab es früher im Fernsehen eine Kindersendung am Tag für maximal eine halbe Stunde, gibt es heute nicht nur verschiedene Sender, die ein Kinderprogramm anbieten, sondern auch eine Vielzahl von Filmen und Serien, die bereits für kleine Kinder konzipiert sind und morgens ab 6 Uhr in den einschlägigen Kinderprogrammen laufen.

          Smartphone gegen Langeweile zücken

          Außerdem sind Kinderfilme und -serien durch das Smartphone zu jeder Zeit und überall verfügbar: Immer wenn dem Kind Langweile droht, etwa im Wartezimmer beim Arzt oder beim Kaffeetrinken mit der Freundin, zücken Mütter und Väter schnell das Smartphone – und das Kind ist ruhiggestellt.

          „Eltern vertrauen auf Sendungen, die sie bereits aus der eigenen Kindheit kennen, wie ,Pippi Langstrumpf‘.“

          Dabei sind Eltern heute mehr denn je verunsichert. Auf dem Spielplatz oder bei Kindergeburtstagen hört man immer wieder Gespräche unter Müttern und Vätern, wie sie mit dem Thema Fernsehen bei Kleinkindern umgehen sollen: Ist es schädlich, dass mein Sohn bereits mit zwei Jahren jeden Tag zehn Minuten etwas auf dem iPad schauen darf? Ab welchem Alter erlaube ich meiner Tochter überhaupt, vor dem Bildschirm zu sitzen? Wenn mein großer Sohn eine Kindersendung schaut, will die Kleine natürlich auch mitschauen, aber ist das nicht mit eineinhalb viel zu früh?

          Laissez-Faire oder strenge Regeln?

          Aber auch Rechtfertigungen sind zu hören: Meine zweijährige Tochter darf immer morgens eine Kindersendung schauen, damit ich mich für die Arbeit in Ruhe fertig machen kann. Während ich abends koche, schaut mein dreijähriger Sohn immer Kika, damit ich das Essen zubereiten kann, ohne dass es mir anbrennt. Andere führen strikte Regeln ein: Bei uns ist der Fernseher immer aus, solange unser Sohn wach ist. Fernsehen darf er erst, wenn er in die Schule kommt.

          „Kinder brauchen kein Fernsehen“, sagt die Psychologin Elisabeth Raffauf. „Dass Eltern ihre Kleinkinder aber gerne mal vor dem Fernseher parken, ist natürlich verständlich, denn es bringt für eine kurze Zeit Entlastung im Alltag, und dosiert eingesetzt, werden Kinder daran keinen Schaden nehmen.“

          Sparsamer Einsatz gefordert

          Grundsätzlich gehe es im Kleinkindalter darum, dass Eltern mit ihren Kindern in Beziehung treten, dass sie sich als Beziehungspersonen zur Verfügung stellen. Bei den neuen Medien, Smartphone und Co., fehle die dritte Dimension, die Gefühlsebene. „Kinder lernen dabei nicht: Wie reagiert mein Gegenüber überhaupt? Deshalb sollten diese Medien nur sehr sparsam eingesetzt werden“, so Raffauf.

          Sesamstraße: Früher gab es im Fernsehen eine Kindersendung am Tag für maximal eine halbe Stunde.

          Dass Filme und Serien aber überhaupt nicht sparsam eingesetzt werden, zeigen Zahlen der miniKim-Studie aus dem Jahr 2014, in der der Medienkonsum der Zwei- bis Fünfjährigen untersucht wurde. Demnach verbringen bereits Zweijährige eine halbe Stunde am Tag vor dem Fernsehgerät.

          Wenn das Smartphone selbstverständlich wird

          „Kleine Kinder wachsen heute sehr selbstverständlich mit der Digitalisierung auf. Die Geräte sind in den Haushalten und werden genutzt“, ist auch die Beobachtung von Sabine Feierabend von der SWR Medienforschung, die den Medienumgang von Kindern seit Jahren als Autorin begleitet. „Je mehr die Digitalisierung voranschreitet und je vielfältigere Angebote es gibt, desto unsicherer werden die Eltern im Umgang mit den Medien.“

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          Das beobachten auch die Macher des Kinderkanals Kika von ARD und ZDF. „Die Medienwelt hat sich seit Bestehen von Kika in den letzten 20 Jahren rapide gewandelt. Das Angebot für Kinder ist enorm gewachsen, und immer mehr Geräte sind hinzugekommen“, sagt Kika-Programmgeschäftsführer Michael Stumpf.

          Dass eine Unsicherheit bei den Eltern herrscht, habe auch der Kinderkanal festgestellt und deshalb sein Online-Angebot für Erwachsene ausgebaut, „mit Videos zur Mediennutzung oder Gesprächen mit Medienexperten, die Eltern Tipps geben“, sagt Stumpf. Neu im Angebot ist eine Facebook-Seite für Eltern: „Hier können Erwachsene Fragen stellen, und es gibt Informationen zum Programm und zur Mediennutzung. Wir bieten hier eine neue Dialogfläche und wollen darüber mit Eltern in den Austausch kommen“, erklärt Stumpf.

          Ein bisschen ist das so, als kläre der Kneipenwirt seine Gäste über die schädlichen Folgen des Alkoholkonsums auf. Aber das Dilemma ist tatsächlich, dass die Eltern von heute kaum aus ihrer eigenen Erfahrung aus der Kindheit schöpfen können und deshalb verunsichert sind: Damals gab es abends nur das Sandmännchen, und am Wochenende war es das Größte, sonntagmorgens, wenn die eigenen Eltern noch im Bett lagen, den Fernseher anzuschalten. In die Decke gewickelt, wartete man auf dem Sofa noch die letzten Minuten des Störbildes ab, bis endlich um halb neun die Wiederholung des „Disney Club“ begann oder um 11.30 Uhr die „Sendung mit der Maus“ kam. Heute gibt es bereits ab 6 Uhr mit Kikaninchen Fernsehprogramm für die Kleinsten.

