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Orthorexie : Ein Leben nach dem Speiseplan

„Problem mit dem Selbstwert“: Patientin Rubnitz in der Klinik Bild: Jan Roeder

Der Zwang, gesund zu essen, ist noch keine offizielle Diagnose. Dennoch brauchen Betroffene ärztliche Hilfe.

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          In Caroline Rubnitz’ Küche stehen neun Sorten Mehl: Leinsamen-, Haselnuss-, Mandel-, Kokos-, Walnuss-, Soja-, Kichererbsen-, Traubenkern- und Sesammehl. „Alles, bloß kein Weizenmehl, weil das Kohlenhydrate enthält“, sagt Rubnitz, eine zierliche Frau um die 50 Jahre, „Kohlenhydrate waren für mich Teufelszeug.“ Im Moment allerdings isst sie jeden Tag welche. Denn Rubnitz, die eigentlich anders heißt, ist nicht mehr zu Hause in ihrer Küche. Seit fünf Wochen ist sie, die Norddeutsche, in der psychosomatischen „Schön Klinik Roseneck“ in Prien am Chiemsee. Hier lernt sie, dass ihr Körper nach Kohlenhydraten „schreit“. Und warum sie dieses Schreien ignorierte.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Angefangen hatte alles vor anderthalb Jahren nach einem Urlaub, da fand sich Rubnitz plötzlich zu dick. Eine Freundin erzählte ihr von ihrem Erfolg mit einer Low-Carb-Ernährung, also einer Ernährung mit möglichst wenig Kohlenhydraten, „aber das klappte bei mir nicht, ich nahm nicht ab“, erzählt Rubnitz. Also strich sie stattdessen gleich alle Kohlenhydrate von ihrem Speiseplan. „Vernünftig“ ernähren nannte sie das. Sie aß nur noch ganz frisches Gemüse, das sie jeden Tag in der Bioabteilung ihre Supermarktes oder auf dem Markt kaufte, damit möglichst viele Vitamine darin enthalten waren.

          Süßigkeiten, Fast Food und Fertigprodukte waren tabu, Zucker ersetzte sie durch „Xucker“, ein Süßungsmittel, das sich mit der Low-Carb-Ernährungsweise verträgt. Olivenöl kaufte sie nicht mehr in Deutschland, das erschien ihr zu ungesund, weil zu sehr behandelt. Stattdessen ließ sie es sich von Bekannten oder Kollegen aus dem Urlaub mitbringen. Alle Kalorien, die sie zu sich nahm, gab sie in eine App ein, die dann zugleich den Nährwert ihrer Mahlzeiten nach Eiweiß-, Fett- und Kohlenhydratanteil bewertete.

          Ein bis zwei Prozent der Menschen davon betroffen

          Immer wichtiger wurde für Rubnitz das Essen und der Gedanke daran, bald beanspruchte das Thema fast ihre gesamte freie Zeit: Wenn sie nicht bei der Arbeit war, saß sie entweder im Auto, um ihre Spezial-Mehlsorten in einer achtzig Kilometer entfernten Mühle zu kaufen, oder sie stand in ihrer Küche, um Mahlzeiten zu planen oder ihre Spezialspeisen zuzubereiten: „Spaghetti“ aus Möhren oder Zucchini zum Beispiel, hergestellt mit dem Gemüseschneider aus frischem Gemüse. „Ich war ziemlich fanatisch“, sagt Rubnitz.

          Etwa ein bis zwei Prozent der Menschen sind wie Rubnitz zwanghaft davon besessen, sich extrem gesund zu ernähren, sagt Friederike Barthels, Klinische Psychologin an der Uni Düsseldorf. Das gesamte Denken dieser Menschen kreist ums Essen, genauer, um das „richtige“ Essen. Es geht ihnen nicht darum, abzunehmen, sondern darum, nur bestimmte Lebensmittel zu sich zu nehmen – meist aus Angst vor Krankheiten. „Der Leidensdruck wird dann besonders spürbar, wenn trotz der gesunden Ernährungsweise körperliche Beschwerden auftauchen oder alte Beschwerden, die man zu heilen versuchte, nicht verschwinden“, erklärt Barthels.

          Sie hat einen Fragebogen entwickelt, mit dessen Hilfe sie ermitteln kann, ob jemand „orthorektisch“ sein könnte. Die Einschätzungen in dem Test lauten zum Beispiel: „Dass ich gesunde Nahrungsmittel zu mir nehme, ist mir wichtiger als Genuss.“ Oder: „Wenn ich etwas Ungesundes gegessen habe, mache ich mir große Vorwürfe.“ Doch längst nicht alle Menschen, die in dem Test eine hohe Punktzahl erzielen, leiden unter dem, was sie tun. Und dann sind sie, sagt Barthels, auch keine Orthorektiker.

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