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Psychologe im Gespräch : „Gefühle unterdrücken macht krank“

  • -Aktualisiert am

Gruppen-Yoga-Übungen auf dem Tempelhofer Feld in Berlin im August 2016: Hier wird die EInheit von Körper und Seele betont, wie auch von der Psychoneuroimmunologie. Bild: dpa

Körper und Seele sind eins – was die Schulmedizin oft missachtet, glaubt die Psychoneuroimmunologie beweisen zu können. Hier spricht der Psychologe Christian Schubert über die Wechselwirkungen zwischen Gehirn, Nerven- und Immunsystem.

          7 Min.

          Prof. Schubert, Sie gehen davon aus, dass körperliche Erkrankungen durch Psychotherapie heilbar sind. Was macht Sie da so sicher?

          Wir wissen inzwischen, dass es eine Verbindung gibt zwischen dem Nervensystem, also dem Gehirn, und dem Hormon- und Immunsystem. Unsere Nerven- und Immunzellen sind direkt und über Botenstoffe miteinander verbunden, und das wechselseitig. Und wenn das so ist, dann verändere ich über die Psyche, also Gehirn und Nerven, das Geschehen im Körper. Psychotherapie kann daher einen enormen Einfluss auf Krankheitsprozesse haben.

          Ich denke – und so geht es mir körperlich?

          Ja, was ich fühle oder denke, wird über eine veränderte Nervenaktivität in Hormone und Immunologie übersetzt. Umgekehrt wissen wir auch, dass, wenn wir eine Entzündung im Körper durchmachen, diese immunologische Aktivität unser Gehirn und unsere Psyche beeinflusst – wir fühlen uns elend und haben trübe Gedanken.

          Behandeln Sie als Psychotherapeut denn auch bewusst körperliche Erkrankungen mit – und erleben hier eine Verbesserung?

          Unbedingt. Einer meiner Patienten hat Morbus Crohn, eine Autoimmunkrankheit des Darms. Seitdem er zu mir in die psychotherapeutische Behandlung kommt, hat er keine Schübe mehr erlebt. Das Verhältnis zu seinem Sohn aus geschiedener Ehe hat sich verbessert, seine Schuldgefühle wegen der gescheiterten Beziehung haben nachgelassen, er hat eine neue Partnerin und ist selbstbewusster geworden.

          Was war für ihn der entscheidende Punkt?

          Dass er seinen „Rucksack an Schuld“ abgelegt hat, wie er wortwörtlich sagte.

          Bei Morbus Crohn geht auch die Schulmedizin von einem starken Einfluss der Psyche aus. Haben Sie vielleicht noch ein anderes Beispiel?

          Mich selbst. Im vergangenen Jahr hatte ich einen Divertikeldurchbruch des Dickdarms sowie vier weitere zum Teil schwere Entzündungsschübe. Das kann lebensgefährlich sein, und eigentlich wird einem ein Teil des Darms entfernt, wenn dies mehrmals geschieht. Ich hatte Angst vor einer solchen Operation, hab mich jedes Mal für Antibiotika entschieden und parallel gegoogelt: In den Foren im Internet sind lauter verschreckte, verzweifelte Patienten unterwegs, und das hat mich alles noch mehr verunsichert. Meine Ärzte, Chirurgen, konnten mir auch nicht viel sagen, nicht mal etwas zur Ernährung. Und dann bin ich selbst auf einen möglichen Grund für meine Erkrankung gekommen: Wir waren gerade drauf und dran, in unser neues Haus einzuziehen, ein für mich persönlich großer Schritt im Leben, der mich total gestresst hat.

          Als Psychotherapeut haben Sie sich dann quasi selbst behandelt?

          Gewissermaßen. Wenn jemand aber allein nicht herausfinden kann, was ihn innerlich belastet, sollte er sich unbedingt psychologische Hilfe holen, damit er auch wirklich gesund wird. Heilung ist meiner Erfahrung nach nur möglich, wenn die Seele nicht mehr drückt.

