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Interview mit Psychiater : „Orte des Transits können psychisch Kranke anziehen“

Am Flughafen gibt es auch die Patienten, die stranden, nicht selten im Transitbereich. Teilweise fallen sie schon im Flugzeug durch psychotische Symptome auf. Interkontinental-Flüge bringen durch die Zeitverschiebung ein Risiko mit, eine Psychose zu triggern. Das weiß man, auch wenn es selten vorkommt. Diese Gruppe ist zumindest der einen vom Bahnhof ähnlich, auch wenn sie häufig sozioökonomisch besser dasteht, einfach weil Fliegen teurer ist als Bahnfahren.

Gibt es noch eine andere Gruppe?

Die zweite große Gruppe, die nur am Flughafen vorkommt, das sind Patienten, die für eine Abschiebung avisiert sind oder hierherkommen, um Asyl zu beantragen. Diese Patienten leiden häufig unter Traumatisierungen in ihren Herkunftsländern, Depressionen oder akuter Suizidalität.

Sind öffentliche Orte des Reisens und des Transits für psychisch kranke Menschen besonders interessant, anziehend oder beängstigend?

Ich würde schon sagen, ja – einfach weil es Orte sind, an denen viele Menschen zusammenkommen. Das alleine erhöht schon die Wahrscheinlichkeit, dass darunter einer mit einem psychischen Leid ist. Aber ein Ort mit so vielen Eindrücken und einer gewissen Lautstärke kann auch dazu führen, dass psychische Symptome sich plötzlich deutlicher zeigen. So ein Ort kann für Menschen Stress bedeuten. Menschen mit Psychosen tut das nicht gut, sie brauchen eher Ruhe und Abschirmung. Aber es sind natürlich auch Orte, die manche Patienten mit solchen Erkrankungen anziehen, weil es Orte mit Bedeutung sind; das weckt Phantasien.

Gerade bei Manikern?

Klar, für sie ist das ein toller Ort, sich auszuleben, zu präsentieren und Ideen zu entwickeln. Die Reiselust ist bei diesen Patienten oft sehr ausgeprägt.

Wie geht es denn mit Patienten weiter, die von der Reise zu Ihnen in die Psychiatrie kommen?

Das ist ganz unterschiedlich. Selbstverständlich helfen wir ihnen erst einmal und therapieren sie. Aber wir versuchen immer auch, sie möglichst schnell heimatnah zu verlegen. Weil das für viele das Beste ist. Das geht aber natürlich nur, wenn der Patient auch transportfähig ist. Das ist bei Schwerkranken nicht immer der Fall. Überhaupt ist der Rücktransport mit vielen Hürden verbunden - vor allem, wenn die Krankenkassen einen Transport in andere Bundesländer, Staaten oder gar mit dem Flugzeug bezahlen sollen. Manch ein Transport muss auch von einem Arzt begleitet werden. Außerdem muss man eine Einrichtung dort finden, die den Patienten nimmt und wo er hinwill. Ein solcher Prozess kann sich manchmal über Wochen hinziehen und blockiert Betten für andere Patienten.

Sie sagten, es gibt auch Patienten, die aus dem Transitbereich des Flughafens kommen. Wo bringen Sie diese unter, wenn sie gar nicht richtig eingereist sind?

Diese müssen verpflichtend auf der geschlossenen Station behandelt werden, dann gelten sie formal als „nicht eingereist“ - die sogenannte „Fiktion der Nicht-Einreise“. Hier kann es sein, dass Beamte der Bundespolizei in der Klinik vor Ort sind, um ein Entweichen zu verhindern; sobald der Patient sich aus dem geschlossenen Bereich entfernen würde, würde er, wenngleich illegal, als eingereist gelten, mit allen Konsequenzen.

Glauben Sie, dass in Frankfurt, diesem Verkehrsdrehkreuz mit dem größten deutschen Flughafen, besonders viele psychisch kranke Menschen stranden?

Fälle mit Reisenden kenne ich auch aus Psychiatrien in anderen Städten, aber da kommt das dann sehr viel seltener vor. Ich denke, durch den Standort als Verkehrsknotenpunkt spielt Frankfurt bei diesem Thema eine besondere Rolle. Vielleicht geht es Kliniken in Berlin noch ähnlich; das ist eine Stadt, die Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten anzieht. Aber sonst sehe ich Frankfurt da innerhalb Deutschlands ziemlich weit vorne.

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