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Orthorexie : Ein Leben nach dem Speiseplan

Aus überregulierten Essen kann unzureichende Ernährung werden

Der Übergang von Orthorektikern zu Gesunden auf der einen Seite und Essgestörten auf der anderen Seite ist fließend, sagt Ulrich Cuntz, Chefarzt in der „Schön Klinik Roseneck“ und behandelnder Arzt von Caroline Rubnitz. „Es gibt viele Menschen, vor allem Frauen, bei denen gesundheitliche Themen die Nahrungsaufnahme bestimmen. Oft bewegt sich das in einem normalen Rahmen. Andererseits kann aus sehr gesundem Essen schnell überreguliertes Essen werden – und aus überregulierten Essen eine unzureichende Ernährung.“ Die wäre dann Symptom einer Störung, die aber meist nicht erkannt würde, denn Orthorektiker hätten häufig wenig Leidensdruck: „Sie sind ja normalgewichtig. Meist kommen sie erst in Kliniken, wenn sie zusätzlich magersüchtig oder bulimisch werden.“

In der Klinik muss Rubnitz, jetzt viel mehr essen, als sie will. Damit ihr Körper lernt, dass er ihr wieder vertrauen kann. Ist es nicht schön, so gut zu sich und zu seinem Körper zu sein? Rubnitz lehnt sich in ihrem Stuhl in der Cafeteria der Klinik zurück und verschränkt die Arme vor der Brust. „Nein“, sagt sie, „mein Eindruck ist, dass jeder hier in der Klinik ein Problem mit dem Selbstwert hat. Das ist ganz, ganz heftig. Ich denke, ich hätte es nicht verdient, dass es mir gutgeht. Ich denke, ich sei eine Niete. Nur wenn ich meinen eigenen, harten Regeln folge, wenn ich mich selbst ganz streng kontrolliere, bin ich etwas wert.“

Ihre Mutter, erzählt Rubnitz, habe sie nicht gewollt; sie habe sie geringgeschätzt, missachtet und fertiggemacht. „Ich habe gelernt: Egal, wie sehr ich mich abrackere, es ist nie genug. Ich fühlte mich meine ganze Kindheit hindurch als Null.“ Essstörungen, das hat sie in der Klinik gelernt, seien Möglichkeiten, sich einem selbstgewählten rigiden Korsett zu unterwerfen, um sich selbst zu beweisen, dass man das schaffe und somit doch keine Null sei.

„Denn was ist schon normal?“

Gerade hat sie ein Buch gelesen und gelernt, dass, egal, was man ihr angetan hat, sie ihren Wert nicht verliert. „Ich liebe die Geschichte vom 100-Euro-Schein“, schwärmt sie und fängt gleich an, sie zu erzählen: Der 100-Euro-Schein werde vor einer Gruppe von Menschen zerknüllt, beschmutzt, zertrampelt und bespuckt. „Nach jedem Schritt fragt jemand in die Runde, ob die Menschen in der Gruppe den Schein trotzdem noch haben wollen. Und natürlich sagen die alle ,Ja‘. Sinn der Geschichte ist es, dass wir Menschen wie der 100-Euro-Schein sind. Man kann uns unseren Wert nicht nehmen, egal, was man mit uns gemacht hat.“

Einige Wochen wird Rubnitz noch in der Klinik bleiben und verschiedene Therapien machen - Verhaltenstherapie, Gestaltungstherapie, allgemeine Gruppentherapie, Bewegungstherapie, Essstörungsbewältigungstherapie und Gruppentherapie für soziale Kompetenz. Dann will sie zurück nach Hause fahren und alle Low-Carb-Lebensmittel aus ihrer Küche entsorgen, „so weh mir das tut, weil die sehr teuer waren“.

Vorher muss sie aber noch lernen, wie sie ihre Freizeit künftig füllen kann, ohne über ihre Ernährung nachzudenken. Sie sagt, dass sie das ganz schön schwierig findet: „Diese Balance zu halten zwischen vernünftig essen, aber nicht übermäßig drauf zu achten. Denn was ist schon normal? Das weiß doch heute keiner mehr.“

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