          Kann man deshalb darauf verzichten, den Körper medizinisch behandeln zu lassen? Sie haben doch vermutlich parallel auch entzündungshemmende Medikamente genommen?

          Ja, ich nahm Antibiotika und hielt Bettruhe ein. Ich war in einer außergewöhnlichen Stresssituation, die mit einer schweren körperlichen Erkrankung einherging. Da blieb mir nichts anderes übrig, als schulmedizinisch zu handeln. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass es mit Hilfe einer ganzheitlicheren Sichtweise nicht dazu hätte kommen müssen.

          Und wie geht es Ihnen heute?

          Seit mir die Hintergründe klargeworden sind, habe ich keine Beschwerden mehr. Das Haus belastet mich nicht mehr, im Gegenteil. Idealerweise sollten aber Ärzte ihre Patienten auf solche Zusammenhänge aufmerksam machen. Sie fragen: „Was ist in Ihrem Leben gerade los?“ Das wäre der „neue Arzt“, wie wir ihn dringend brauchen.

          Was zeichnet diesen „neuen Arzt“ noch aus?

          Er ist einer, der Impulse gibt, der sagt: „Mensch, mach, ich begleite dich“, ein partnerschaftlicher Ratgeber, der am Leben des Einzelnen interessiert ist, und nicht eine Autorität, die sagt, wo’s langzugehen hat. Einer, der Mut macht. Das kann Selbstheilungskräfte in Gang setzen, die den Patienten wieder gesunden lassen. Macht der Arzt hingegen Angst, schadet das eher, weil schlechte psychische Energie Schlimmes im Körper anrichten kann.

          Viele Ärzte würden sich gerne mehr Zeit für ihre Patienten nehmen, das System erlaubt es ihnen aber nicht.

          Es gibt so viele Ärzte, die bis zu 50 Patienten und mehr am Tag durchschleusen müssen und frustriert sind von unserem sogenannten Gesundheitssystem. Viele brechen deshalb längst mit den vorgegebenen Normen, weil sie eine andere Medizin machen möchten, und rechnen etwa verkehrt ab. Dieses ständige Übertreten von Regeln aber schafft wiederum Angst und Stress unter Ärzten.

          Wie viele Therapeuten arbeiten schon mit der Psychoneuroimmunologie, der PNI?

          Nur ein verschwindend geringer Teil.

          Einige Erkrankungen wie Neurodermitis, Bluthochdruck, Asthma oder eine Schilddrüsenüberfunktion gelten offiziell als „psychosomatisch“ – als Ursache werden seelische Konflikte angenommen. Wären nach dem Modell der PNI nicht alle Erkrankungen psychosomatisch?

          So ist es. Die Softvariante davon wäre: Es gibt keine Erkrankung, die nicht auch psychologische Aspekte hat. Ich würde aber noch einen Schritt weitergehen und vermuten, dass es viel mehr Krankheiten gibt als bisher angenommen, die psychisch verursacht werden können. Krebs- und Autoimmunerkrankungen könnten hierzu gehören. Wir wissen heute, dass das Gehirn „alle Stücke“ spielen kann, wenn es um das Entstehen von körperlichen Krankheiten geht. Die leidige Aufteilung in psychische und körperliche Krankheiten halte ich daher für überholt. Es gibt keine Trennung zwischen Seele und Körper.

          Beweist damit die PNI wissenschaftlich, was traditionelle Heilmethoden schon immer gesagt haben? Körper und Seele sind eins?

          Ja.

          Ihre Erkenntnisse basieren auch auf Ergebnissen aus dem Labor. Was haben Sie entdeckt?

