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Interview mit Psychiater : „Orte des Transits können psychisch Kranke anziehen“

Erhöhtes Sicherheitsbedürfnis: Polizisten auf Streife am Dienstag in Frankfurter Hauptbahnhof. Bild: EPA

Der Mann, der in Frankfurt einen acht Jahre alten Jungen vor einen einfahrenden ICE gestoßen hat, könnte psychisch krank sein. Ein Interview mit Psychiater Andreas Reif über Patienten, die an Bahnhöfen und Flughäfen stranden.

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          Herr Prof. Reif, noch ist nicht geklärt, ob der mutmaßliche Täter von Frankfurt psychisch krank ist. Diskutiert wird öffentlich trotzdem die Diagnose der Psychose. Können Psychosen Menschen zu solchen Taten treiben?

          Lucia Schmidt
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es gibt Psychosen, die mit solchen schrecklichen Gewalttaten zusammenhängen können, aber das sind absolute Einzelfälle. Häufig handelt es sich dabei genau genommen um das Krankheitsbild der Paranoia, bei der ein systematisierter Wahn ein Symptom sein kann. Betroffene nehmen ihre Umwelt als verzerrt und beängstigend wahr, fühlen sich in bestimmten Situationen bedroht und handeln dementsprechend; außerhalb dieser wahnhaften Reaktionen können sie aber auf den ersten Blick als geordnete und gesunde Person erscheinen.

          Die Psychiatrie und ihre Patienten werden noch immer stigmatisiert; solch furchtbare Taten wie in Frankfurt tragen dazu bei. Wie gefährlich sind Menschen, die an einer Psychose leiden?

          Wie gesagt: Sollten sich die Spekulationen bestätigen, dann ist diese schreckliche Tat ein absoluter Einzelfall. Aber natürlich, man darf auch nicht verschweigen, dass das Gewaltgesamtrisiko bei Psychosen leicht erhöht ist – ohne verallgemeinern zu wollen. Wichtig ist: Um Patienten, von denen eine solche Gefahr ausgehen könnte, muss man sich intensiv kümmern, sie müssen adäquat behandelt werden. Und man muss sich als Gesellschaft auch immer wieder die Frage stellen, welche Regelungen man haben will, wenn man eine mögliche Zwangsbehandlung gegen die Autonomie des Einzelnen abwägen muss, sobald die Gefahr der Fremdgefährdung im Raum steht.

          Mal weg von der aktuellen Tat am Hauptbahnhof: Dieser spielt auch in Ihrer täglichen Arbeit sonst eine Rolle. Ihre Klinik ist neben weiteren dafür zuständig, psychiatrische Patienten aufzunehmen, die entweder am Frankfurter Hauptbahnhof oder am Flughafen auffallen. Wie häufig kommen solche Personen vom Bahnhof?

          Wenn wir mal die Obdachlosen außen vor lassen, von denen es viele dort gibt, sondern nur Reisende im Blick haben, dann kann ich nur schätzen, da diese Art der Zuweisung in unserem System nicht hinterlegt ist. Ich würde aber sagen, es sind etwa zwei Patienten im Monat.

          Andreas Reif, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitäts-Klinikum Frankfurt
          Andreas Reif, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitäts-Klinikum Frankfurt : Bild: dpa

          Mit welchen Krankheitsbildern kommen sie?

          Die Patienten vom Hauptbahnhof lassen sich in drei Gruppen aufteilen. Es sind die, die einen Suizidversuch begehen wollen. Aus welchen Gründen auch immer. Dann sind es Menschen, die schwer betrunken oder anders intoxikiert sind. Die dritte Gruppe, das sind Menschen, die an einer schizophrenen Psychose oder einer Manie im Rahmen einer bipolaren Störung leiden. Diese Menschen setzen sich teilweise in den Zug aufgrund von Größenwahn, Verfolgungsideen, Denkstörungen. Ihre Motivation, an einen Bahnhof zu gehen oder in einen Zug einzusteigen, ist vielfältig. Sie stranden dann oft einfach hier – und wollten gar nicht nach Frankfurt. Manchmal werden sie auch rausgeschmissen aus dem Zug, weil sie etwa gar keine Fahrkarte haben. Also auch die Gründe, wie sie aus dem Zug auf den Bahnsteig kommen, sind vielschichtig. Manchmal sind es auch Patienten, die woanders in stationärer Behandlung sind, dort entweichen und in den Zug gestiegen sind.

          Wie viele Patienten werden Ihnen vom Flughafen zugewiesen?

          Hier sind es auch wieder nur Schätzungen: einer bis zwei im Monat.

          Und bringen diese ähnliche Diagnosen mit wie die vom Bahnhof?

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