          Geschichten, die im TV erzählt werden müssen

          Am Konzept von Sendungen für Kinder hat sich nicht viel verändert: „Es müssen gute Geschichten erzählt werden“, sagt Stumpf, „mit einer Mischung aus Information, Wissen und Unterhaltung, genrereich über Animationen oder Real-Life-Serien.“ Was anders geworden ist, sind die auf jedes Alter zugeschnittenen Programme. Was Kinder je nach Entwicklungsstand aufnehmen können, das wisse man heute, sagt Stumpf.

          Deshalb gebe es auch das Vorschulangebot mit Kikaninchen, denn zu glauben, dass Kinder bis sechs Jahren vom Fernsehen beziehungsweise von Medien ferngehalten würden, sei unrealistisch. „Kinder werden vor den Fernseher gesetzt, deshalb sollte man ihnen ein Angebot zeigen, das auf sie zugeschnitten ist“, sagt der Kika-Programmgeschäftsführer. Bei Kikaninchen gehe es daher auch nie um reine Unterhaltung, vielmehr solle in kurzen Sequenzen, die Vorschüler gut aufnehmen können, auch immer etwas gelernt werden.

          Pippi Langstrumpf hat das Vertrauen der Eltern

          Neue Formate tun sich allerdings schwer. „Eltern vertrauen auf Sendungen, die sie bereits aus der eigenen Kindheit kennen, wie ,Pippi Langstrumpf‘ oder ,Löwenzahn‘, zu denen sie selbst eine emotionale Verbindung haben“, so Stumpf. Zudem habe sich die Mediennutzungssituation verändert.

          Es gibt eine Befreiung von der Zeit: Sendungen müssen nicht mehr zu einer bestimmten Uhrzeit geschaut werden, sondern können über die Mediathek oder Youtube jederzeit abgerufen werden. „Früher hat die Familie gemeinsam Samstag Abend auf dem Sofa gesessen und ,Wetten, dass . . .?‘ geschaut. Heute hat sich das Fernsehen individualisiert. Obwohl es immer noch gemeinsame Rituale wie den ,Sandmann‘ gibt“, weiß Stumpf.

          Reaktionen der Kinder im Auge behalten

          „Wichtig ist es jedoch, die Kinder nicht allein vor dem Gerät sitzen zu lassen. Eltern sollten schauen: Wie reagiert mein Kind? Hat es Angst?“, rät Medienforscherin Feierabend. Auch mache es einen Unterschied, ob Kinder vor einem großen Flachbildfernseher sitzen oder ein Smartphone in der Hand haben. „Je größer das Bild, desto erschlagender können die Inhalte sein und dann auch eine andere Wirkung entfalten“, so die Einschätzung von Feierabend. Darüber hinaus sei es wichtig, mit Kindern über Sendungen zu sprechen und zu erklären, was Phantasie und was Wirklichkeit ist.

          „Die Simpsons - Der Film“: Nicht jede Comic-Sendung ist für Kinder geeignet.

          Grundsätzlich müssen sich Eltern bei der Mediennutzung aber auch an die eigene Nase fassen und ihr eigenes Verhalten reflektieren. Welchen Stellenwert räumen wir dem Fernsehen und dem Smartphone täglich ein? Wann schalten wir den Fernseher an, wann schauen wir Filme auf dem Smartphone? Denn Erwachsene sind oft von den Geräten und bewegten Bildern abgelenkt und nicht aufmerksam bei ihren Kindern.

          Obwohl das natürlich in anderer Form und mit anderen Medien auch früher schon der Fall gewesen sei, wenn der Vater morgens am Frühstückstisch hinter seiner Zeitung verschwunden sei, so Feierabend. Vielen Eltern sei oft nicht bewusst, was sie selbst vorlebten. „Das Verhalten der Eltern wirkt manchmal mehr auf das Verhalten des Kindes als das, was sie ihm sagen“, gibt Raffauf zu bedenken.

          Kleinkinder brauchen keine Geräte

          Wie schädlich Medienkonsum der Eltern sein kann, zeigte jüngst die „Blikk“-Studie, die Ende Mai für Aufsehen sorgte. Schon bei Säuglingen kann es zu Fütter- und Einschlafstörungen kommen, wenn die Eltern während der Betreuung parallel digitale Medien nutzen. Zudem zeigten sich bei Kindern, die intensiv Medien nutzen, häufiger Entwicklungsstörungen. Die Drogenbeauftragte des Bundes, Marlene Mortler, Schirmherrin der Studie, forderte deshalb von den Eltern mehr „digitale Fürsorge“.

          „Es ist wichtig, dass Eltern ihre Kinder beim Einstieg und beim Umgang mit den Medien begleiten. Dass sie gemeinsam besprechen, was die Kinder gucken, und auch mit ihnen zusammen etwas anschauen“, sagt auch Psychologin Raffauf. Kleinkinder brauchen aber grundsätzlich keine elektronischen Geräte, um zu spielen. „Dem Stress der Geräte werden Kinder noch früh genug ausgesetzt.“

          Sich so viele Gedanken über den Medienkonsum bei Kleinkindern zu machen funktioniere oft allerdings nur beim ersten Kind, sagt die Medienforscherin Feierabend, denn für das zweite Kind brauchte man dann schon eine eigene Wohnung, um den bewegten Bildern aus dem Weg gehen zu können.

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