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Psychologe im Gespräch : „Gefühle unterdrücken macht krank“

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Die PNI hat bereits nachgewiesen, dass es eine direkte Verbindung zwischen Stress und Krebs gibt. Wird andauernd Cortisol ausgeschüttet, kann das zu einem Wachstum von Krebszellen führen. Das wissen viele Mediziner aber nicht, zum Unwohl der Betroffenen. Noch ein Beispiel: Eine unserer Patientinnen in den Einzelfallstudien leidet an der Autoimmunerkrankung Lupus. Während der Studie kam es zu einer Trennung, woraufhin die Frau zwar traurig war, Gefühle von Gereiztheit und Wut aber regelrecht einfror. Gleichzeitig flackerte ihre Erkrankung wieder auf. Dies war auch bei einer anderen Patientin der Fall. Wir vermuten daher, dass das unbewusste Unterdrücken von Wut und Ärger mit der Entstehung von Autoimmunerkrankungen zusammenhängt. Hier braucht es noch mehr Forschung, aber wenn sich das bestätigt, würde das die internistische Medizin revolutionieren.

Wo kann man selbst ansetzen, um gesund zu werden oder es zu bleiben?

Die Message ist, dass chronische Stressoren krank machen können. Dazu gehören unbewusste Leitsätze, die wir mit uns herumtragen. Überzeugungen wie „Ich darf nicht weinen“ oder „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ lassen uns Belastungssituationen viel zu lange aushalten. Am Ende laufen viele dieser unbewussten Gedankenmuster auf ein zu geringes Selbstwertgefühl hinaus, das uns im Alltag ständig kämpfen lässt; wir vergleichen uns mit anderen, mit dem, was sie haben und wir nicht, und wir fordern uns Höchstleistungen ab, um dadurch letztlich geliebt zu werden.

Wie reagieren Ihre Patienten auf die PNI? Es setzt ja Mitarbeit und Eigenverantwortung voraus, negative Gedankenmuster verändern zu wollen.

Sie reagieren grundsätzlich positiv. Überall, wo ich PNI-Ergebnisse auch vor Laien präsentiere, schlägt mir eine Welle des Interesses entgegen. Aber es ist noch ein langer Weg hin zu einer biopsychosozialen Medizin, da der Patient selbst Teil des Problems ist. Es ist schmerzhaft, sich seinen psychischen Problemen zu stellen, lieber geht man zum „Medizinmaschinisten“ und lässt an sich herumschneiden. Das tut vermeintlich weniger weh als Psychotherapie.

Was kann denn der Einzelne tun, ohne gleich eine Psychotherapie zu beginnen?

Das muss ja nicht jeder. Fangen Sie damit an, Ihre emotional bedeutsamen Beziehungen zu betrachten. Diese können Killer und Heiler zugleich sein – tun sie Ihnen gut oder sind sie verletzend, schmerzhaft? Es gehören zwar immer zwei dazu, aber da Sie den anderen nicht ändern können, schauen Sie sich auch selbst an. Und ist eine Situation zu giftig, wäre es wichtig, sich daraus zurückzuziehen.

Das setzt eine gute Wahrnehmung für sich selbst voraus.

Die kann man üben. Im Alltag tritt oft eine Entfremdung von sich selbst ein, deshalb ist es wichtig, sich Zeit für sich zu nehmen und sich wieder zu spüren. Zu merken: Was tut mir gut, wo sind meine Grenzen? Die eigenen Gefühle zu unterdrücken macht auf Dauer krank. Wir wissen aus der PNI, dass das Sprechen über Belastendes seelisch und immunologisch befreiend wirkt, auch Tagebuchschreiben kann helfen.

Nach dem Motto: Heute über den Maier geärgert?

Genau, sich ganz darüber auslassen, es aus sich herausschreiben.

Hilft positives Denken?

Ich würde mich eher fragen, wie es dazu kam, dass jemand nicht positiv denkt, und darauf vertrauen, dass, wenn ich das bearbeitet habe, das positive Denken von allein kommt. Und das hilft in der Tat. Eine Reihe von Untersuchungen der PNI zeigte, dass Ansätze der Positiven Psychologie wie Optimismus, Selbstwirksamkeit, Selbstvertrauen und soziale Unterstützung die Immunaktivität positiv beeinflussen können. Fragen Sie sich außerdem, was Ihre Ziele sind und ob Sie dementsprechend leben. Was ist der Sinn Ihres Lebens? Das klingt alles banal, ist es aber nicht.

Das Buch von Prof. Christian Schubert und Madeleine Amberger erscheint am 16. September: „Was uns krank macht, was uns heilt. Aufbruch in eine neue Medizin“, Fischer & Gann-Verlag (274 Seiten, 24 Euro).

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