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Elektrosensibilität : Sind das jetzt die Webers, die mich grillen?

Die Wiener Ärztekammer warnt zum Beispiel auf ihrer Homepage davor, Handys in die Hosentasche zu stecken. Möglicherweise könne es „die Fruchtbarkeit bei Männern beeinträchtigen“. Handystrahlung sei „nicht so ungefährlich, wie von dem Mobilfunkbetreibern immer wieder behauptet wird“. Solche Warnungen stoßen indessen bei den meisten Menschen auf taube Ohren. Elektrosensible können deswegen nicht nur von Unverständnis für ihr Leiden, sondern sogar von einer gewissen sozialen Ächtung berichten. So wie bei Frank Berner. Der hatte früher mehr Freunde. „Viele haben sich zurückgezogen, weil sie genervt waren, dass ich nicht mehr mobil erreichbar bin, oder weil sie mich für einen Spinner halten“, erzählt er, während er mit seinen Eltern bei Kaffee und Apfelkuchen in deren sonnendurchfluteter Altbauwohnung im Stuttgarter Villenviertel Gänseheide sitzt. Berner versucht ein Lachen, aber es gelingt ihm nicht so recht. Denn der Umgang mit anderen Menschen ist für ihn eine Gratwanderung geworden. „Ich kann ja nicht zu den Nachbarn gehen und sagen: Können Sie sich vorstellen, dass Ihr dect-Telefon bei uns auf den Esstisch strahlt? Oder auf mein Sofa funkt? Ich kann auch nicht mit dem Messgerät kommen, das ist doch peinlich, da fühlen die sich doch bedrängt und belästigt.“

Berner fände es wichtig, dass sich die Öffentlichkeit mehr für die Argumente der Mobilfunkkritiker interessiert. Die zitieren zum Beispiel eine Metastudie des Schweizer Bundesamtes für Umwelt aus dem Jahr 2006, in der ein Zusammenhang zwischen elektromagnetischer Strahlung und „unspezifischen Symptomen wie Kopfschmerzen“ als „wahrscheinlich“ eingestuft wird. Oder die Studie einer kanadischen Wissenschaftlerin, der es kürzlich gelungen ist, den schädlichen Einfluss von dect-Telefonen auf das Herz in einem Doppelblindversuch nachzuweisen: Magda Havas, Dozentin für Umweltstudien an der Trent-Universität in Peterborough, veröffentlichte im Oktober vergangenen Jahres im „European Journal of Oncology“ eine Studie, in der sie belegt, dass es Menschen gibt, deren Herzfrequenz sich stark erhöht, sobald man ihnen ein schnurloses Telefon an den Kopf hält.

Eine Freundschaft im Pausemodus

Das BfS hingegen ist anderer Meinung als die Autoren dieser beiden Studien. Es hat eigene Studien durchgeführt, die zu dem Ergebnis kommen, dass „nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch die hochfrequente Strahlung des Mobilfunks zu befürchten sind, wenn die Grenzwerte eingehalten werden“. Forschungsbedarf sieht auch das BfS allerdings noch bei möglichen Langzeitfolgen und bei Auswirkungen auf Kinder. Deswegen empfiehlt es, die eigene Strahlenbelastung vorsorglich so gering wie möglich zu halten.

Den Betroffenen hilft das nicht. Ihnen hülfe nur ein Leben im Funkloch. Frank Berner hat daher beschlossen, seine Nachbarn doch über seine Elektrosensibilität aufzuklären - Peinlichkeit hin oder her. Denn er möchte sein Leben in seinem sozial gewachsenen Umfeld fortführen und sich nicht in ein Reservat abschieben lassen. Ausgerüstet mit einem Messgerät für Elektrosmog, hat er daher einige direkte Anwohner aufgesucht, er hat sie das Rauschen der elektromagnetischen Felder in ihren Wohnungen und Häusern hören lassen und hat ihnen erzählt, wie er unter der Strahlung leidet. Manche haben ihm sogar geglaubt. Ein Nachbar tauschte nach Berners Besuch alle herkömmlichen dect-Telefone in seinem Anwesen gegen strahlungsarme dect-Telefone aus. Andere Mitbewohner einer früheren Wohnung wandten sich befremdet ab - selbst dann, als Berner ihnen anbot, alle Umrüstungskosten zu bezahlen. Und ein befreundetes Paar machte im gemeinsamen Urlaub verdeckte Tests mit ihm. „Die haben heimlich das WLAN alle Viertelstunde an und ausgeschaltet und mich nebenbei immer wieder beiläufig gefragt, wie es mir geht. Diese Freundschaft ist inzwischen im Pausemodus.“

Seine Familie immerhin hält zu ihm. Erträgt seine Launen, wenn er nächtelang nicht geschlafen hat. Seine emotionale Anspannung. Seine Verzweiflung. „Ich sehe es ihm an. Seine Augen, sein Gesichtsausdruck, seine Ausstrahlung sind ganz anders, wenn er dem ausgesetzt ist. Eine Auszehrung findet statt“, sagt seine Mutter. Und dann fängt sie fast an zu weinen. „Ihn so zu erleben, das tut mir zutiefst weh. Weil ich ihm einfach nicht helfen kann.“

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