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Gefährliches Radfahren : Eine Helmpflicht würde Leben retten

Zwei Frauen mit Fahrradhelmen in Stuttgart (Archivbild). Eine neue Studie entfacht wieder einmal die Debatte um eine mögliche Helmpflicht. Bild: dpa

Die Gegner der Helmpflicht sagen: Mit ihr würden weniger Menschen Radfahren – und das schade der Umwelt und führe zu einer Zunahme von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Doch reichen diese Argumente angesichts der hohen Zahl an Unfällen aus?

          Über die Helmpflicht für Fahrradfahrer wird so erbittert gestritten wie der in den siebziger und achtziger Jahren über die Gurtpflicht im Auto. Die Befürworter sagen: Eine Helmpflicht für Fahrradfahrer könne schwere Kopfverletzungen und Schädel-Hirn-Traumata verhindern. Die Gegner, unter ihnen auch der „Allgemeine Deutsche Fahrrad Club“ (ADFC) und zahlreiche Politiker, argumentieren: Die Helmpflicht mache das Verkehrsmittel Fahrrad unattraktiv, schade der Umwelt und führe zu einer Zunahme von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die Debatte wird der Dramatik des Problems wohl nicht gerecht. Denn die Zahlen steigen stark. Die Zahl der Fahrradunfälle ist von 44.808 Unfällen mit Fahrradbeteiligten im Jahr 2010 auf 53.870 im Jahr 2016 gestiegen. Dieser Anstieg hat mit dem Boom des Fahrradmarkts zu tun, und auch die Pedelecs haben einen Anteil daran. Etwa 400 Fahrradunfälle jährlich nehmen einen tödlichen Verlauf.

          Der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) wollte genau wissen, welchen Nutzen und welchen Schaden die Helmpflicht für Radler mit sich bringen könnte. Er ließ eine Studie über die „Sicherheitspotentiale durch Fahrradhelme“ anfertigen. Erörtert werden sollte die schützende Wirkung der Fahrradhelme und die Kosten für Umwelt und Gesundheit. Das Ergebnis ist wenig überraschend: Eine Helmpflicht würde die Tragequote um 30 Prozent steigern, die Fahrradfahrleistungen würden um sieben Prozent abnehmen.

          Die Zahl der Schwerstverletzten ginge um 15 Prozent zurück

          In der Studie ist auch erstmals die Wirksamkeit von Fahrradhelmen in Relation zur Schwere der Kopfverletzungen berechnet worden. Danach kann ein Helm etwa 80 Prozent der Kopfverletzungen von Schwerverletzten vermeiden, bei Leichtverletzten gäbe es 20 Prozent weniger Kopfverletzungen. Die Zahl der Leichtverletzten ginge um zwei Prozent, die der Schwerverletzten um sieben Prozent und die der Schwerstverletzten sogar um 15 Prozent zurück. Auch die Zahl der Verkehrstoten würde pro Jahr um einige hundert geringer ausfallen. Die Autoren sprechen von 569 bis 607 „Lebensäquivalenten“: Ein vermiedener Schwerstverletzter wurde beispielsweise mit dem Faktor 0,386 eines Lebensäquivalentes einberechnet.  

          Würde eine Helmpflicht die Menschen vom Radeln abbringen? Das kann nach dieser Studie nur noch ein schwaches Argument sein. Eine Fahrradhelmpflicht würde zwar zu einem Rückgang der Fahrradnutzung führen, aber wahrscheinlich nur vorübergehend, weil es Gewöhnungseffekte gibt. Außerdem schreckt die Fahrradhelmpflicht vor allem Radler im Alter zwischen zehn und 19 Jahren ab. Dieser Effekt ließe sich wahrscheinlich auch durch Verkehrserziehung minimieren. Das Risiko, ein schweres Schädel-Hirn-Trauma bei einem Fahrradunfall zu erleiden, ist nach einer Studie der Universität von Arizona um 58 Prozent geringer, wenn ein Helm getragen wird, die Wahrscheinlichkeit, an einer Kopfverletzung zu sterben, sogar 59 Prozent geringer.

          Trotz vieler guter Gründe: Nicht einmal Hermann fordert noch die Helmpflicht. Weder in der grün-schwarzen Koalition noch im Bundesrat gibt es dafür eine Mehrheit, erlassen werden könnte sie nur vom Bund. Hermann belässt es beim Appell: „Mehr als die Hälfte aller Fahrradunfälle mit schwerwiegenden Folgen betrifft ältere Radlerinnen und Radler. Deshalb ist es umso schlimmer, dass die Bereitschaft, einen Helm zu tragen, mit zunehmendem Alter abnimmt.“

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