          Wir haben uns in den letzten 20 Jahren Stressreaktionsprozesse unter Alltagsbedingungen genau angesehen. Dafür haben wir in Einzelfallstudien zunächst ausführlich mit den Probanden gesprochen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie sie ticken und was sie individuell stresst. Über zwei Monate hinweg mussten sie außerdem ihren gesamten Harn sammeln, wodurch wir kontinuierliche Urinmesswerte erhielten. Zusätzlich haben wir diese Menschen gebeten, täglich zu notieren, was ihnen durch den Kopf geht, wie sie sich fühlen, und haben sie wöchentlich dazu interviewt, was in der vergangenen Woche so passiert ist. Dabei haben wir starke zeitliche Verbindungen zwischen persönlich wichtigen Ereignissen und einer emotionalen Reaktion darauf festgestellt, mit der entsprechenden Ausschüttung von Stresshormonen im Urin.

          Zeigt das die herkömmliche Forschung nicht auch?

          Nein, herkömmliche Forschung kann bestimmte Ergebnisse nicht liefern, weil sie Menschen gleichförmig behandelt, um Ergebnisse schneller verallgemeinern zu können. Es wird dabei beispielsweise bei mehreren Personen zugleich ein Cortisol-Ausgangswert gemessen, dann werden diese in Stress versetzt, und später wird bei ihnen allen zum selben Zeitpunkt noch mal Cortisol gemessen. Als wären Menschen Maschinen, die immer gleich funktionieren und reagieren.

          Und das führt wozu?

          Zum einen bildet sich dabei nicht ab, dass der Stressreaktionsprozess zyklisch verläuft: Dabei wird das körpereigene Abwehrsystem mit Adrenalin aktiviert, dann steuert Cortisol dagegen. Zum anderen zeigt sich nicht, dass jeder Mensch unterschiedlich schnell und unterschiedlich stark auf eine Anforderung reagiert, der stressbedingte Anstieg des Cortisols kann nach 48 oder auch erst nach 84 Stunden stattfinden und verschieden stark ausfallen. Wird etwa immer nach 48 Stunden gemessen, scheint bei manchen Menschen kein Cortisol-Anstieg stattzufinden. Wir haben hingegen gezeigt, dass die Verzögerungszeiten bei Stressreaktionen von Individuum zu Individuum völlig unterschiedlich sind.

          In Ihrem Buch, das in den nächsten Tagen erscheint, wollen Sie erklären, warum der eine krank wird und der andere nicht. Hängt das eben damit zusammen, wie jeder von uns damit umgeht, was ihn stresst?

          Lassen Sie mich es so sagen: Wenn jemand dauerhaft Konflikte erlebt, am Arbeitsplatz, in seinen emotional wichtigen Beziehungen, wird sein Immunsystem geschwächt, und er bekommt häufiger als andere Virusinfekte, etwa auch eine Grippe. Wunden heilen schlechter, es kommt schneller zu allergischen Reaktionen. Wir gehen davon aus, dass Menschen, die dauerhaft gestresst sind und da nicht mehr rauskommen, langfristig auch anfälliger sind für Krebs- und Autoimmunerkrankungen.

          Ist das eine Vermutung, oder gibt es dafür Belege?

          Die PNI hat bereits nachgewiesen, dass es eine direkte Verbindung zwischen Stress und Krebs gibt. Wird andauernd Cortisol ausgeschüttet, kann das zu einem Wachstum von Krebszellen führen. Das wissen viele Mediziner aber nicht, zum Unwohl der Betroffenen. Noch ein Beispiel: Eine unserer Patientinnen in den Einzelfallstudien leidet an der Autoimmunerkrankung Lupus. Während der Studie kam es zu einer Trennung, woraufhin die Frau zwar traurig war, Gefühle von Gereiztheit und Wut aber regelrecht einfror. Gleichzeitig flackerte ihre Erkrankung wieder auf. Dies war auch bei einer anderen Patientin der Fall. Wir vermuten daher, dass das unbewusste Unterdrücken von Wut und Ärger mit der Entstehung von Autoimmunerkrankungen zusammenhängt. Hier braucht es noch mehr Forschung, aber wenn sich das bestätigt, würde das die internistische Medizin revolutionieren.

