https://www.faz.net/-gum-8yp34

Dauerflimmern ab 6 Uhr : „Kinder brauchen kein Fernsehen“

  • -Aktualisiert am

Werden Kinder vor dem Fernseher geparkt, wirken sie oft sediert. Bild: Getty

Das Angebot an Fernsehsendungen ist schon für kleine Kinder immens. Viele Eltern sind verunsichert. Ab wann wird die Glotzerei schädlich?

          Wenn ein Kind heute auf die Welt kommt, lernt es seine Umgebung schnell kennen: Mama, Papa, das Bettchen, das Mobile über dem Wickeltisch und dann noch die Dinger, die immer so schön flimmern und bunte Bilder zeigen. Fernseher, Smartphones, Tablets – aus der Welt der Erwachsenen sind sie nicht mehr wegzudenken. Und schneller als jemals zuvor werden auch kleine Kinder damit konfrontiert. Erst indem sie Mama oder Papa dabei zusehen, und dann als Konsumenten, die immer früher in das Medium einsteigen.

          Gab es früher im Fernsehen eine Kindersendung am Tag für maximal eine halbe Stunde, gibt es heute nicht nur verschiedene Sender, die ein Kinderprogramm anbieten, sondern auch eine Vielzahl von Filmen und Serien, die bereits für kleine Kinder konzipiert sind und morgens ab 6 Uhr in den einschlägigen Kinderprogrammen laufen.

          Smartphone gegen Langeweile zücken

          Außerdem sind Kinderfilme und -serien durch das Smartphone zu jeder Zeit und überall verfügbar: Immer wenn dem Kind Langweile droht, etwa im Wartezimmer beim Arzt oder beim Kaffeetrinken mit der Freundin, zücken Mütter und Väter schnell das Smartphone – und das Kind ist ruhiggestellt.

          „Eltern vertrauen auf Sendungen, die sie bereits aus der eigenen Kindheit kennen, wie ,Pippi Langstrumpf‘.“

          Dabei sind Eltern heute mehr denn je verunsichert. Auf dem Spielplatz oder bei Kindergeburtstagen hört man immer wieder Gespräche unter Müttern und Vätern, wie sie mit dem Thema Fernsehen bei Kleinkindern umgehen sollen: Ist es schädlich, dass mein Sohn bereits mit zwei Jahren jeden Tag zehn Minuten etwas auf dem iPad schauen darf? Ab welchem Alter erlaube ich meiner Tochter überhaupt, vor dem Bildschirm zu sitzen? Wenn mein großer Sohn eine Kindersendung schaut, will die Kleine natürlich auch mitschauen, aber ist das nicht mit eineinhalb viel zu früh?

          Laissez-Faire oder strenge Regeln?

          Aber auch Rechtfertigungen sind zu hören: Meine zweijährige Tochter darf immer morgens eine Kindersendung schauen, damit ich mich für die Arbeit in Ruhe fertig machen kann. Während ich abends koche, schaut mein dreijähriger Sohn immer Kika, damit ich das Essen zubereiten kann, ohne dass es mir anbrennt. Andere führen strikte Regeln ein: Bei uns ist der Fernseher immer aus, solange unser Sohn wach ist. Fernsehen darf er erst, wenn er in die Schule kommt.

          „Kinder brauchen kein Fernsehen“, sagt die Psychologin Elisabeth Raffauf. „Dass Eltern ihre Kleinkinder aber gerne mal vor dem Fernseher parken, ist natürlich verständlich, denn es bringt für eine kurze Zeit Entlastung im Alltag, und dosiert eingesetzt, werden Kinder daran keinen Schaden nehmen.“

          Sparsamer Einsatz gefordert

          Grundsätzlich gehe es im Kleinkindalter darum, dass Eltern mit ihren Kindern in Beziehung treten, dass sie sich als Beziehungspersonen zur Verfügung stellen. Bei den neuen Medien, Smartphone und Co., fehle die dritte Dimension, die Gefühlsebene. „Kinder lernen dabei nicht: Wie reagiert mein Gegenüber überhaupt? Deshalb sollten diese Medien nur sehr sparsam eingesetzt werden“, so Raffauf.

          Sesamstraße: Früher gab es im Fernsehen eine Kindersendung am Tag für maximal eine halbe Stunde.

          Dass Filme und Serien aber überhaupt nicht sparsam eingesetzt werden, zeigen Zahlen der miniKim-Studie aus dem Jahr 2014, in der der Medienkonsum der Zwei- bis Fünfjährigen untersucht wurde. Demnach verbringen bereits Zweijährige eine halbe Stunde am Tag vor dem Fernsehgerät.

          Weitere Themen

          Modernes Leben

          TV-Kritik: Maischberger : Modernes Leben

          In Sandra Maischbergers erster Sendung nach der Sommerpause geht es um drängende Fragen unserer Zeit. Nicht jede Debatte erweist sich als zielführend. Ausnahme: Das Gespräch mit Joachim Gauck.

          Topmeldungen

          Thomas Middelhoff beim Gespräch über sein neues Buch „Schuldig“ in Hamburg

          Middelhoff im Gespräch : „Es war die Gier nach Anerkennung“

          Thomas Middelhoff war Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann und galt als „Wunderkind“ der Wirtschaft. Dann kam der Absturz: Steuerhinterziehung, Haft, Privatinsolvenz. Jetzt bekennt sich der gestürzte Manager: „Schuldig“
          Die jährliche Befragung von 6000 Bürgern ergibt irritierende Ergebnisse zum Thema Ärztemangel.

          Umfrage der Kassenärzte : Rätseln um den Ärztemangel

          Gibt es tatsächlich immer weniger Ärzte? Oder ändert sich nur die Art der Versorgung? Ist die Anspruchshaltung der Patienten überzogen? Die Ergebnisse einer Befragung irritieren.
          Demonstranten und Anwohner vor einer Polizeistation am Mittwochabend

          Plötzliche Disruption : „Ihr habt keine Heimat!“

          Nie waren sich Hongkonger und Festlandchinesen ferner als in diesen Tagen. Schon deshalb ist mit Unterstützung nicht zu rechnen. Chronik einer Eskalation
          Das durch den Abbau von jährlich rund 40 Millionen Tonnen Braunkohle entstandene „Hambacher Loch“.

          Gigantischer Stromspeicher : Die Wasserbatterie im Hambacher Loch

          Was ein visionärer Plan: Ein gigantischer Stromspeicher für überschüssigen Wind- und Solarstrom soll im „Hambacher Loch“ entstehen. Die Technik dürfte Kennern bekannt vorkommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.