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Orthorexie : Ein Leben nach dem Speiseplan

Mit Wissen den Normalessern überlegen

Die alleinlebende und kinderlose Rubnitz allerdings merkte irgendwann, dass ihr Essverhalten nicht besonders sozialkompatibel war: Vor Freunden, Kollegen und Verwandten verheimlichte sie zunehmend ihre Art, sich zu ernähren. Wenn sie zum Kaffeetrinken eingeladen wurde, brachte sie sich ihren Kuchen selbst mit oder bot an, gleich für alle etwas zu backen. Wenn sie zum Abendessen eingeladen wurde, sagte sie ab. Auch in Restaurants ging sie nicht mehr. „Das Essen dort entsprach nicht meinen Anforderungen. Zu Hause konnte ich alles besser steuern.“

Weil sie aber auf diese Art und Weise kaum noch Freundschaften pflegen konnte, wurde sie immer einsamer, und die Beschäftigung mit ihrer Ernährung war somit bald das Einzige, was sie außerhalb ihrer Arbeit überhaupt noch hatte. Doch immer noch überwogen in ihren Augen die Vorteile: „Das alles gab mir Halt und Orientierung.“ Außerdem fühlte sie sich mit ihrem Wissen Normalessern überlegen. Wenn ihre Ärztin sagte: „Wieso soll ich das googeln, ich kann doch Sie fragen“, dann war sie stolz und fühlte sich wertvoll.

Und krankhaft ist die Orthorexie ohnehin nicht, zumindest taucht sie in der internationalen Diagnoseklassifikation für Essstörungen nicht auf. Dennoch ist sie in manchen Fällen behandlungswürdig.

Bei Caroline Rubnitz war es so, dass sie irgendwann an nichts anderes mehr denken konnte als an ihre Ernährung – und außerdem immer weniger aß. Zum Frühstück gab es irgendwann nur noch Knäckebrot mit selbstgemachtem Gemüseaufstrich, zum Mittagessen ein halbes Laugenbrötchen, was für sie wegen des Weizenmehls eine riesige Sünde war, und abends Mini-Tomaten und Gurken. Schließlich schickte ihre Ärztin sie wegen einer nicht näher bezeichneten Essstörung in die „Schön Klinik Roseneck“ – obwohl sie kein Gewicht verloren hatte.

Wie Tiere, die ihre Begierden befrieden wollen

Der erste, der Verhaltensweisen wie denen von Rubnitz eine Namen gegeben hat, war der amerikanische Arzt Steven Bratman. Dieser hatte in seiner Jugend eine Zeit als Koch in einer großen Kommune im Staat New York gearbeitet und beobachtet, wie einige Kommunarden sich weigerten, Nahrung zu essen, die in Pfannen oder Töpfen zubereitet worden war, in denen zuvor Fleisch gegart wurde - weil diese sonst von fleischlichen „Schwingungen“ verseucht worden wäre. Wieder andere mieden „todbringende“ Nachtschattengewächse wie Kartoffeln, Tomaten oder Auberginen oder nahmen Gemüse nur unzerschnitten zu sich, weil sonst das Energiefeld zerstört worden wäre.

Vor knapp zwanzig Jahren bezeichnete Bratman diese übersteigerte Fixierung auf gesunde Nahrungsmittel dann als Störung und nannte sie, in Anlehnung an Anorexie (Magersucht), Orthorexie – die griechische Vorsilbe „ortho“ heißt so viel wie „gerade, richtig“.

Er selbst, das räumte er freimütig ein, war in seiner Zeit als Kommunarde auch ein Orthorektiker gewesen: Er verachtete Menschen, die Schokolade und Pommes Frites in sich hineinstopften, sie waren für ihn Tiere, die ihre Begierden zu befriedigen suchten. Gegen Ende seiner Zeit in der Kommune konnte er kein Gemüse mehr essen, das vor mehr als einer Viertelstunde geerntet worden war. Er war strenger Vegetarier, kaute jeden Bissen fünfzigmal und füllte seinen Magen bei den Mahlzeiten nur zum Teil. Heute allerdings sagt Bratman über Orthorektiker: „Statt eines Lebens besitzen sie nur noch einen Speiseplan.“

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