          Wo kann man selbst ansetzen, um gesund zu werden oder es zu bleiben?

          Die Message ist, dass chronische Stressoren krank machen können. Dazu gehören unbewusste Leitsätze, die wir mit uns herumtragen. Überzeugungen wie „Ich darf nicht weinen“ oder „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ lassen uns Belastungssituationen viel zu lange aushalten. Am Ende laufen viele dieser unbewussten Gedankenmuster auf ein zu geringes Selbstwertgefühl hinaus, das uns im Alltag ständig kämpfen lässt; wir vergleichen uns mit anderen, mit dem, was sie haben und wir nicht, und wir fordern uns Höchstleistungen ab, um dadurch letztlich geliebt zu werden.

          Wie reagieren Ihre Patienten auf die PNI? Es setzt ja Mitarbeit und Eigenverantwortung voraus, negative Gedankenmuster verändern zu wollen.

          Sie reagieren grundsätzlich positiv. Überall, wo ich PNI-Ergebnisse auch vor Laien präsentiere, schlägt mir eine Welle des Interesses entgegen. Aber es ist noch ein langer Weg hin zu einer biopsychosozialen Medizin, da der Patient selbst Teil des Problems ist. Es ist schmerzhaft, sich seinen psychischen Problemen zu stellen, lieber geht man zum „Medizinmaschinisten“ und lässt an sich herumschneiden. Das tut vermeintlich weniger weh als Psychotherapie.

          Was kann denn der Einzelne tun, ohne gleich eine Psychotherapie zu beginnen?

          Das muss ja nicht jeder. Fangen Sie damit an, Ihre emotional bedeutsamen Beziehungen zu betrachten. Diese können Killer und Heiler zugleich sein – tun sie Ihnen gut oder sind sie verletzend, schmerzhaft? Es gehören zwar immer zwei dazu, aber da Sie den anderen nicht ändern können, schauen Sie sich auch selbst an. Und ist eine Situation zu giftig, wäre es wichtig, sich daraus zurückzuziehen.

          Das setzt eine gute Wahrnehmung für sich selbst voraus.

          Die kann man üben. Im Alltag tritt oft eine Entfremdung von sich selbst ein, deshalb ist es wichtig, sich Zeit für sich zu nehmen und sich wieder zu spüren. Zu merken: Was tut mir gut, wo sind meine Grenzen? Die eigenen Gefühle zu unterdrücken macht auf Dauer krank. Wir wissen aus der PNI, dass das Sprechen über Belastendes seelisch und immunologisch befreiend wirkt, auch Tagebuchschreiben kann helfen.

          Nach dem Motto: Heute über den Maier geärgert?

          Genau, sich ganz darüber auslassen, es aus sich herausschreiben.

          Hilft positives Denken?

          Ich würde mich eher fragen, wie es dazu kam, dass jemand nicht positiv denkt, und darauf vertrauen, dass, wenn ich das bearbeitet habe, das positive Denken von allein kommt. Und das hilft in der Tat. Eine Reihe von Untersuchungen der PNI zeigte, dass Ansätze der Positiven Psychologie wie Optimismus, Selbstwirksamkeit, Selbstvertrauen und soziale Unterstützung die Immunaktivität positiv beeinflussen können. Fragen Sie sich außerdem, was Ihre Ziele sind und ob Sie dementsprechend leben. Was ist der Sinn Ihres Lebens? Das klingt alles banal, ist es aber nicht.

          Das Buch von Prof. Christian Schubert und Madeleine Amberger erscheint am 16. September: „Was uns krank macht, was uns heilt. Aufbruch in eine neue Medizin“, Fischer & Gann-Verlag (274 Seiten, 24 Euro).

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